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Anti-Asyl Proteste in den NiederlandenEs brennt wieder

Seit Monaten gibt es Proteste gegen die Unterbringung Geflüchteter, auch mit Gewalt und Brandanschlägen. Am Dienstag gleich an mehreren Orten.

Rechter Terror in Lossdrecht Foto: Nico GarstmanContent Curation/imago

Aus Amsterdam

Tobias Müller

Rund vierhundert Personen haben am Dienstagabend vor einer Notunterkunft im Städtchen Loosdrecht bei Hilversum dagegen demonstriert, dass dort 70 Asylsuchende ein halbes Jahr bleiben sollen. Die ersten Flüchtlinge waren dort am Morgen angekommen.

Aus der Menge wurden Fackeln und Feuerwerkskörper in Richtung des Gebäudes geworfen, Hecken standen in Flammen. Kurzzeitig wurde die Feuerwehr am Zugang gehindert, bevor sie den Brand löschen konnte. Es ist nicht bekannt, wie viele Menschen sich zu der Zeit in dem Gebäude befanden. Verletzt wurde niemand.

Das Bild des ehemaligen Rathauses, vor dem Flammen emporschießen, ging in der Nacht auf Mittwoch durch alle niederländischen Medien. Es steht für die Zuspitzung der Lage in Loosdrecht, wo An­woh­ne­r*in­nen seit Ende April gegen die Unterbringung in dem leer stehenden Gebäude protestieren, weil sie sich von der lokalen Verwaltung übergangen fühlen. Wie an anderen Orten im Land berufen sich die Demonstranten auf Sorgen um ihre Sicherheit.

Schon im April kam es in Loosdrecht zu einem Versuch von Brandstiftung, außerdem wurden bei teils gewalttätigen Demonstrationen Po­li­zis­t*in­nen mit Steinen und Feuerwerk angegriffen und Fenster des Gebäudes eingeworfen.

Rechtsextreme Politiker fachen die Proteste an

Der Ort mit seinen 10.000 Ein­woh­ne­r*in­nen ist in den Niederlanden zu einem Symbol der Proteste gegen Asylunterkünfte geworden. Sie entzünden sich an einem Gesetz, mit dem die Regierung Asylsuchende gleichmäßig über das gesamte Land verteilen will.

Am Dienstag wurde auch in Apeldoorn und Den Haag gegen geplante Unterkünfte demonstriert. In Den Bosch kam es am Samstag zu einer Explosion in einem als Wohnheim vorgesehenen Gebäude, die durch Feuerwerkskörper verursacht wurde.

Am Mittwoch wurde bekannt, dass im Zusammenhang mit dem Anschlag von Loosdrecht drei Personen festgenommen wurden: ein 28-Jähriger wegen des Verdachts auf Brandstiftung und zwei Minderjährige wegen Gewalt gegen Jour­na­lis­t*in­nen und die Polizei, bzw. öffentlicher Gewaltanwendung sowie des Werfens von Steinen und Fackeln. Keiner der Festgenommenen wohnt in Loosdrecht.

Das Letztere zeigt, wie sehr die lokalen Proteste Teil einer landesweiten Bewegung gegen Asylunterkünfte sind. Angefacht werden sie immer wieder von rechtsextremen Politiker*innen. Geert Wilders, Chef der Partij voor de Vrijheid (PVV), rief schon 2015/2016 Bür­ge­r*in­nen zum „Widerstand“ gegen die asielzoekerscentrum (AZC) genannten Unterkünfte. Letzten Winter begann er eine selbst betitelte „AZC-Tour“ zu mehreren Orten, an denen sich Protest regt.

Auch Lidewij de Vos, Fraktionsvorsitzende des Alt Right-nahen Forum voor Democratie (FvD) besuchte unlängst Loosdrecht. „Gebt nicht auf!“, verkündete sie gegenüber einem Reporter des rechtspopulistischen Senders Ongehoord Nederland (ON) ihre Botschaft an die lokale Bevölkerung, von der sie hoffe, dass sie „nicht mehr loslasse“.

Nachrichtendienst untersucht, ob Proteste geschürt werden

Fester und sehr sichtbarer Bestandteil der Proteste ist seit letztem Jahr das Netzwerk Defend Netherlands, das aus lokalen Aktionsgruppen besteht. Es hat eine Scharnierfunktion zwischen besorgten Bür­ge­r*in­nen und der extremen Rechten. In Loosdrecht etwa wehen Fahnen mit Defend Loosdrecht-Logo vor großzügigen, bürgerlichen Anwesen. Ein Protestumzug mit Traktoren, Autos, Fahr- und Motorrädern vor zwei Wochen wurde von Anwohnenden mit Kirmesstimmung samt winkender Kinder begrüßt.

Bart van den Brink, der christdemokratische Minister für Asyl und Migration, kündigte zu Wochenbeginn an, dass sich der Nachrichtendienst Aivd mit den AZC-Protesten beschäftigen und untersuchen werde, inwieweit diese organisiert seien. Weitere Demonstrationen sind für die laufende Woche bereits angekündigt.

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7 Kommentare

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  • Gab es keine Gegenproteste (zumindest nichts davon in anderen Medien gelesen und auch in diesem Artikel nicht erwähnt)?

    Wenn es selbst in den progressiven Niederlanden so weit ist, lässt es für Deutschland dunkles ahnen.

  • Und hierzulande gibt es kein Aufschrei gegen dieses erbärmliche Pogrom sondern Applaus wie in Lichtenhagen.



    Oder gehen hierzulande zehntausende auf die Straße? Nein? Also ist es Applaus. Die Leute in Deutschland wollen es so. Traurig.

  • "Keiner der Festgenommenen wohnt in Loosdrecht."



    Die Frage ist, woher kamen sie und wer hat sie geschickt?

  • Wilders, der mal mitregieren durfte, setzte genauso unverhohlen auf Ressentiment gegen "Marokkanen" wie Th. Baudet und andere rechtsaußen.



    Die Niederlande sind das mit Abstand dichtest besiedelte Flächenland in Europa, mit einer betonten Eigenheimideologie, unsozialer Ungleichheit und entsprechend gefrusteten Mehrheiten ohne großes Geld von Papi und entsprechend erst mal keinem Haus.

    Das soll doch jetzt bloß nicht auf die Oligarchen gelenkt werden (die Niederlande sind laut Daten noch etwas ungleicher als Deutschland). Auch nicht wird die Frage gestellt, ob Schweine- und Hühnerfarmen nicht umwandelbar wären. Oder ob mehrgeschossiges Bauen und gemeinsame Nutzungskonzepte nicht auch außerhalb von Sozialwohnungen eine Idee sein könnte.



    Mit dem "Telegraaf" haben die NL auch eine "Bild"-Zeitung, die klarmacht: Schuld sollen einfach mal die 'Allochtonen'/'Buitenlanders' sein. Bis es brennt. Wobei es auch bezahlte Provos gewesen sein konnten.



    Ich setze aber auch auf die bekannten Gegenkräfte, die eben auch die Niederlande ausmachen. Viele Gemeinden nehmen dort übrigens auch bewusst mehr Menschen auf.

  • Was wir gerade in den Niederlanden erleben, ist kein „besorgter Bürgerprotest“, sondern die hässliche Fratze einer entfesselten extremen Rechten, die den Boden des Rechtsstaats längst verlassen hat. Wenn Asylunterkünfte brennen und Menschenjagden zum politischen Ausdrucksmittel mutieren, dann ist das die direkte Quittung für eine Politik, die Hass zur Staatsräson erhoben hat.



    ​Rechte Ideologen wie Wilders und seine geistigen Brandstifter haben jahrelang das Gift der Dehumanisierung verspritzt. Jetzt müssen wir zusehen, wie aus ihren Worten Brandsätze werden. Es ist das immer gleiche, blutige Muster: Erst wird die Empathie weggehetzt, dann folgt die physische Gewalt. Diese Politik produziert keinen Schutz und keine Ordnung, sie produziert nur Trümmer, Blut und eine gespaltene Gesellschaft. Wer jetzt noch von „berechtigter Kritik“ spricht, während die Flammen lodern, macht sich zum Komplizen. Die Geschichte lehrt uns: Rechte Politik endet nicht beim Grenzzaun, sie endet immer in Gewalt gegen die Schwächsten. Holland ist eine Warnung an uns alle – wehret den Anfängen, bevor auch hier die Fackeln (wieder) brennen!

  • Rs wir eine Taktik der Rechtsextremen offensichtlich. In den Nedien heißt es am Ende, "besorgte Bürger" wehren sich gegen die Unterbringung. Dabei sind es mit viel Geld von Spitzenverdienern organisierte Schägertrupps und professioneller Brandstifter, welche die Niederlande für bürgerliche Parteien unregierbar machen wollen, um ihre neoliberale Agenda durchzusetzen.

    • @hedele:

      Vielleicht trägt auch der "Brutalismus" genannte Architekturstil des Gebäudes zu seiner Unbeliebtheit bei. Abgesehen davon war die Brandschatzungsaktion von rechten Krawalltouristen verübt, die "es für die besorgten Bürger" besorgen wollten. Ob sie dazu durch die landesweite Kampagne der Rechten aufgestachelt waren oder gar dafür bezahlt wurden? Die extremen Rechtsnationalen der Niederlande sind immer noch gefährlich. Die traditionelle weltoffene Mentalität der NiederländerInnen hat wohl leider durch zuviel Wilders & Co. Schaden genommen. Die Niederländer berauben sich so ihrer eigenen Identität.