Kinderbücher für den Sommer: Picknick und Fieberträume
Nikolaus Heidelbach und Jockum Nordström illustrieren ein staunenswertes Miteinander. „Stuxx“ erzählt von koreanischem Kimchi und der ersten Liebe.
Simone ist ein Flusspferd und seit vielen Jahren schon Babysitterin. Wallis Mutter hatte die korpulente Nilpferddame einst beim Babyschwimmen kennengelernt und sogleich als Betreuerin für ihre Tochter engagiert. Seither kümmert sich Simone um Wally, holt sie vom Kindergarten ab und brachte ihr auch das Rollerfahren bei.
Doch nun soll das Mädchen bald eingeschult werden und die Mutter möchte die Babysitterin entlassen. „Bevor der Ernst des Lebens beginnt“, wollen das Flusspferd und Wally deshalb heimlich zu einer letzten gemeinsamen Reise aufbrechen. „Simone“, Nikolaus Heidelbachs jüngstes Bilderbuch, erzählt von ihrem Flussabenteuer, von Abschied und Veränderung.
1955 in Lahnstein am Rhein geboren, lebt der vielfach ausgezeichnete Bilderbuchillustrator und -autor heute weiter flussabwärts in Köln.
Nikolaus Heidelbach: „Simone“. Von Hacht Verlag. Hamburg 2026, 48 Seiten, 18 Euro. Ab 4 Jahre
Jockum Nordström: „Sailor ist krank“. Aus dem Schwedischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Peridot Verlag. Köln 2026, 40 Seiten, 16 Euro. Ab 4 Jahre
Will Gmehling: „Stuxx“. Peter Hammer Verlag. Wuppertal 2026, 288 Seiten, 17 Euro. Ab 13 Jahre
Auf formatfüllenden Aquarellzeichnungen in Blaugrün hält er die Stationen der Reise aus unterschiedlichen Perspektiven fest und entwickelt dadurch eine fesselnde Dramaturgie. Durch Heidelbachs zeichnerische Präzision erhält die surreal anmutende Szenerie mit Kind und Flusspferd etwas selbstverständlich Reales.
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Niemals niedlich, immer unerschrocken
Kinder sind die Helden in Nikolaus Heidelbachs Bilderbüchern. Oft sind sie blass, niemals niedlich, doch immer unerschrocken. Neugierig begegnen sie den unwahrscheinlichsten Situationen mit größter Nonchalance.
Unbefangen treibt Wally auf dem breitem Rücken des schwimmenden Flusspferds an Städten und Frachtschiffen vorbei. Gemeinsam rasten sie mit eleganter Picknickdecke am Ufer, begegnen einem riesigen Wels und stürzen sich unerschrocken den Wasserfall hinunter.
Simone und Wally bilden ein eingespieltes Team. Heidelbach, der in Studienzeiten selbst Babysitter war, ergänzt seine ausdrucksstarken Darstellungen jeweils mit wenigen Zeilen, feinem Humor, erfrischend unpädagogisch. Vom Start bis zum Ziel hat die fürsorgliche Nilpferddame mit den türkis lackierten Nägeln an alles auf der Reise gedacht. Einen Besuch bei „Simones Leuten“ erlebt Wally dann als ein rauschendes Fest, und so wird aus dem Abschied von der Babysitterin fast eine Art Wasserballett.
Comic, Malerei und Péridot Verlag
Ebenfalls in Köln lebt der Comiczeichner Ferdinand Lutz. 2021 gründete er dort noch während der Coronapandemie den Péridot Verlag für grafische Kunst. Neben dem zweimal jährlich erscheinenden Kindercomicmagazin Polle verlegt der Herausgeber in unregelmäßigen Abständen außergewöhnlich illustrierte Bücher nicht nur für Kinder.
Eine besondere Entdeckung im Verlagsprogramm sind die Bilderbuchcomics von Jockum Nordström. Als Maler wird der Zweiundsechzigjährige inzwischen von der renommierten New Yorker Galerie David Zwirner vertreten.
Die eigenwillig gestalteten Geschichten von „Sailor und Pekka“, dem alten Seemann und seinem sprechenden Hund, hatte sich der schwedische Künstler ursprünglich für seine Söhne ausgedacht. Bereits auf dem Vorsatz der Bücher überraschen wilde Fotocollagen oder psychedelische Farbstiftzeichnungen und machen sofort hellwach.
In einem virtuosen Stil- und Materialmix begegnen sich in Nordströms Bildgeschichten allerhand Menschen und antromorphisierte Tiere. Ungelenke, skizzenhafte Figuren treffen auf maßstabsgetreue Architekturzeichnungen. Und Panels im Comicraster wechseln mit formatfüllenden Doppelseiten ab.
Sailor und Pekka
„Sailor und Pekka erledigen was in der Stadt“, der erste Titel aus Nordströms sechsteiliger Reihe, wurde 2024 ins Deutsche übersetzt. Sailor braucht einen neuen Pullover, Pekka möchte zum Friseur. Auf dem Weg in die Stadt bleibt ihr Auto liegen. Zu Fuß treffen sie einen weinenden Clown. Der hat seine Trompete im Park verloren.
Als Sailor sich nach dem Einkauf am Hafen noch ein Vogel-Tattoo bei Jack stechen lassen will, entdeckt Pekka dort plötzlich das vermisste Instrument. Abends zu Hause klingelt ihre nette klavierspielende Nachbarin Frau Jackson und beim gemeinsamen Essen erzählt Sailor, was alles passiert ist.
Ute Wegmann, die mit viel Leidenschaft über dreißig Jahre die Radiosendung „Die besten sieben Bücher für junge Leser“ im Deutschlandfunk moderierte, zeigte sich von „Sailor und Pekka“ 2024 so begeistert, dass sie für den vorliegenden zweiten Band nun mit der Kunsthistorikerin Maria Müller-Schareck das Nachwort verfasst hat.
In dem gemeinsamen Text unterstreichen sie Nordströms einmalige Fähigkeit, seine Bilderbuchwelt in „Vibration“ zu versetzen und gleichzeitig den Figuren mit ganz wenigen Strichen unterschiedliche Befindlichkeiten einzuschreiben.
Schwindliger Seemann
In „Sailor ist krank“ geht es dem kräftigen Seemann eines nachmittags richtig schlecht. Ihm ist schwindelig, er zittert am ganzen Leib und muss sich hinlegen. In seinen Fieberträumen erscheinen ihm die seltsamsten Gestalten.
Pekka bringt erst mal Tee und eine Decke, dann läuft er zu Frau Jackson. Sie ruft gleich den Arzt. Sailor hat eine ernste Lungenentzündung. Der Hund soll schnell mit dem Rezept zur Apotheke laufen. Unterwegs aber hilft Pekka erst noch Sven Olsson mit dem Gartenschlauch, begegnet einer Frau, die lustige Luftballons verkauft und entdeckt Krokodillederschuhe vor der Bäckerei.
Nicht zuletzt wegen der vielen kuriosen Details und Erzählstränge folgt man auch dieser zweiten Bildgeschichte über Sailors Krankheit und seine Genesung nur allzu gerne. In der Welt von „Sailor und Pekka“ treffen die unterschiedlichsten Charaktere aufeinander und begegnen sich stets mit hilfsbereiter Freundlichkeit. Dann eines Abends steht Frau Jackson wieder vor der Tür, sie tanzen ein paar Takte zur Musik, und alles ist gut.
Jugendroman von Will Gmehling
Stuxx Leben scheint wesentlich komplizierter. Er ist fast vierzehn Jahre alt, versetzungsgefährdet und nicht besonders beliebt. Der Junge hat keine Hobbys und treibt auch keinen Sport. Eigentlich interessiert er sich nur für Autos und für Luzie Karsunke aus seiner Schule. Stuxx, dieser Einzelgänger aus prekären Verhältnissen, ist der Ich-Erzähler in Will Gmehlings gleichnamigen Coming-of-Age-Roman. Eigentlich heißt er Stefan Uwe Max Dönnerschlach.
Den Namen hatte sich seine Mutter ausgedacht, als sie noch mit der Familie zusammenlebte. Jetzt kümmert sich der Vater, der bei der Straßenreinigung arbeitet, alleine um ihn und die jüngere Schwester. In der zusammengestückelten Wohnung teilt sich der Teenager das kleine Zimmer mit Lila, die noch in den Kindergarten geht. Stuxx beobachtet, wie erschöpft der Vater abends zusammensackt, wenn er die Schwester zu Bett gebracht hat.
Alleine kurvt der Junge nachmittags mit dem klapprigen Fahrrad durch die Stadt oder am Rheinufer entlang. Immer wieder landet Stuxx auf seinen Touren zufällig in der Straße von Luzie Karsunke, für die er heimlich schwärmt. Nicht überall ist es so trist wie in seiner Nachbarschaft.
2020 erhielt Will Gmehling für sein Kinderbuch „Freibad“ den Deutschen Jugendliteraturpreis. Bereits in dieser Erzählung rückte der Autor eine Familie ins Zentrum, in der das Geld immer knapp ist und der Sommerurlaub im Freibad stattfindet. In seinem ersten Jugendroman gelingt es Gmehling mit klaren Sätzen, lakonischen Dialogen und treffenden Beobachtungen die großen Veränderungen in den flüchtigen Momenten lebendig festzuhalten.
Stuxx monotoner Alltag kommt überraschend in Bewegung, als der schlaksige Gong aus seiner Klasse koreanisches Kimchi mit ihm teilt, er mit Luzie Karsunke einen ersten Kaffee am Kiosk trinkt und eine Gruppe Senioren seine natürliche Begabung für das Boule-Spiel entdeckt. Plötzlich fühlt Stuxx sich lebendig. Jetzt erst bemerkt er, dass es Frühling wird.
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