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Abtritt des Linkspartei-ChefsGesundheit ist wichtiger als Macht

Kommentar von

Gunnar Hinck

Jan van Aken zieht sich aus der ersten Reihe der Politik zurück. Das ist schade, aber in Zeiten der Retro-Männlichkeit ein wichtiges Signal.

Jan van Aken wusste, dass es Zeit war zu gehen, eine seltene Qualität unter Männern dieser Tage Foto: Katharina Kausche/dpa

H elmut Schmidt war Kettenraucher, lag ein paarmal bewusstlos auf dem Boden des Kanzleramts in Bonn und bekam mehrere Herzschrittmacher eingesetzt. Nach seiner Kanzlerzeit brüstete er sich mit Pflichterfüllung und so.

Die Generation Wehrmacht ist nun schon länger tot, aber das Männerbild, dass man hart zu sich selbst sein müsse und ein gesundes Leben etwas für Weicheier sei, hielt sich doch ziemlich lange. Das lag auch an Schmidt, weil der Mann 96 Jahre alt wurde und viele Männer sich genau das mit Verweis auf den Ex-Kanzler einreden konnten. Dabei sprechen die Statistiken seit Jahrzehnten eine deutliche Sprache: Männer leben kürzer als Frauen, unter anderem deshalb, weil sie zu wenig auf sich und die Warnsignale von Körper und Seele achten.

Zum Glück ändert sich – langsam – das Männerbild, und eine kleine, aber nicht ganz unbedeutende Rolle spielen dabei Männer, die im öffentlichen Leben stehen: Kevin Kühnert machte mit 35 Schluss mit dem Hochleistungsberuf Spitzenpolitik und sagte: „Hier ist die Grenze für mich.“ Jetzt hat Jan van Aken angekündigt, wegen seiner Gesundheit nicht mehr als Linke-Parteichef anzutreten.

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Das ist bedauerlich für die Linkspartei, haben doch van Aken, der Mann aus der Bewegungslinken mit Hamburger Schnoddercharme, und Ines Schwerdtner, die intellektuelle Strategin, ein ziemlich perfektes Tandem abgegeben. In seiner Erklärung machte Jan van Aken, der im nächsten Monat 65 Jahre alt wird, eine klare Ansage, die aber immer noch ungewöhnlich ist für Männer des öffentlichen Lebens: „Ich muss auf mich aufpassen. Das tue ich hiermit.“

Er sendet damit ein wichtiges Zeichen gerade an jene sich selbst überschätzenden Männer, dass man nur ein Leben hat und man(n) auf dieses Leben achten sollte. Und in Zeiten, in denen sich alte Autokraten wie Putin und Trump für unsterblich halten und global von den scheinbar harten Kerlen der Manosphere gefeiert werden, ist das ein wohltuendes Signal.

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ist Redakteur im taz-Ressort Meinung.
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11 Kommentare

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  • Kann nicht einmal irgendwer eine Entscheidung aus persönlichen Gründen treffen, ohne dass das als Vehikel zur globalgalaktischen Thematisierung angeblicher "Kernfragen" des Geschlechterverständnisses schlechthin umgekrempelt wird? Einschließlich Putin und Trump-Erwähnung?

    Manchmal hat man den Eindruck, das Tagesgeschehen ist nur noch der Anlass für die Journalisten, die Geschichte abzuladen, die sie immer schonmal erzählen wollten.

    • @Metallkopf:

      Schöner und treffender Beitrag.

  • "Männer leben kürzer als Frauen, unter anderem deshalb, weil sie zu wenig auf sich und die Warnsignale von Körper und Seele achten."

    Es ist eine linke Grundüberzeugung, dass es immer das System, niemals das individuelle Verhalten Schuld ist. Letzteres ist eine kapitalistische Logik.

    • @Chris McZott:

      Individuelles verhalten kommt aber nicht aus dem nichts. Sondern wird beeinflusst von ökonomischen Zwängen und kulturellen Normen. Aber es ist ja eine rechte Grundüberzeugung, dass solche Zustände Gottgewollt sind und deshalb gefälligst akzeptiert zu sein haben und erst garnicht kritisch analysiert werden dürfen.

  • Unabhängig von den persönl. Beweggründen für Jan van Aken gibt inzwischen immer mehr Warnsignale für die möglichen Beeinträchtigungen durch den Beruf in der Politik.



    Erst am 11.4.26 in deutschlandfunk.de



    "Arbeitsbelastung in der Politik



    Zwischen Reiz, Risiken und Resilienz"



    Dort war zu lesen:



    "Eine scharfe Kritikerin der Arbeitsbedingungen in der Bundespolitik ist die ehemalige Linken-Abgeordnete Anke Domscheit-Berg. In der Politik könne man sich nie auf eine Sache fokussieren, sondern arbeite stets an zwei, drei Themen gleichzeitig, sagt sie. Zugleich gebe es kaum Auszeiten, keine freien Wochenenden. Die Folgen des Dauerstresses zeigten sich bei ihr körperlich, sagt Domscheit-Berg: Sie bekam Migräne, Dauerschwindel und Burnouts."



    Und weiter:



    "Auch die ehemalige Abgeordnete Domscheit-Berg warnt davor, dass wegen der hohen Arbeitsbelastung bald nur noch „menschliche Steine“ im Parlament sitzen könnten. Es dürfe nicht sein, dass am Ende nur noch diejenigen, „die mit vier Stunden Schlaf auskommen und 150 Prozent belastbar sind“, Politik machen können. „Wir wollen repräsentative Menschen in der Politik, die Politik für alle machen – dazu müssen sie auch mehr oder weniger normal sein.“

  • Es gibt ja ein physiologisches und ein geistiges Alter, wobei lezteres oft stärker ist als das rein körperliche. Helmut Schmidt ist ja sein ganzes langes Leben der 26-jährige Wehrmachtsoberleutnant von 1945 geblieben, zahllose Interviews mit lobenden Aussagen zur "Kameradschaft" der NS-Zeit zeugen davon. Kevin Kühnert ist das Gegenbeispiel, schon mit realen 35 Jahren politisch frustriert und vereinsamt vergreist...



    Bei Jan van Aken hingegen passt offenbar alles zusammen: Rücktritt mit 65, ganz beamtenmäßig. Obgleich seine politsche Perspektive sicher breiter und weiter war als das 400.000-Wohnungen-Versprechen von Kühnert, vermisste man doch eine weiterhin motivierende Fortschrittsstimmung. Schon das Wort"Fortschritt" ist heute offenbar noch mehr verhasst als "Klimakrise" in der politischen Landschaft dieser Stillstandsrepublik, der nun auch der Politiker (hoffentlich nicht der Mensch) van Aken zum Opfer gefallen ist.

  • Auch, wenn ich mich von der Linken als Partei inzwischen deutlich entfremdet habe, wünsche ich Herrn van Aken selbstverständlich alles Gute und eine gute Gesundheit - und glaube, dass es für die Linke ein Verlust ist, dass er sein Amt aufgibt.

  • Ein schöner Kommentar und an Jan vielen Dank und alles Gute!

  • Mit der aktuellen Parteispitze hat es die Linke geschafft, ihre Mitgliederzahl quasi zu verdoppeln und innerhalb eines Jahres von 2,7 Prozent bei der Europawahl auf 8,8 Prozent bei der Bundestagswahl zu kommen.

    Noch viel wichtiger: Endlich wieder begeisternd, endlich wieder relevant zu sein.

    Von der persönlichen Integrität Schwerdtners und van Akens ganz zu schweigen (beide spenden einen Großteil ihres Bundestags-Gehalts).

    Ich hoffe, dass die Linke ihren Weg mit Haustürbesuchen, Sozialberatungen und vor allem Konzentration auf die Themen, die wirklich wichtig sind und somit mobilisieren können, fortsetzt.

  • Genau, Alpha-Kevin ist ein Vorbild für uns Männer. Nichts geleistet - aber die Work-Life Balance voll ausgeschöpft. Das muss man sich leisten können - aber Berufspolitiker schaffen das, zumal sie als brave Parteisoldaten immer versorgt sind.

    • Gunnar Hinck , Autor des Artikels,

      @FraMa:

      Polemik. Natürlich hat KK etwas geleistet. Und er ist eben kein braver Parteisoldat. Bis zu seiner Rente dauert es noch etwas, er muss sein Geld schon selbst verdienen. Der Mann hatte (vermutlich) einen schweren Burn-out, und er hat die richtigen Konsequenzen. MfG aus der taz