piwik no script img

Schwedische Renaissance des BargeldsDigital reicht nicht immer

Kommentar von

Svenja Bergt

Seit Mittwoch müssen Schwe­d:in­nen in Lebensmittelläden und Apotheken wieder bar bezahlen können. Ein bemerkenswerter Schritt – und sinnvoll.

W as für eine Kehrtwende: In Schweden sind Lebensmittelgeschäfte und Apotheken mit einem in dieser Woche in Kraft tretenden Gesetz dazu verpflichtet, Bargeld anzunehmen – Ausnahmen gelten etwa, wenn ein Laden keine Kasse mit Personal hat. Für ein Land, das sich viele Jahre damit rühmte, beim Bezahlen möglichst digital aufgestellt zu sein, ist das durchaus ein bemerkenswerter Schritt. Dass er kommt, ist dennoch folgerichtig.

Denn in Teilen von Bevölkerung und Politik – bei einigen schneller, bei anderen langsamer – kommt die Erkenntnis an, dass Digitalisierung ohne Back-up vielleicht keine so gute Idee ist. Back-up meint hier: einen Plan B, wenn die digitale Lösung mal ausfällt. Schweden hat da schon seine Erfahrungen gemacht: Vor fünf Jahren legte ein Angriff auf einen US-amerikanischen IT-Dienstleister in der Folge zahlreiche Bezahlsysteme lahm.

In Schweden mussten unter anderem diverse Supermärkte und Apotheken ihre Dienste einstellen. Zwar waren im konkreten Fall auch Barzahlungen betroffen. Doch bei einem länger andauernden Ausfall wäre es eher möglich, außerhalb der üblichen Systeme eine Bargeldkasse einzurichten, als mal schnell einen alternativen digitalen Weg aufzubauen.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Natürlich löst Bargeld nicht alle Abhängigkeiten. Fällt der Strom aus, liegen auch die Geldautomaten lahm. Und es gibt ja noch so viele andere Bereiche, in denen ein Plan B nötig wäre – auch in Deutschland. Was macht das Gesundheitssystem, wenn dessen digitale Infrastruktur ausfällt? Was eine Behörde, die von einem Hackerangriff getroffen wird? Oder wenn einer der zahlreichen US-IT-Dienste, die in der Verwaltung genutzt werden, auf Geheiß von US-Präsident Donald Trump seinen Dienst in Europa einstellen muss?

So hilfreich Digitalisierung auch ist, weil sie zum Beispiel Abläufe schneller, einfacher und komfortabler machen kann – so problematisch können die Effekte sein, wenn Resilienz nicht mitgedacht ist und ein Ausfall oder Angriff alles stoppt. Zeit, dass auch Deutschland seinen Nachholbedarf begreift.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Svenja Bergt Redakteurin für Wirtschaft und Umwelt

schreibt über vernetzte Welten, digitale Wirtschaft und lange Wörter (Datenschutz-Grundverordnung, Plattformökonomie, Nutzungsbedingungen). Manchmal und wenn es die Saison zulässt, auch über alte Apfelsorten. Bevor sie zur taz kam, hat sie unter anderem für den MDR als Multimedia-Redakteurin gearbeitet. Autorin der Kolumne Digitalozän.
Mehr zum Thema

12 Kommentare

 / 
  • Ok, dabei geht es ja um eine Backup Möglichkeit nicht um das normale Bezahlen.



    Eine Alternative wäre für mich der digitale Euro, damit wäre man nicht mehr von den großen Dienstleistern aus den USA oder Banken abhängig.



    Denn wie läuft es denn aktuell? Die meisten bezahlen elektronisch über externe Dienstleister, die alle dabei verdienen wollen. Bargeld ist ja keine wirkliche Alternative.



    Der digitale Euro könnte das ändern. Damit gehen die Zahlungen direkt über die EZB.



    Für alle Bargeld-Fetischisten: irgendjemand muss man vertrauen egal, ob ich bar bezahle oder digital. Ich finde es aber besser, die Zahlungen werden in Europa abgewickelt als in den USA.

    • @Surfbosi:

      Der 'digitale Euro' entkoppelt uns nicht automatisch von den US Zahldiensten. Was wir brauchen ist ein europäisches Zahlsystem, quasi ein EuroVisa. Ob daß dann mit dem Euro - wie heute - oder einem 'digitalen Euro' läuft, das ist nachgeordnet.

      Das Zahlsystem ist die entscheidende Entkopplung, aber das wird noch viel größeren amerikanischen Widerstand hervorrufen als eine Besteuerung der US-Tech-Konzerne und ihrer 'Dienstleistungen'.

  • Bargeld wird immer als resiliente Alternative zum digitalen Bezahlen gesehen. Angeführt wird dann wahlweise ein möglicher Stromausfall oder Angriffe auf die digitale Infrastruktur. Mal abgesehen vom Wochenmarkt oder vom Pop-up-Store um die Ecke, wird es aber wohl kaum mehr ein Geschäft mehr geben ohne Kassensystem, das nicht auch Strom benötigt und vor allem mit einem Warenwirtschaftssystem verbunden ist, das die buchhalterischen Daten und die Warendisposition digital und über eine Cloud abwickelt. Das gilt insbesondere für Apotheken und Supermärkte.



    Es gibt viele gute Argumente, neben digitalem Bezahlen auch Bargeld zu ermöglichen – das Resilienz-Argument zieht aber nicht.

  • Schweden war Vorreiter bei der Digitalisierung und auch Vorbild für skandinavische Länder wie Norwegen und Dänemark.

    In Schweden ist jedoch die Digitalisierung längst zum Selbstzweck geworden, Alternativen wurden nicht mitgedacht und damit sind neue Abhängigkeiten entstanden.

    Das beste Beispiel ist hierfür der Zahlungsverkehr.

    Bargeld ist grundsätzlich dezentral. Kartenzahlungen laufen in den meisten europäischen Ländern über die Infrastruktur von Visa oder Mastercard. Ob Apple oder Google Pay, Debit oder Kreditkarte.

    Schweden und auch die Dänen haben lernen müssen, das Digitalisierung in vielen Bereichen seine Schattenseiten hat z.B. im Bildungswesen und setzen daher in einigen Bereichen wieder auf altbewährtes wie Schulbücher.

    Hier im pragmatischen Norwegen wurde von Anfang an der Mittelweg nach dem "sowohl als auch Prinzip" beschritten. Bargeld war als Zahlungsmittel nie verschwunden und in der Bildung bestehen Schulbücher neben dem Tablett.

    Die Achillesverse bildet aber die digitale Souveränität. Die Abhängigkeit von US Software oder US Clouds ist gross und bereitet nicht nur norwegischen Datenschützern Kopfschmerzen.

  • Nur Bares ist Wahres!



    Digitales erzeugt Liquiditätsabhängigkeiten und begrenzt die finanzielle Unabhängigkeit durch Dritte.

  • Das ist ein bemerkenswerter Schritt, vor allem, wenn man sieht, wie Schweden von Digital-Fanatikern gerne mal als Vorbild genommen wird, um das Bargeld gerne ganz abzuschaffen.



    Gleichzeitig sollte es aber auch nicht als Signal für Bargeld-Fanatiker genommen werden, um nun für eine Abschaffung der digitalen Bezahloption zu wettern.



    Beides hat seine Berechtigung.

  • Wer elektronisch mit Karte zahlt, der erzählt dem System nicht nur was er kauft, sondern auch an welchem Ort er sich in dem Moment aufgehalten hat. Wir alle kennen die Dokus über China und wie dort die Bürger überwacht werden, aber keiner macht sich Gedanken was bargeldloser Zahlungsverkehr auf Dauer für die Freiheit und die Privatsphäre des Bürgers bedeutet. Dass der Staat - oder andere daran "interessierte Leute" - gerne an sämtliche Daten des bargeldlosen Zahlungsverkehrs kommen möchten, geht anscheinend nicht mehr in die Köpfe der Bürger hinein.

    • @Ricky-13:

      @Ricky-13



      Genau, und dann wundern sich die Leute immer über die, eine Woche nach ihrem letztem Einkauf - wie auf sie zugeschnitten Angebote auf ihren Smartphones 😂🤣😂

      • @Alex_der_Wunderer:

        Na, das kommt aber nicht über die Zahlungsdienstleister sondern über all die Kunden-Apps, die von Schnäppchenjägern gern benutzt werden werden.

        • @Life is Life:

          @Life is Life



          Jupp, aber auch durch Bezahlung mit Paypal, also bei Lieferanten pp.

  • :-) die waren uns schon immer Jahrzehnte voraus.



    Das mit dem Bargeld ist dort eine sinnvolle Notfalloption, aber bei uns sind die ja so weit zurück, die müssen erst mal die Digitalisierung überhaupt ernsthaft angehen.



    Aber das ist typisch, in Schweden und anderen fortschrittlichen Ländern wird gerne mal was evaluiert und dann nachjustiert, hier geht es auch auf der schiefen Bahn fröhlich vorwärts, bis man vor die Wand fährt und dann werden Schuldige gesucht und Jahre später überlegt man wie es weitergehen könnte.

    • @Axel Schäfer:

      Da wurde nichts evaluiert, da wurde jahrelang völlig kritiklos das Bargeld faktisch abgeschafft, bis dann mal die Software eine der größten Supermarktketten des Landes lahmlegte und die Schweden dumm aus der Wäsche schauten.

      Ein russischer Angriff auf die digitale Infrastruktur, und in Skandinavien kann keiner mehr kaufen oder verkaufen, weil einfach kein Bargeld mehr im Umlauf ist, viele Läden schlicht keine Kasse haben und dementsprechend auch nur noch wenige Geldautomaten existieren. In Norwegen starren einen Kassiererinnen an, wenn man Bargeld zückt, viele Menschen haben ungelogen seit Jahren keins mehr in der Hand gehabt, sondern nutzen nur noch Karte, ApplePay und Vipps.