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Folgen der AtomkraftnutzungDer Traum von Atommüll ohne Schrecken

Die sogenannte Transmutation soll hochradioaktive Abfälle unschädlich oder sogar energetisch nutzbar machen. Ist das realistisch?

Hier kann der Atommüll jedenfalls nicht bleiben: Zwischenlager in Ahaus Foto: Ralf Rottmann/Funke Foto Services/imago

Theoretisch kann man radioaktiven Müll atomphysikalisch „verbrennen“: Man wandelt langlebige radioaktive Substanzen in kurzlebige um. Oder in stabile, die gar nicht mehr strahlen. Was nach Zauberei klingt, ist angewandte Kernphysik – Transmutation heißt das Prinzip. Aber ist es eine praktikable Lösung zur Beseitigung des vorhandenen Atommülls?

Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base) zeigt sich skeptisch gegenüber dieser Technik und stützt sich dabei auf ein neues Papier der International Nuclear Risk Assessment Group (INRAG) in Wien, die eng mit dem Öko-Institut in Darmstadt verbunden ist.

Grafische Darstellung eines AKW-Kühlturms, aus dem eine Wolke mit einem Radioaktivitätssymbol kommt.
40 Jahre nach dem Super-GAU in Tschornobyl

Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen, damals sowjetischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn. Die taz verwendet bei ukrainischen Orten grundsätzlich die Schreibweise in Landessprache, nicht die russische – so auch bei Tschornobyl.

Konkret geht es immer um zwei Aspekte – Partitionierung und Transmutation (P&T). Bei der Partitionierung werden die verschiedenen radioaktiven Substanzen getrennt, ehe sie transmutiert, also umgewandelt werden. Die heiklen Stoffe sind die transuranen Stoffe, von denen Plutonium der bekannteste ist.

„Je nach Szenario würden für die Transmutation des gesamten deutschen Inventars von rund 148 Tonnen transuraner Elemente etwa 15 bis 25 Reaktoranlagen benötigt“, so das Base. Die Anlagen bräuchten dafür „selbst unter optimistischen Annahmen“ 150 bis 500 Jahre. Gleichwohl blieben immer langlebige radioaktive Abfälle übrig, die eine Endlagerung erforderlich machten.

Alter Hut?

Grundsätzlich neu ist Transmutation nicht. Im Deutschland des späten 20. Jahrhunderts war bereits eine Atomwirtschaft im Aufbau, die technologisch eine Art von P&T war: Die Partitionierung sollte in der Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf erfolgen, die Transmutation im Schnellen Brüter in Kalkar. Die eine Anlage wurde jedoch nie fertiggestellt, die andere ging wegen Sicherheitsbedenken nie in Betrieb.

Auch heute noch halten manche Atomphysiker bei der Nutzung von Transmutation im Grundsatz am alten Konzept von Wackersdorf und Kalkar fest und wollen Energie gewinnen. Andere beschränken sich auf die Behandlung des Atommülls.

Der Atomingenieur Bruno Merk, der in Liverpool forscht, gehört zur ersten Gruppe. Für ihn stellt sich die Ablehnung der Transmutation durch das Base so dar, als hätte man „die Windkraft nach Growian gestoppt“. Growian war ein Windprojekt der 1980er Jahre, das aufgrund von Materialproblemen scheiterte, ehe die Windkraft dann doch technisch reüssierte.

Zwei Umsetzungen

Auch bei der Transmutation habe es große Fortschritte gegeben, man müsse sie nur wollen, sagt Merk. „Wir könnten aus dem deutschen Atommüll Strom für 300 Jahre gewinnen.“ Es sei nachgewiesen, dass ein Reaktor mit abgebranntem Brennstoff langfristig betreibbar sei. Das Konzept mit dem Namen iMAGINE komme ohne eine separate Wiederaufarbeitung aus und biete eine „restlose Nutzung des Energiegehalts abgebrannten Brennstoffes“, sowie eine „Verringerung der Endlagerherausforderung durch verbesserte Sortierung“. Langlebige Abfälle würden von wärmeproduzierenden Abfällen getrennt und könnten separat gelagert werden.

Die Firma Transmutex hingegen, die aus dem Umfeld des Teilchenbeschleunigers Cern heraus gegründet wurde, will den Atommüll durch schnelle Neutronen behandeln. Zusammen mit der Bundesagentur für Sprunginnovationen hat sie 2025 eine Studie veröffentlicht, wonach sich die Menge des deutschen Atommülls so um den Faktor 10 und die Radioaktivität um den Faktor 1.000 reduzieren lasse. Vor allem brauche man kein Endlager mehr für eine Million Jahre: „Von den Abfällen sind aufgrund der Behandlung nur noch kurzlebigere Isotope übrig, deren Strahlung nach 800 Jahren auf dem Niveau von Natururan liegt“, sagt Guido Houben, Geschäftsführer von Transmutex Deutschland.

Transmutex gehe es alleine um eine sinnvolle Lösung des Müllproblems – und um die Gewinnung von Radioisotopen für die Medizin. Die Energie, die für den Beschleuniger und die vorherige elektrochemische Partitionierung der Brennstoffe benötigt wird (auch ein anderes Verfahren als die einstige Technik der Wiederaufarbeitung), lässt sich jedoch spielend aus dem Prozess heraus gewinnen. Die Inbetriebnahme einer Anlage sei „technisch bis etwa 2035 möglich“, heißt es.

Skeptiker nicht überzeugt

Das Base und seine Gutachter bleiben trotzdem skeptisch gegenüber der Transmutation: Das jüngste Papier der Inrag räumt zwar ein, dass aus Sicht des Unfallrisikos „beschleunigergetriebene Reaktoren gegenüber Leichtwasserreaktoren erhebliche Vorteile bieten“, gleichwohl könnten auch hier schwere Unfälle „derzeit nicht ausgeschlossen werden“. Houben glaubt jedoch, dass es keine unkontrollierbare selbstständige Kettenreaktion geben kann, weil der Protonenstrahl, der beim Auftreffen auf Schwermetallatome die Neutronen freisetzt, einfach abgeschaltet werden könne. Ein Stromausfall zum Beispiel beende den gesamten Prozess.

Damit wird die Debatte um das Thema Transmutation wohl nicht mehr verstummen – zumal die Standortentscheidung für ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle in Deutschland noch lange dauern wird. Sie dürfte frühestens in den 2060er Jahren fallen. Welche Konzepte zur Behandlung des Atommülls die Wissenschaftler dann zu bieten haben werden, vermag heute niemand vorauszusehen.

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15 Kommentare

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  • Weil es so überzeugend klingt:



    Investoren stehen hoffentlich bereit, denn unsere Steuergelder sind ja anderweitig gebunden.



    Ein Beispiel für die teuren Ruinen des Wahnsinns:



    "Mindestens 10 Milliarden Euro: Rückbau des Atomkraftwerks Lubmin kostet doppelt so viel wie geplant und dauert deutlich länger"



    Quelle iwr.de



    Weiter dort:



    "Im Jahr 1995 wurde der Rückbau noch auf 3 bis 5 Milliarden Euro geschätzt. Inzwischen liegen die Prognosen laut NDR bei mindestens 10 Milliarden Euro – also eine mindestens doppelt so hohe Summe. Auch der Zeitrahmen hat sich deutlich verschoben: Statt 2028 ist nun frühestens 2045 als Fertigstellungstermin im Gespräch – eine Verzögerung von rund 20 Jahren."



    Und dazu



    "Der stark belastete Beton muss unter strengen Strahlenschutzauflagen entfernt werden, zum Teil unter statikrelevanten Eingriffen in die Gebäudestruktur. Zusätzlich erschwert die ungeklärte Endlagersituation den Rückbau, da dadurch hohe Zwischenlagerkosten vor Ort entstehen."



    Ich weiß noch nicht, wie ich das meiner Enkelin erklären soll, aber da kann ich vielleicht die Experten konsultieren, die aus Sch... Gold machen können, damit sie ihre rosige Zukunft richtig einschätzen kann (Ironie-Alarm!).

  • Leider ein völlig unkritischer Artikel, der Werbesprüche zum Abgreifen von Forschgungsgeldern für bare Münze nimmt. Der Text lässt physikalisch-technisches Wissen vermissen, setzt sich nicht mit den Projekten auseinander, für die zitierten Gesprächspartner stehen, glaubt aber sie promoten zu müssen.



    .



    Weiterhin gilt: Wir können zwar radioaktive Stoffe erzeugen, sie aber nicht wieder besetigen, sondern nur warten bis sie von selbst zerfallen. Daran ändert auch die Transmutation nichts, denn sie will aus langlebigen radioaktiven Stoffen durch Bestrahlung mit Teilchen kurzlebige Radionuklide machen, will also deren Radioaktivität erhöhen. Das funktioniert, aber leider nicht so, dass dadurch die Atommüllmenge insgesamt abnimmt - im Gegenteil.

    Das von der Bundesagentur für Sprunginnovationen Sprin-D veröffentlichte Konzept von Transmutex beruht etwa auf dem Bau eines Teilchenbeschleunigers, einer Wiederaufarbeitungsanlage und eines Atomkraftwerks.

    Arme taz - zurück in die nukleare Vergangenheit.



    Jürgen Voges

  • (NB: Growian _sollte wohl demonstrieren, dass Windkraft nicht klappen würde)



    Wir haben noch hunderttausende Jahre für die "End"lagerung vor uns, da könnte sich selbst die schweineteure und riskante Variante relativ lohnen - aber alles keine Entschuldigung dafür, die Kosten von Atom vorher künstlich runtergerechnet zu haben und spätere Generationen die Rechnung zahlen zu lassen!

  • Transmutation und Kernfusion sind physikalisch möglich, nur wir müssen die Probleme heute lösen.

    Aus einer Studie der Heinrich Böll Stiftung.

    AKW-Neubauten sind nur mit staatlichen Abnahmegarantien und Subventionen möglich – bei Stromgestehungskosten, die mittlerweile um ein Vielfaches höher sind als bei den Erneuerbaren Energien. Im Jahr 2024 kostet eine Megawattstunde (MWh) Strom aus neuen Atomkraftwerken (AKW) etwa 182 US-Dollar, aus Windenergie 50 US-Dollar und aus Solarenergie 61 US-Dollar. Atomstrom ist also rund dreimal teurer als Strom aus Erneuerbaren Energien. Beispiel Frankreich: Unser Nachbarland rühmt sich günstigen Atomstroms, doch der Preis ist künstlich gedrückt. Staatliche Subventionen halten die Stromtarife niedrig, während Gutachten zeigen, dass die tatsächlichen Kosten um 75 Prozent höher liegen – teurer als der europäische Durchschnitt und künftig wohl kaum noch wettbewerbsfähig. Gerade erst korrigierte der Pariser Rechnungshof seine Preisschätzung für den Atomstrom aus dem neuesten AKW Flamanville um 60 Prozent nach oben – und warnte die Politik eindringlich vor den unkalkulierbaren finanziellen Risiken weiterer Neubauten.

  • Wer daran glaubt, kann ja die Investition bezahlen. Natürlich muss er nicht nur an die technische Machbarkeit glauben, sondern auch dem Staat vertrauen, wo das Kraftwerk gebaut wird.



    Also jeder Atomkraft- Befürworter zeichnet jeden Monat für 100 bis 300€ Aktien der Atommüll- Gesellschaft. Sozialhilfe- Empfänger zahlen 20€ im Monat. Dann bekommen wir genügend Geld für den Bau eines Atomkraftwerks zusammen, das von Verbrennung von Atommüll lebt. Vielleicht in Temelin? Oder in Nord- Polen an der Ostsee?

  • Ach du meine Güte.



    Die Kernfusion ist die Energiequelle der Zukunft, und das schon seit 75 Jahren. Ebenso die Brennstoffzelle, seit 150 Jahren.



    Und jetzt also Transmutation.



    Das sind doch ungelegte Eier.



    Mit sowas kann man in absehbarer Zeit keine Energiewende machen. Für dieselbe müssen wir uns auf verfügbare Technologien verlassen, mit ein paar planbaren Adaptionsentwicklungen.



    Schreibt einer, der seine Brötchen Zeit seines Berufslebens in Entwicklungsabteilungen verdient hat, von Ökoklitsche bis Weltkonzern.

  • Zur Wahrheit gehört auch dazu, dass kurzlebigerer Atommüll erheblich intensiver strahlt, weil die darin enthaltenen Isotope naturgemäß schneller zerfallen.

    Es sollte also nicht der Eindruck entstehen, dass Transmutationsprodukte rundheraus unproblematischer wären. Sie sind durchaus auch noch ein Problem für kommende Generationen, allerdings für erheblich kürzere Zeiträume.

  • "Das Konzept mit dem Namen iMAGINE komme ohne eine separate Wiederaufarbeitung aus und biete eine „restlose Nutzung des Energiegehalts abgebrannten Brennstoffes“, ..."

    Das käme einem Perpetuum Mobile gleich und setzt zudem voraus, dass bei einer Spaltung von Atomen keine gespaltenen Atome entstehen.

    • @Knuty:

      Ich halte Atom für eine Sackgasse, außer man will die Bombe.



      Ich werfe zugleich kurz ein, dass bei aller Energieerhaltung/Thermodynamik hier mensch ja ausnahmsweise auch auf Masse-zu-Energie zurückgreifen kann. Was dies PR-Blabla nicht entschuldigt, aber was sich anführen ließe.

    • @Knuty:

      "Das käme einem Perpetuum Mobile gleich"

      Ein Perpetuum mobile ist rein physikalisch nicht möglich, wenn man dieses simple physikalische Prinzip nicht versteht, dann erübrigt sich jegliche Diskussion! Es geht hier um physikalische Gesetze und nicht um irgend eine Meinung!

      • @taz.manien:

        In abgebrannten Brennstoffen gibt es keinen Energieinhalt, den man nutzen könnte.



        Gäbe es den, wäre es ein Perpetuum Mobile, was physikalisch unmöglich ist.

    • @Knuty:

      Das ist so nicht richtig. Selbstverständlich entstehen bei einer Kernspaltung immer Spaltprodukte, aber es entstehen eben auch bei Präsenz weiterer Stoffe aufgrund von Transmutation ggf. neue, radioaktive Stoffe, die dann ihrerseits unter Energieabgabe zerfallen und wiederum Spaltprodukte bilden.

      Eines der Probleme unserer bisher genutzten Reaktortypen war und ist die Erbrütung langlebiger radioaktiver Abfallprodukte, darunter auch Plutonium, was seinerzeit wegen der nuklearen Aufrüstung gewollter Effekt war.

      In einem Reaktor, der mit bspw. Thorium durch Einfangen von Neutronen aus dem Zerfall von Atommüll, der untergemischt wurde, neuen Kernbrennstoff, unter anderem U233, erbrütet, und bei dem die Zerfallprodukte dann ihrerseits auch wieder weiter gespalten und abgebaut werden, sieht die Bilanz an Müll erheblich besser aus.

      Vor allem, weil die Halbwertszeiten der am Ende entstehenden Endprodukte erheblich geringer sind, also in vergleichsweise kurzer Zeit der Müll nicht mehr so stark strahlt.

      Die Zerfallsreihen und auf nuklearer Ebene stattfindenden Prozesse sind bekannt und erforscht.

      • @Metallkopf:

        "In einem Reaktor, der mit bspw. Thorium durch Einfangen von Neutronen aus dem Zerfall von Atommüll, ..."

        Beim Zerfall von Atommüll werden keine Neutronen freigesetzt, außer bei Pu. Das passiert aber schon in jedem üblichen AKW.



        Um die Zerfalls-Neutronen von Pu zu nutzen, müsste man rund 250.000 Jahre lang Thorium der Strahlung aussetzen. Und dann könnte man 1% des U235 mit U233 ersetzen, wenn nicht bis dahin das U233 schon wieder zerfallen wäre.

        "... weil die Halbwertszeiten der am Ende entstehenden Endprodukte erheblich geringer sind, ..."

        Rund 20% des Pu239 wird bei Einfang von Neutronen nicht gespalten, sondern in ein anderes Pu-Isotop transmutiert, was noch schwerer zu spalten ist als Pu239.

  • Theoretisch kann man radioaktiven Müll atomphysikalisch „verbrennen“: Man wandelt langlebige radioaktive Substanzen in kurzlebige um. Oder in stabile, die gar nicht mehr strahlen. Was nach Zauberei klingt, ist angewandte Kernphysik – Transmutation heißt das Prinzip. Aber ist es eine praktikable Lösung zur Beseitigung des vorhandenen Atommülls?



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    Theoretisch fahre ich HEUTE ein atomgetriebenes Auto, wenn ich mich richtig an die "Versprechen" aus den 1960ger Jahren erinnere & habe eine "total günstige Strom-Flatrate", weil "Zähler & Messgeräte" bei den Unmengen preiswerten Strom den AKW's produzieren viel zu teure sein werden! :-)



    Theoretisch dauert es nur 30 Jahre, bis die ersten 1950-60 in Betrieb gegangenen "Fusions-Reaktoren" als Massenprodukt OHNE langlebigen Müll uns mit Strom versorgten!



    Theoretisch wird Wind & Sonnenenergie NIE rentable sein & unmöglich, das wir aus dem "Zappelstrom" nennenwerte Beiträge zur Energie-Netz ziehen können!



    Btw. Ist nur etwas verwirrend, das alle diese Vorhersagen leider "Mummpitz", modern "Fake-News" genannt waren, weil "hoch interessengeleitet" & NIE zu Ende gedacht!



    Mein Fazit: Kosten rechnen, Risiko & Versicherung klären, ... plums! :-)

  • Ich vermute mal, dass Atommüll ohne Schrecken noch lange ein Traum bleiben wird, zur Zeit ist Atommüll für denkende Menschen ein Albtraum.