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Apothekerin Dorothea Metzner: Führt die einzige Apotheke im Hamburger Stadtteil Steilshoop Foto: Miguel Ferraz

Gesundheitsversorgung im Norden HamburgsDie letzte ihrer Art

In Hamburg-Steilshoop bricht die medizinische Grundversorgung zusammen. Für die letzte Apotheke ist die Lage dadurch existenzbedrohend. Ein Besuch.

Aus Hamburg

Ronja Morgenthaler

N och ist sie da, die letzte Apotheke im Hamburger Stadtteil Steilshoop, aber man muss sie erst mal finden: Pfeile auf den Schildern mit dem bekannten roten A weisen den Weg. Sie führen durch ein Labyrinth aus Bauzäunen, Gerüsten und holzverkleideten Tunneln, durch ein fast leerstehendes Einkaufszentrum, mitten durch die Großbaustelle für die geplante U5. Dann ist man da – an der Apotheke von Dorothea Metzner, einem der letzten medizinischen Ankerpunkte der Hochhaussiedlung.

Steilshoop liegt wie eine abgetrennte Insel im Norden Hamburgs: Schlecht zu erreichen, schlecht ausgestattet und schlecht beleumundet. Knapp 20.000 Menschen leben in dem Quartier – unter ihnen sind weit mehr Kinder und Alte als im Hamburger Durchschnitt, weit mehr Menschen mit Migrationshintergrund und weit mehr, die auf Grundsicherung angewiesen sind.

Ende der 1960er Jahre wurde die Siedlung als urbane und autogerechte Utopie entworfen. Zwei Reihen aus jeweils acht Hausringen laufen in einem flachen V auf das ehemalige Herz des Viertels zu – auf das Einkaufszentrum, vom Boulevard einst „Ekel-EKZ“ getauft.

Auf diesem Areal liegt auch Dorothea Metzners Apotheke. Was einst ein irgendwie funktionierendes Nahversorger-Zentrum war, leidet seit Jahren unter der maroden Substanz und immer mehr unter Leerstand. Heute kommen Influencer hierher und machen sich einen Spaß daraus, die bröckelnden Fassaden, Wasserschäden, Taubennester, den Müll und die leeren Gänge zu filmen.

Wer sie finden will, muss den Pfeilen auf den Schildern folgen: durch ein Labyrinth zu einem der letzten medizinischen Ankerpunkte Foto: Miguel Ferraz

Eine riesige Baustelle macht alles noch schwerer

Eigentlich soll vieles besser werden: Ein Sanierungsgebiet wurde ausgerufen, das Einkaufszentrum soll einem schöneren Neubau weichen. Und: Endlich soll der Stadtteil dank der U-Bahn-Linie 5 auch ans Schienennetz angebunden werden. Bisher fahren nur Busse die Menschen von hier aus in den Rest Hamburgs.

Doch bis es so weit ist, ist erst mal alles schlechter als zuvor. So ein U-Bahn-Bau ist aufwendig; erst irgendwann in den 2030er Jahren soll die Haltestelle direkt am neuen EKZ eröffnen. Vor allem für die Alten seien die Wege zwischen Dreck und Gerüsten oft zu weit geworden, erzählt Metzner.

An diesem Freitagmorgen steht die Apothekerin schon bereit, als die Grünen-Bezirksabgeordnete Myriam Christ gegen zehn Uhr hereineilt, um sich zu informieren. Die beiden Frauen gehen ins kleine Büro, im hinteren Teil des Ladens. Dort verbringt Metzner mittlerweile mehr Zeit als zwischen den hölzernen Medikamentenschubladen: Momentan ist sie eher Krisenmanagerin als Pharmazeutin.

Seit 2004 arbeitet sie hier, 2019 übernahm sie als Inhaberin von der damaligen Besitzerin, die aus Altersgründen aufhörte. Es war eine bewusste Entscheidung. Für die Apotheke, aber auch für den Stadtteil. Das Stigma, das ihm anhaftet, kann Metzner nicht nachvollziehen. „Total nett ist es hier“, sagt sie. Sie schätze die Menschen, die zu ihr kommen. Und damals, 2019, empfand sie die Lage auch noch nicht als so katastrophal.

Die Menschen hier haben keine Lobby

Dorothea Metzner, Apothekerin in Hamburg-Steilshoop

Steilshoops letzte Apotheken-Inhaberin ist eine der lautesten Stimmen, wenn es um die medizinische Notlage im Stadtteil geht. Metzner protestiert, gibt Interviews und ist vor Ort präsent. Heute ist sie froh, dass jemand aus der Politik kommt. Sie braucht Fürsprecher, für sich und für den Stadtteil. „Die Menschen hier haben keine Lobby“, sagt sie.

Die gebürtige Cottbuserin ist eine, die ruhig bleibt, auch wenn sie über ihren Ärger spricht und erklärt, wie sich die Lage in den vergangenen Monaten zugespitzt habe. Ihr Geschäft sei längst zum Auffangbecken für die medizinische Not im Stadtteil geworden. Sie sagt: „Wenn ich weggehe, ist hier Schicht im Schacht.“

Klingelschilder tragen Namen verwaister Arztpraxen

Die Klingelschilder am ehemaligen Ärztehaus nebenan tragen noch die Namen der mittlerweile verwaisten Praxen. Anfang des Jahres schloss die letzte große Praxis über Nacht, sie gehörte zu einer Kette, die insolvent gegangen war. Verzweifelt hätten die Menschen in ihrem Verkaufsraum gestanden – ohne Patientenakten, ohne Anschlussversorgung. Metzner telefonierte stundenlang, suchte nach Plätzen in der Umgebung, meist ohne Erfolg.

Während Hamburg statistisch als überversorgt gilt, hat Steilshoop einen Versorgungseinbruch erlebt: Noch 2021 waren es vier Praxen mit mehr als zehn aktiven Hausärztinnen und -ärzten. Inzwischen gibt es im ganzen Stadtteil eine letzte allgemeinmedizinische Praxis und einen Kinderarzt.

Unsichere Mietverhältnisse, auslaufende Verträge und marode Praxisräume schrecken viele Praxen ab. Für die Apotheke ist die Lage dadurch existenzbedrohend geworden: Mit den Ärzten verschwinden die Rezepte und damit die Einnahmen. Dennoch zahlt Metzner weiterhin mehr als 50 Euro Warmmiete pro Quadratmeter an den Inhaber des Areals. Wenn sich nicht bald etwas ändere, könne sie sich wirtschaftlich nicht mehr halten.

Die Grünen-Politikerin Myriam Christ hört sich all das an, schreibt auf einem Collegeblock mit und seufzt immer wieder. Sie ist gesundheitspolitische Sprecherin ihrer Fraktion in Wandsbek, dem Stadtbezirk, zu dem auch Steilshoop gehört. „Wir haben im Bezirksamt wenig Handhabe“, sagt sie entschuldigend. Die nächsthöhere Ebene sei zuständig, vor allem die Sozialbehörde.

Über Jahre ließ ein dänischer Investor das Einkaufszentrum und die darüberliegenden Wohnungen verfallen. 2022 übernahm ein neuer Eigentümer und kündigte die Sanierung an. Die Stadt legte das Fördergebiet fest. Der Gewinnerentwurf für das EKZ der Zukunft zeigt ein Vorzeige-Quartier aus Klinker und Glas mit begrünten Dachterrassen und offene Arkaden.

Seit 2022 ist die Stadt in Verhandlungen mit dem Eigentümer; vor zwei Wochen hat man sich geeinigt und eine Sanierungsvereinbarung unterzeichnet, endlich. Als Erstes, das ist nun bekannt, soll das Ärztehaus zum Wohnhaus umgebaut werden.

Wo genau die letzten Mieter des Ärztehauses, der Kinderarzt und die Apotheke, in diesen Phasen hinsollen, das ist aber noch nicht öffentlich bekannt. Von einer „Interimslösung“ ist die Rede. Metzner wünscht sich, dass Apotheke, Ärzte und Sozialberatung in der Zwischenzeit in einem zentralen Containerkomplex gebündelt würden. Kosten und Machbarkeit habe sie bereits auf eigene Faust geprüft, seit Jahren wirbt sie dafür.

Umsetzen müsste die Containerlösung wohl die Stadt – und die hält sich bedeckt. Die Sanierungsvereinbarung ist noch nicht veröffentlicht. Auf Medienanfragen gab es zuletzt keine Antworten.

Über Jahre ließ ein dänischer Investor das Einkaufszentrum verfallen. Nun soll irgendwann doch saniert werden Foto: Miguel Ferraz

Interimslösung, das könnte auch etwas anderes heißen. Metzner führt die Grünen-Politikerin Christ über die Baustelle auf die andere Seite des Einkaufszentrums. Hier hat ihr der Eigentümer eine Ausgleichsfläche angeboten: Der ehemalige Laden für Sportwetten ist genauso heruntergekommen wie die geschlossene Bar daneben.

Im Inneren hängen Kabel frei unter der offenen Decke. Große Flecken an Wänden und Böden zeugen von Wasserschäden. Die Rolltreppen stehen schon seit 2022 still. An einer Glastür hängt ein vergessener Zettel, der über einen Impftermin von vor vier Jahren informiert. „Man könnte hier gut einen Horrorfilm drehen“, sagt Metzner.

Würde die Apotheke in diesen Teil des Einkaufszentrums ziehen, wäre das wohl nur für kurze Zeit: Ab 2028 sollen große Teile des alten Zentrums zurück- und neugebaut werden. Entstehen soll im neuen Einkaufszentrum auch wieder eine Etage, auf der Ärzte und andere medizinische Infrastruktur unterkommen können. Irgendwann in den 30er Jahren könnte die bezugsfertig werden.

Für Dorothea Metzner ist all das eine ferne Utopie. „Eigentlich will ich einfach nur meine Apotheke betreiben“, sagt sie. Für deren Erhalt kämpft sie. Aber auch für die Menschen hier vor Ort. „Es kann nicht sein, dass in einer reichen Stadt wie Hamburg ein Stadtteil so untergeht.“

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7 Kommentare

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  • Das E-Rezept hat aber auch die Regeln verändert. Weil man nun eh warten muss, bis es freigeschaltet ist, kaufen viele ihre Medikamente gar nicht mehr dort, wo sie beim Arzt waren, sondern auf dem Weg, insbesondere in den Innenstädten und an Bahnhöfen oder gleich zuhause. Der Preis ist ja überall der gleiche. So jedenfalls höre ich es von befreundeten PTAs. Deshalb müsste ein Einkaufszentrum grundsätzlich eigentlich eine gute Lage sein. Aber der Verweis auf Laufkundschaft ist natürlich trotzdem eine schlechte Nachricht für eine Apothekerin, die ihre Offizin im letzten Winkel eines verfallenden Brutalismuskomplexes ohne Geschäfte betreibt.

  • In Münster wurden anlässlich der Hunderjahrfeier zur Gartenstadt die alten politischen Debatten und Pläne wieder ausgegraben.



    Tatsächlich wimmelte es nach dem Krieg von Genossenschaften, denen Stadt und Land im Eigeninteresse bevorzugt Land überließen. Es wurden strenge Vorgaben zur Begrünung und Nutzung unter Einbeziehung vieler Naturdenkmäler gemacht, so dass die Architekten kreativ darum herum planten. Aber auch den Mietern wurde etwas abverlangt. Sie mussten Gärtnerkurse absolvieren und jeder Mieter musste sich eine Ziege anschaffen. Aber demgegenüber wurden auch zuvor die Mieter ausführlich nach ihren Wünschen befragt, und trotz des schon damals altbacken, gegen das Bauhaus gerichteten Heimatstils bekamen die Wohnungen durch die Befragungen einen modernen Schnitt und Einbauküchen. Alles daran ist heute unvorstellbar.

  • Alle verlieren, außer den Immobilieninvestoren.



    Komisch.

  • Preiswürdige taz-Reportage, denn NDR und Hamburger Abendblatt kümmert das Elend in Steilshop nicht.

    Unterlassene Hilfeleistung moniert die Linke zurecht gegenüber SPD und den Grünen in Hamburg. Denn ein Jahr fiel keinem Politiker auf, dass Hamburger Behörden nicht gegen Mietwucher ermittelten, obwohl über den Mietenmelder der Stadt 380 Fälle vorlagen.



    Eigentlich müssten aufgrund dessen Köpfe in den Behörden und auch in der Politik rollen. Aber keiner übernimmt Verantwortung!

    Hamburg superreich, lässt seine armen Bewohner in Steilshoop gesundheitlich ungerührt vor die Hunde gehen! Dazu Bildungskatastrophe an den örtlichen Schulen! wegen zu wenig Personal!



    Die Obdachlosigkeit in der Stadt hat amerkanische Dimension erreicht, aber die Stadt will Olympia ausrichten, vollkommen abgekoppelt von der Realität derer ganz unten in der Stadt!

  • Interessant wird es scheinbar nur, wenn innerhalb von Großstädten etwas nicht wie gewohnt funktioniert. Wenn ich mir das auf der Karte ansehe, gibt es im Umkreis viele Apotheken, die per ÖPNV, per Rad oder zu Fuß in Stundenfrist erreichbar sind. Wenn sie sich dann mal ins niedersächsische oder schleswig-holsteinische Hinterland wagen, dort träumen die Menschen davon, aber keinen interessiert es.



    Klar ärgerlich, aber eher städtische Luxusprobleme.

    • @Axel Schäfer:

      Schon wahr, auf dem Land sieht es mit der Gesundheitsversorgung oftmals auch übel aus. Aber Tausenden Bewohnern von Steilshoop Luxusprobleme zu unterstellen, ist mehr als daneben.

      Die Welt berichtet über so: "Ein Kinderarzt, seine Räume liegen im dritten Stock. Im Treppenhaus steht der Geruch von Urin und Marihuana, von den drei Aufzügen ist lediglich einer in Betrieb. Und dann gibt es diese Tage, da stehen oben im Flur vor der Praxistür die Eltern so dicht gedrängt, dass niemand aus dem Fahrstuhl steigen kann. Nicht selten dauert es Stunden, bis die Patienten den Arzt zu sehen bekommen".



      Kappe von der CDU sagt"„Hier herrscht Behördendomino“. Und so stellt es sich auch bei Nachfrage dar: Der Investor verweist an den Bezirk, der an die Behörde, die an die KV. Am Ende bleiben die entscheidenden Fragen unbeantwortet".



      Zustände also wie in einem Pariser Banlieu. CDU-Mitglied Kappe wirbt für die CDU in einem Raum, wo ein EC-Automat steht. Würde er diesen entfernen lassen, würde es im ganzen Viertel keine EC-Automaten merh geben.

      www.welt.de/region...ienten-kommen.html

  • Mir als allerdings Ortsfremdem stellt sich schon die Frage, wieso außer diesem standhaften Kinderarzt als "Letztem Mohikaner" kein einziger Allgemeinarzt, geschweige denn Fachärzte mehr vorhanden sind. Am mangelnden Andrang kann es wohl nicht liegen, Patienten gibt es doch in Hülle und Fülle, auch für mehr als eine Allgemeinpraxis. Auch die Apothekerin hat dazu offenbar keine Meinung. Zumindest keine, die im Kommentar hinterfragt ist..