Drohender Neonaziaufmarsch: Revier im Visier
Am 1. Mai wollen Rechtsextreme durch Essen marschieren. Ein Bündnis will sich den Faschisten entgegenstellen – und klagt über die Polizei.
In der Ruhrgebietsmetropole Essen mobilisiert das von Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen getragene Bündnis Essen stellt sich quer (ESSQ) gegen einen Aufmarsch von Hunderten Rechtsextremen am 1. Mai. „Wir werden uns bis zu 500 gewaltbereiten Faschisten, die mitten durch die Innenstadt und damit durch das Zentrum des Ruhrgebiets laufen wollen, an mehreren Orten entgegenstellen“, sagt ESSQ-Sprecher Christian Baumann: „Der 1. Mai ist der Tag der Arbeiter:innen, der Gewerkschaften, des sozialen Fortschritts – und nicht der Neonazis.“
Zu der Faschistendemo aufgerufen hat die rechtsextreme Partei „Die Heimat“, bis 2023 bekannt als NPD. Die versucht seit mehr als einem Jahr, Essen zu einem neuen Neonazibrennpunkt in Westdeutschland zu machen. Den Stadtteil Kray, wo die Landesparteizentrale in der Marienstraße 66a ihren Sitz hat, nennen die Rechtsextremen „Nationale Zone“.
Angetrieben von Parteichef Claus Cremer fand dort im Dezember 2024 der Gründungskongress des Landesverbands West der Parteijugend „Junge Nationalisten“ (JN) statt – und 2025 ein Landesparteitag. „Die Heimat verfolgt eine rechtsextremistische Ideologie, die auf dem Prinzip der Volksgemeinschaft basiert und sich vor allem durch Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus hervortut“, schreibt der Landesverfassungsschutz in seinem diesjährigen Bericht.
Zwar ist der Neonazikiez im benachbarten Dortmund-Dorstfeld durch zivilgesellschaftlichen Protest, konsequentes Vorgehen der Polizei und den Rückzug von führenden Rechtsextremen nach Ostdeutschland geschwächt. Doch Rechtsextreme wie Parteichef Cremer versuchen, in Essen-Kray gezielt junge, bisher im Stil von „freien Kameradschaften“ organisierte Menschen an seine Partei zu binden.
Unter einem Foto des von der NSDAP-Propaganda zum „Blutzeugen“ erklärten Albert Leo Schlageter lädt Die Heimat zu sogenannten „Offenen Abenden“ ein, zu denen bis zu junge 70 Neonazis kommen. „Hier ist es alten Nazis gelungen, sich an junge Rechtsextreme anzubiedern“, sagt ESSQ-Sprecher Baumann dazu.
Stadtverwaltung erfolglos, Polizei sprachlos
Die Essener Stadtverwaltung von CDU-Oberbürgermeister Thomas Kufen versucht zwar, gegen die Etablierung eines neuen Neonazikiezes in Kray vorzugehen. Im Januar hat sie Veranstaltungen wie die Offenen Abende in der rechtsextremen Parteizentrale, einer alten Tischlerei, „wegen Verstößen gegen bauordungsrechtliche Vorschriften“ untersagt. Doch vor Gericht hatte das Verbot keinen Bestand. Jetzt wird im Rathaus an einer neuen Ordnungsverfügung gearbeitet – doch am 10. April fand in der Marienstraße erneut ein Treffen junger Neonazis statt.
Heftig in der Kritik steht die Essener Polizei. Denn während Die Heimat auf Social Media verkündet, Treffpunkt für ihren Aufmarsch am 1. Mai sei um 13 Uhr der Hirschlandplatz in der Innenstadt, wollen die Beamt:innen die genaue Route der Faschistendemo auf keinen Fall veröffentlichen. Schon bei einer Demo der rechtsextremen Kameradschaft „Jung und Stark“ im März 2025 habe „eine intransparente Informationspolitik den Nazis den Weg geebnet“, sagt nicht nur ESSQ-Sprecher Baumann. Weil die Polizei mauerte, sei auch eine ganze „Schulklasse nach einem Kinobesuch völlig unvorbereitet in den Naziaufmarsch“ geraten
„Die Neonazis wollen erreichen, dass sich der Gegenprotest zurückzieht – das darf nicht passieren“, betont eine Sprecherin der Essener „Omas gegen rechts“: „Wir haben das Recht auf Gegenprotest in Sicht- und Hörweite. Deshalb muss die Polizei die Route der Nazidemo veröffentlichen.“ Nur „aus Bequemlichkeit“ mauerten die Beamt:innen, kritisiert auch der Co-Kreissprecher der Essener Linken, Tobias Umbreit – „um den Gegenprotest möglichst klein zu halten“.
Wie Umbreit hofft ESSQ-Sprecher Baumann deshalb, dass sich möglichst viele Menschen der Demonstration des DGB anschließen, die vom Rüttenscheider Markt zum zentralen Burgplatz ziehen wird. „Am 2. Mai 1933 haben die Nazis die Gewerkschaften zerschlagen“, mahnt Baumann. „Am 1. Mai 2026 hoffen wir auf eine möglichst große Gewerkschaftsdemo.“
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