Yuji Agematsu in der Galerie Buchholz: Sich dem Entgegenstellen entgegenstellen
Yuji Agematsu schafft kleine Stillleben aus den Abfällen New Yorks. Zu sehen sind sie in der Galerie Buchholz in Berlin-Charlottenburg.
Immer wieder sind da abgebrochene Äste, vertrocknete Blätter, teils abgerieben, vom Asphalt gelöchert. Dahinter schimmert es orange, neongelb, heiß-pink. Eine alte MetroCard, Federn. Silbern gekringelte Papierstreifen einer Kaugummiverpackung verschlingen sich mit Haaren, darunter Kronkorken, Steinchen, Textilfäden, Zahnseide, knallgrüne Plastiksplitter, Bonbonpapiere, abgerissene Fotos.
Es sind die Abfälle New Yorks, die man in kleinen Zellophan-Zigaretten-Verpackungen arrangiert gerade in der Charlottenburger Galerie Buchholz betrachten kann. Yuji Agematsu installiert aus ihnen Stillleben. Seit den 1980er Jahren, in denen es den 1956 in Japan geboren Künstler dorthin zog. Ein Tütchen pro Tag. „Zips“ nennt er diese Arrangements, die er auf Spaziergängen zusammenstellt. Ergänzt werden sie mit detaillierten Notizen und Zeichnungen zu den einzelnen Fundstücken, später mit Harz konserviert. Unerwartet schwer macht das diese kleinen zivilisatorischen Archive. In Kartons, jeweils getrennt durch die leeren Pappschachteln der Zigaretten soll Agematsu sie aufheben, so der Galerist.
Erwerben kann man sie nur als ganzes Jahr. 2024 ist es, das man nun in den edlen Berliner Altbauräumen auf schmalen Aluminiumregalen installiert hat, ein Regal pro Monat. Lange kann man vor diesen kleinen Minidioramen stehen. Das Vergehen der Zeit ist in ihnen Sichtbar, der Wechsel der Jahreszeiten, des Wetters, der Feiertage. Ein Krankenhausaufenthalt des Künstlers zeichnet sich durch Tage fast leerer, hygienisch minimaler wirkender Beutelchen aus, bei Auslandsreisen mischen sich andere Sprachen, Farben, Materialitäten in diese winzigen Universen des Mülls.
Agematsus Werk formt sich aus dem sorgfältig produktiv ausgewählten Ausstoß der Menschen, er dreht die Logik des Abjekten um: das Abgestoßene wird eingesammelt, benannt, konserviert und gehortet. Dabei verkehrt es sich in höchstbegehrliche kleine Landschaften. Die Philosophin Julia Kristeva schreibt „Das Abjekte hat gegenüber dem Objekt nur eine Eigenschaft, nämlich sich dem Ich entgegenzustellen.“ Agematsu stellt sich dem Entgegenstellen entgegen. Dem Abfall der Subjektkonstitution, ist hier nicht zu entkommen. Stattdessen kann man erstaunlicherweise große Schönheit in ihm erkennen.
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