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Drohnenshow für OlympiaIn Hamburg kommt Olympia von oben

Kommentar von

Robert Matthies

Der Senat will das Olympia-Nein der Ham­bur­ge­r*in­nen von 2015 einfach nicht akzeptieren. Jetzt buhlt er um sie mit Drohnen – und der Breitensport?

Bunter Liebeszauber überm Hamburger Hafen: Schon zum Auftakt der Kampagne im Februar gab es Olympiawerbung als Drohnenshow Foto: Christian Charisius/dpa

V or zehn Jahren dachten wir, wir hätten es endlich hinter uns. Hamburg hatte 2015 deutlich Nein gesagt zu Olympischen Spielen in der Stadt: Keine Milliardengräber an der Elbe, keine nutzlosen Stadien, die nach der Schlussfeier als Ruinen vor sich hin gammeln, kein Ausnahmezustand für drei Wochen städtische Selbstbeweihräucherung. Wollten wir nicht, wollen wir auch zukünftig nie. Wohlverdiente Post-Olympia-Ruhe. Zeit, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Aber der Hamburger Senat verhält sich wie stalkende Ex-Geliebte, die die Endgültigkeit einer Trennung nicht akzeptieren. Wie jemand, der nachts am Fenster steht, Steinchen gegen die Scheibe wirft und behauptet, das sei doch alles nur ein Missverständnis gewesen. Und nicht begreift, wie übergriffig das ist. Und weil die alten Komplimente nicht mehr ziehen, steht er immer wieder mit einer neuen, noch teureren Rose vor der Tür.

Zum Hafengeburtstag am übernächsten Wochenende ist es eine Rose in Form hunderter funkelnder Drohnen am Abendhimmel. In einer Show sollen sie „Olympia“ in den Himmel schreiben, als plastikdigitales Liebesgeständnis, damit wir bei der Abstimmung am 31. Mai diesmal im plötzlichen Taumel der Gefühle doch noch Ja zu Hamburgs Bewerbung sagen.

Schon zum Auftakt der neuen Charmeoffensive im Februar hatte der Senat Hunderte leuchtende Plastikflieger über der Elbe surren lassen. Das gibt natürlich fantastische Bilder: paddelnde Kajakfahrende im Discolicht, sich drehende Sportgymnastik. Kitschig, aber immerhin kein feinstaubbelastendes Feuerwerk.

Hoch überm Boden der Tatsachen

Dabei ist es schon ironisch, ausgerechnet mit Drohnen für die „belebende Kraft des Sports“ und die Völkerverständigung zu werben. Die Technik, die da oben so hübsch bunte Kringel in den Abendhimmel malt, hat ihre Wurzeln ja im Krieg. Bevor sie zu Werbeträgern umerzogen wurden, haben Drohnen aufgeklärt und präzise vernichtet. Und jetzt sollen sie den olympischen Frieden herbeiflimmern. Das ist so authentisch wie ein Liebesbrief, den man von einer KI hat schreiben lassen.

Andererseits: Drohnen sind per Definition seelenlose Maschinen, die stumpf das tun, was man ihnen einprogrammiert hat. In ihrer sterilen Perfektion passen sie damit wiederum hervorragend zum modernen IOC-Zirkus, bei dem es schon lange nicht mehr um Schweiß und Fairness geht, sondern um lückenlose Vermarktung und Profitmaximierung.

Also was genau soll hier bitte die Botschaft sein? Die Lichtshow wirkt wie ein verzweifeltes „Schaut alle nach oben!“ Wer voller Staunen verzückt in den Abendhimmel starrt, sieht nicht, wie es unten auf dem Boden der Tatsachen aussieht: Da, wo der Breitensport wegen Sanierungsstau vor sich hin darbt, in bröckelnden Turnhallen mit kaputten Duschen und mit abgenutzten Aschenbahnen, die eher an antike Ausgrabungsstätten erinnern als an moderne Sportstätten. Da könnte ein dreistelliger Millionenbetrag schnell helfen, hört man.

Wer Liebe mit Drohnen erzwingen will, hat das Nein von damals immer noch nicht kapiert. Da hilft erst mal nur konsequentes Ignorieren und ein schön deutliches Nein an der Abstimmungsurne Ende Mai

Aber während Vereine händeringend nach Trai­ne­r:in­nen und Übungs­lei­te­r:in­nen suchen und ehrenamtlich Engagierte schon am Förderantrags-Hürdenlauf scheitern, verballert die Stadt lieber Geld für eine glitzernde Choreografie.

Bald wieder für zehn Jahre Ruhe?

Man kann die Show also auch als Warnung verstehen: Olympia kommt von oben herab, funkelt kurz, kostet Unmengen an Geld und ist dann ganz schnell wieder weg.

Und am Ende bleibt außer heißer Luft, ein paar Insta-tauglichen Bildern und Drohnenüberflugaufnahmen vor allem die Frage, wer den ganzen Schlamassel aufräumen soll, wenn die Party vorbei ist und der Senat sich zum nächsten Großevent davongestohlen hat.

Wirklich sportlich fair wäre es, wenn die Stadt, statt teures Blendwerk abzubrennen, alles dafür tun würde, dass wenigstens die Bolzplätze funktionierendes Flutlicht haben. Wer Liebe mit Drohnen erzwingen will, hat das „Nein“ von damals immer noch nicht kapiert. Da hilft erst mal nur konsequentes Ignorieren von allem Budenzauber und ein schön deutliches Nein an der Abstimmungsurne Ende Mai. Dann haben wir vielleicht bald wieder für zehn Jahre Ruhe.

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Redakteur taz nord
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3 Kommentare

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  • Demokratie lebt davon, dass Entscheidungen – für Personen wie für Sachfragen – neu diskutiert und andere Ergebnisse gefunden werden können, wenn sich die Zeitläufte ändern. Darum ist es nach zehn Jahren durchaus legitim, auch neu über eine Olympiabewerbung nachzudenken und einen Vorschlag zur Abstimmung zu stellen. Ob die Stadtgesellschaft das jetzt weiterhin nicht will, das kann sie frei neu entscheiden. Aber alle künftigen Generationen für ewig zu binden, das geht nicht. Sonst müssten ja die Wahlergebnisse von 1953 auch heute noch gelten.

  • Danke für diesen Kommentar. Spricht mir aus der Seele.

  • Erbärmlich. Hoffentlich bleibt es bei "nein".