Das Geheimnis der „Blauen Zonen“: So süß schmecken Tomaten in deutschen Supermärkten nie
Auf Sardinien werden besonders viele Menschen über 100 Jahre alt. Kann man von ihnen etwas lernen?
E ben war ich noch in einer blauen Zone, jetzt leuchtet mir nur noch der obere Balken des Word Dokuments blau entgegen. Ich lese Notizen zu unserer Recherche über ein Vergewaltiger Netzwerk auf Telegram nach. Und frage mich nach zwei Wochen Urlaub, warum mache ich das hier? Wieso arbeiten? Wieso nicht von dem eigenen Gemüsegarten leben und jeden Tag das Meer am Horizont sehen? Ich sitze am Schreibtisch, dabei könnte ich Siesta machen – und sehr alt werden.
Die Provinz Ogliastra an der Ostküste von Sardinien zählt zu einer der fünf Blue Zones auf der Welt, in denen besonders viele über 100-Jährige leben sollen. Hier geht die Sonne über dem Tyrrhenischen Meer auf, steile Klippen treffen auf türkisblaues Wasser. Es riecht nach Pinien und wildem Fenchel, wenn es geregnet hat, nach lehmiger Erde. Und es hat viel geregnet in den letzten vier Monaten, pink blühender Oleander säumt die Straßen, die Tomaten schmecken so süß, wie sie es in deutschen Supermarktregalen nie tun würden.
Welche Faktoren in dieser Region für ein längeres Leben sorgen, untersuchte der US-amerikanische Autor Dan Buettner und gab ihnen den Namen Blue Zone. Blau – weil Forschende die Orte, in denen besonders viele über 100-Jährige leben, mit einem blauen Stift eingekreist haben. Neben Sardinien hat Buettner vier weitere dieser Zonen lokalisiert: Okinawa in Japan, die griechische Insel Ikaria, Nicoya in Costa Rica und Loma Linda in Kalifornien, wo viele Anhänger der Sieben-Tags-Adventisten leben, eine protestantische Freikirche.
Zwar gibt es auch Kritik an Buettners Konzept, die Regionen seien sehr abgelegen und die demografischen Daten daher möglicherweise unsauber. Außerdem vermarktet Dan Buettner seine Entdeckung mit Kochbüchern wie „The Blue Zones Kitchen“ und berät Städte dazu, was sie sich von den blauen Zonen abschauen können.
Auch vor dem Späti geht Geselligkeit
Aber in den Bergdörfern der Ogliastra beobachte ich genau die Merkmale, die Buettner als Blue-Zone-Faktoren identifiziert. Eine alte Frau im langen, schwarzen Rock und mit Kopftuch sitzt mit zwei Freundinnen oder Verwandten an einer Straßenecke, die noch von der Nachmittagssonne erleuchtet wird.
Sie warten auf nichts, lassen die Zeit verstreichen, hin und wieder wechseln sie einen Satz. Jemand kommt vorbei, sie grüßen sich, kurzer Plausch, dann geht er in kleinen Schritten die steile Gasse weiter Richtung Berg. Auf dem Dorfplatz sitzt eine Gruppe alter Herren mit Schiebermützen. Sie treffen sich jeden Tag hier, lachen wahrscheinlich seit ihrer Jugend über die gleichen Sprüche.
Buettner hat einige Merkmale identifiziert, die sich in den blauen Zonen gleichen. Da ist zum einen die Familie, die im Mittelpunkt des Lebens steht. Es wird nicht geraucht, die Nahrung ist pflanzenbasiert, es werden viele Hülsenfrüchte gegessen, keine verarbeiteten Tiefkühlmahlzeiten. Die Menschen bewegen sich, sie laufen oder fahren Rad, keine weiten Strecken – aber immer ein bisschen. Soziales Engagement spielt eine Rolle, eine aktive Gemeinschaft, auch der Glaube oder ein Sinn im Leben zählen.
Zurück in Berlin sitzen wir vor einem Spätkauf, zwei Freunde radeln spontan vorbei, wir umarmen uns, erzählen, was in den letzten zwei Wochen passiert ist. Die Nacht ist lauwarm, fast schon Dorfplatzidylle, denke ich. Das Meer bekomme ich nicht nach Berlin. Aber die sardische Lässigkeit und Geselligkeit vielleicht schon.
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