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Infrastruktur kaum zu realisierenDroht Hamburg 2036 Olympia auf der Baustelle?

Eigentlich will Hamburg Olympia noch nicht 2036 haben, sich aber dennoch dafür bewerben. Unklar ist, wie so schnell die Infrastruktur gebaut werden soll.

Sehen nicht alle in Hamburg so: Fans des FC St. Pauli zeigen ein Banner gegen Hamburgs Olympiabewerbung Foto: Christian Charisius/dpa

Zwar will es niemand, auch nicht der Bundespräsident: Olympische Spiele in Deutschland im Jahr 2036 lehnt Frank-Walter Steinmeier (SPD) ab. Schließlich wäre es dann genau ein Jahrhundert her, dass das nationalsozialistische Deutschland Olympia ausgetragen hat.

Als „historisch problematisch“ sieht es auch der Hamburger Senat an – und lässt die Ham­bur­ge­r:in­nen dennoch am 31. Mai darüber abstimmen, ob sich die Stadt nicht nur für 2040 und 2044, sondern auch für 2036 bewerben soll. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat es zur Bedingung gemacht, dass Be­wer­be­r:in­nen diese drei Jahre anbieten müssen, um eine Chance auf die Ausrichtung zu haben. Von der moralischen Frage abgesehen, ob „Deutschland '36“ eine Wiederauflage bekommen sollte – würde Hamburg sein zur Wahl stehendes Konzept bis dahin überhaupt umgesetzt bekommen?

Was die nötigen Sportstätten angeht, zeigte sich der zuständige Innensenator Andy Grote (SPD) zuletzt mehrfach optimistisch. Viele Sportarten sollen in kurzfristig aufzubauenden, temporären Anlagen auf dem Heiligengeistfeld oder auf der Binnenalster stattfinden. Hinzu stehen etwa die Messehallen und das Volksparkstadion für Schwimmwettbewerbe bereits.

Doch auch wenn der rot-grüne Senat behauptet, dass es für Olympia „76 Prozent bestehende Sportstätten“ gäbe – einige größere Bauprojekte kämen hinzu, die im Falle einer Vergabe für die Spiele 2036 in wenigen Jahren errichtet werden müssen: Schon seit Jahren kommt die Planung einer 8.000 Zu­schaue­r:in­nen fassenden Halle namens „Elbdome“ nicht voran, in der Volleyball ausgetragen werden soll. Auch eine komplett neue Radsporthalle würde benötigt – und die Tennisanlage am Rothenbaum dürfte in ihrem jetzigen Ausmaß viel zu klein sein.

Olympisches Dorf für 16.000 Ath­le­t:in­nen benötigt

Vor allem aber hat Hamburg kein Olympiastadion. Dessen Bau – den der rot-grüne Senat nicht in seine Kostenkalkulation einrechnet, weil ein neues Stadion ohnehin dringend benötigt würde -, wäre wohl auch bis 2036 realisierbar: Die dafür ausgewählte Fläche befindet sich im Volkspark, auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Stadions vom Hamburger SV. Bisher wird der Ort als Parkplatz genutzt, ein zügiger Baubeginn wäre deshalb wohl kein Problem.

Einzig die Finanzierung ist bislang noch völlig unklar: Einerseits hieß es seitens des Senats, ein privater Investor solle für den Bau, in den dann auch die HSV-Fußballer umziehen sollen, gefunden werden. Andererseits sollen laut Grote auch die HSV-Mitglieder ein Mitspracherecht bei der Stadionarchitektur bekommen, die bereits selbstbewusst klarstellen, nur in ein vollkommen zufriedenstellendes – und damit wohl teures – Stadion umziehen zu wollen.

taz Salon über Hamburgs Olympiabewerbung

Bis Ende Mai stimmen die Ham­bur­ge­r:in­nen darüber ab, ob sich die Stadt für die Olympischen Spiele bewerben soll. Was spricht dafür und was dagegen?

Im taz Salon diskutieren wir darüber und begrüßen auf dem Podium diese Gäste:

🐾 Alske Freter, sportpolitische Sprecherin der Grünen

🐾 Christoph Holstein, Sportstaatsrat SPD

🐾 Eckart Maudrich, Sprecher der Initiative Nolympia

🐾 Heike Sudmann, Fraktionschefin Die Linke Hamburg

Moderation: André Zuschlag, taz-Redakteur

Wann: Mo., 25.05.2026, 19.30 Uhr, Einlass ab 19 Uhr

Wo: Haus 73, Saal (2. OG), Schulterblatt 73, 20357 Hamburg

Bitte kontaktieren Sie uns über salon@taz.de für einen barrierefreien Zugang.

Eintritt frei. Wir freuen uns über einen solidarischen Beitrag an taz zahl ich. Weitere Informationen gibt es hier.

Ein noch größeres Projekt müsste die Stadt, falls das IOC die Spiele 2036 nach Hamburg vergeben würde, zügiger als gewollt fertigstellen: Das Olympische Dorf für rund 16.000 Sportler:innen.

Im März erklärte Hamburgs Oberbaudirektor Franz-Josef Höing zum geplanten Olympischen Dorf am Volkspark im Stadtteil Bahrenfeld, dass an dieser Stelle ohnehin ein neues Wohnquartier geplant sei: Die „Science City“ soll um die bereits bestehenden Forschungseinrichtungen der Universität, des Max-Planck-Instituts und des Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) auf der derzeit noch genutzten Trabrennbahn erweitert werden. Auch bis 2036 sei es schon möglich, Unterkünfte für rund 16.000 Ath­le­t:in­nen gebaut zu haben, sagte Höing, die dann anschließend dauerhaft bewohnt werden können.

Ursprünglich war angedacht, bis zum Ende der 2040er Jahre das Quartier abschließend fertigzustellen; doch laut Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) könne man den Bau des Olympischen Dorfes „takten“ – je nach dem, für welches Jahr Hamburg den Zuschlag erhielte, sei der Bau „problemlos“ machbar.

Verkehrsbehörde plant schon mit Busshuttles

Allerdings gibt es bisher keine, beziehungsweise keine zufriedenstellende ÖPNV-Anbindung für das Olympische Dorf und die Spielstätten im Volkspark. Um sowohl die Sport­le­r:in­nen als auch die Zuschauer:innen, von denen Hamburg mit insgesamt 10 Millionen rechnet, während der Spiele nicht einem Verkehrschaos auf den Straßen auszusetzen, sollen eine S-Bahn und eine U-Bahn gebaut werden. Beide Pläne existieren bereits seit Längerem, doch von einer Fertigstellung schon bis 2036 war bisher nie die Rede.

Auch Innensenator Grote räumte zuletzt ein, dass das bis zu diesem Jahr „vermutlich sehr sportlich“ würde. An der U5 wird bereits seit 2022 gebaut, angepeilt zur Fertigstellung wird das Jahr 2040. Wie die 29 Kilometer lange unterirdische Trasse vier Jahre schneller fertig werden soll, erscheint völlig unklar. Zumal bisher nur in den Abschnitten gebaut wird, die für eine Anbindung zwischen Innenstadt und Volkspark gar nicht relevant sind.

Wie die 29 Kilometer lange U-Bahn-Trasse vier Jahre schneller fertig werden soll, erscheint völlig unklar

Ebenso unklar ist, wie bis 2036 schon die rund 5 Kilometer lange unterirdische Trasse der angekündigten S6 fertiggestellt werden soll. Diese soll das Olympische Dorf ans S-Bahn-Netz anschließen und unterhalb einer der großen Ausfallstraßen in Hamburgs Westen verlaufen, wobei sie dann auch noch die Autobahn 7 unterqueren muss.

Zwar will auch die grün geführte Verkehrsbehörde eine vier Jahre frühere Fertigstellung bis 2036 nicht ausschließen. Allerdings: „Wenn die Zeit für den Bau der S6 bis 2036 nicht ausreicht, schaffen wir flexible Alternativen“, so ein Sprecher zur taz. So würden dann etwa Straßenspuren für den allgemeinen Verkehr zugunsten von Busshuttles gesperrt werden.

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4 Kommentare

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  • Dass die Einwohner auf den Wiesen und in den Wäldern des Volksparks lieber die Ruhe und Erholung genössen, Lebensqualität und Natur erhielten, ihre Stadt auch für sich beanspruchten, muss auch bei Sozialdemokraten und Grünen hinter deren Repräsentationsbedürfnis zurückstehen. Solche ikonischen Großveranstaltungen des Stolzes sind eine monumentale Kulisse für Staatsinszenierung und Massenmobilisierung, machen regierungsnahe Unternehmen glücklich und eignen sich auch viel besser, um von sozialen Problemen und sonstigen Krisen abzulenken. Scholz´ unvollendeter Nachlass siecht derweil im Hafen dahin und der Senat wirbt munter mit einem „nachhaltigen Mehrwert“ durch Olympia: Wer nicht dafür ist, sei gegen Inklusion, gegen Wohnungsbau, Barrierefreiheit, stabile Mieten, gegen Stadtentwicklung und die Zukunft überhaupt, heißt es sinngemäß auf seinen Plakaten. Denkfaulheit ist doch sehr verführerisch, und wo Hamburg schon so entfremdete Politiker hat, braucht es nicht auch noch eine Olympiade.

    • @Yes:

      Die Plakate habe ich heute zum ersten mal richtig gesehen, und die sind richtig schäbig, da die von ihnen erwähnten Themen eh positiv abgearbeitet werden müssen und dies ist machbar sofern man denn will, hier vor allem Wohnungsbau/Mietmarkt, Verkehrswende und Zukunftsentscheid.

      Hamburg zeigt eben auch u.a. übers Hafenmuseum und den Hafenphallus das man sich eher verheben wird da man eben aus den Abläufen und Verfehlungen bei der Elbphilarmonie nichts oder zu wenig gelernt hat.

      Kann man aber auch als Erpressungsversuch ansehen, sofern man es als Ankündigung versteht das bei Ablehnen durch Unterlassung bestraft wird.

  • Es ginge selbst in Deutschland einiges, wenn man die Auto-Fixierung etwa beiseite ließe.



    Doch wäre es bei den Olympischen Spielen wohl besser, endlich an einen Ort zu gehen und dort die teure Infrastruktur einmal zu bauen und zu pflegen, statt eine Stadt nach der anderen zu betonieren.



    Liegt etwa Olympia nicht hoch genug für ein halbwegs sommerresistentes Klima (ich weiß es nicht, würde es aber aus Traditionsgründen hoffen)?

    • @Janix:

      Dann entfällt es aber dem "Korrputionssumpf" an Attraktivität da Länder sich damit nicht mehr dementsprechend Aufwerten können und der "Vergabesumpf" im Bausektor fiele auch weg.

      Eher friert die Hölle zu oder so.