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Beleidigung von PolitikernEine Anzeige zu viel

Nadine Conti

Kommentar von

Nadine Conti

Hässliche Tonarten sind schwer erträglich. Bei Anzeigen wegen Beleidigung, Hass und Hetze muss aber das richtige Maß erst noch gefunden werden.

„Merz leck Eier“: Steht auf dem Plakat eines Demonstranten am 1. Mai Foto: Tonny Linke/nur photo/picture alliance

F ür viele Politiker ist das wohl mittlerweile zu einer Art Routine geworden: Die tägliche Dosis aus Beleidigungen, Hass und Hetze wird irgendwo in ihrem Mitarbeiterapparat aufgefangen, gesammelt und in Anzeigenformulare gegossen. Da kann man ja schon mal den Überblick verlieren, was man nun angezeigt hat und was nicht.

Das ist eben die Folge der monatelangen Debatten über die Verrohung des politischen Diskurses und die Angriffe auf Mandatsträger. Die hässlichen Tonarten, die sich – im Netz, aber nicht nur da – breitgemacht haben, werden ja auch von vielen Bürgern als schwer erträglich empfunden.

Da musste man doch was tun, oder nicht? Also wurden Schwerpunktstaatsanwaltschaften geschaffen und Gesetze verschärft. Und dann? Dann schlägt das Pendel halt zur anderen Seite aus.

Dann fallen plötzlich die Fälle auf, wo man übers Ziel hinausschießt. Wo Satire, Ironie oder Kunst nicht als solche erkannt werden. Wo Rentnern, die ihre schlechte Laune auf Facebook ventilieren, Gefährderansprachen gehalten werden. Wo wegen eines bisschen Gepimmel gleich Hausdurchsuchungen angeordnet werden – wie im Fall Andy Grote und jetzt Boris Pistorius.

Aber was wäre denn die Alternative? Sich munter durchbeleidigen und bedrohen zu lassen, weil das eben zum Job gehört?

Haben deshalb jetzt diejenigen recht, die von Anfang an geunkt haben, hier werde die Majestätsbeleidigung durch die Hintertür wieder eingeführt und die Meinungsfreiheit abgeschafft? Aber was wäre denn die Alternative? Sich munter durchbeleidigen und bedrohen zu lassen, weil das eben zum Job gehört? Bis den dann keiner mehr machen will?

Vielleicht muss man schlicht und ergreifend erst einmal das richtige Maß finden. Auf Seiten der Anzeigenden, die nicht wahllos alles anzeigen sollten, sondern abwägen, was wirklich der Verfolgung wert ist. Und auf Seiten der Justiz, der Staatsanwälte und Richter, die zumindest bei so schwerwiegenden Eingriffen wie einer Hausdurchsuchung noch dreimal intensiv über das Wort „Verhältnismäßigkeit“ meditieren müssten.

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Nadine Conti
Niedersachsen-Korrespondentin der taz in Hannover seit 2020
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3 Kommentare

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  • Als Obama Präsident wurde hat er gasagt:



    Ich akzeptiere dass Leute abstossende Dinge über mich sagen werden, und ich werde jeden Tag ihr Recht verteidigen, dies zu tun.



    Was für ein Kontrast zu der Mehrzahl der deutschen Politiker!

  • Danke.

    Mal sehen wie das mit Mäßigung und Vernunft in Zeiten der Polarisierung so klappt.

    Helfen würde es auf jeden Fall.



    Nicht nur im Bezug auf das Anzeigeverhalten von Politikern.

  • Es ist in der letzten Zeit irgendwie etwas ruhiger geworden um die Anzeigenflut.



    Im Dezember 2025 bei rp-online.de



    "Einem Medienbericht zufolge hat Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Zeit als Unionsfraktionschef im Bundestag Hunderte Strafanzeigen wegen Beleidigung gestellt."



    Weiter dort:



    "In zwei Fällen kam es einem Bericht der „Welt am Sonntag“ zufolge zu Hausdurchsuchungen bei den mutmaßlichen Verfassern, wie die Zeitung unter Verweis auf ihr Dokumente wie Anwaltsschreiben und Ermittlungsakten berichtete."



    /



    Der ominöse Fall in Osnabrück mit dem Pistorius-Bezug war selbigem offenbar relativ egal, wurde aber "von Amts wegen" verfolgt.



    "Statt Manneken Pis soll die Skulptur den „kriegsgeilen Boris“ zeigen: Unbekannte haben eine Skulptur in der Hase verunstaltet – mit Pistorius-Konterfei und erigiertem Penis."



    Bei noz.de, mit Bild



    Dazu die Bildunterschrift:



    "Mit einem übergroßen, erigierten Penis und dem Blick auf eine Kriegsszene wurde die Bronzeskulptur „Fountain of Wishes“ in Osnabrück verunstaltet."



    (die Aktions-Gruppe firmiert unter "Rausmetall")