Bauprojekt-Streit in Hamburg-Steilshoop: „Zu viel und am falschen Ort“

In Hamburgs am engsten besiedelten Quartier will die Stadt 470 weitere günstige Wohnungen bauen. Eine Initiative wehrt sich gegen „mehr vom Gleichen“.

Ein sandiger Platz von Bäumen umringt, dahinter hohe Wohnhäuser.

In Steilshoops Hochhäusern wohnen viele Menschen. Nun wird die Fläche einer früheren Schule bebaut Foto: Patrick Sun

HAMBURG taz | Weil Hamburg günstige Wohnungen braucht, entwickelte die Stadt die Idee der „Hamburg-Wohnungen“: Die werden auf städtischem Grund gebaut und können anschließend für acht Euro Kaltmiete oder etwas mehr gemietet werden. Mit 470 werden die meisten davon im Stadtteil Steilshoop geplant, einer Hochhaussiedlung aus den 1970er-Jahren. Zu viel und am falschen Ort, findet die Anwohnerinitiative „Nicht mehr vom Gleichen“.

„Wir fordern ein Moratorium für diese Pläne“, sagt Andreas Holzbauer, der Pastor der Gemeinde. Denn die Anwohner seien vom zuständigen Bezirk und den Behörden nicht wirklich beteiligt worden. „Der Standardspruch ist:,Wir nehmen das mit’“, sagt Initiativen-Sprecher Kai-Uwe Zirk. Einwände würden überhört.

Den Plänen widmete sich bereits die Zeit und titelte, Steilshoop sei Hamburgs „Stadtteil für Arme“. Der besteht aus zwölf Hochhaus-Ringen, die jeweils bis zu 13 Stockwerke haben. Satteliten-Fotos zeigen im Innern grüne Höfe. Deshalb mag mancher zustimmen, wenn der Rot-Grüne Senat beteuert, dort sei es in Wirklichkeit nicht dicht besiedelt.

Geplant sind laut Architekturwettbewerb der Wohnbaufirma Saga nun wieder drei Häuserringe, teils vier, teils sechs, teils sogar sieben Stockwerke hoch, in günstiger „Systembauweise“. Eine Anwohnerin nennt es „Klein-Steilshoop neben Groß-Steilshoop“.

Verwaltung trickst mit Dichte-Zahl

Der Platz dafür entsteht wesentlich durch die Verkleinerung der Schulflächen, die im Norden an den Bramfelder See grenzen. Die große Gesamtschule wurde durch einen kleineren Bau ersetzt. Und die Grundschule daneben wurde im vergangenen Winter dem Erdboden gleich gemacht. Dabei hatte man die Bürger 2013 in Workshops gefragt, was sie dort gern täten. Ideen gab es viele, von Urban Gardening über Cafés bis zu Wohnprojekten.

Die Fläche am See ist auch nach dem Abriss noch Projektionsfläche für Wünsche. Anwohner bangen, dass dort Häuser entstehen, die die grünen Bäume überragen. Könne es dort nicht eine Erholungsfläche „für die vielen in der Großsiedlung lebenden Menschen“ geben, fragte ein Bürger bei der Bauplananhörung. Kommentar der Verwaltung: „Steilshoop ist nach Maßstab der Einwohnerdichte nicht übermäßig dicht bewohnt.“ So gäbe es dort pro Quadratkilometer 7.870 Menschen – viel weniger als in Eimsbüttel.

Nur ist diese Zahl irreführend, weil sie sich auf den „Stadtteil Steilshoop“ bezieht, der dreieinhalb mal so groß ist und auch locker bebaute Wohngebiete und unbewohnten Gewerbebau umfasst. Im eigentlichen Hochhaus-Quartier Steilshoop wohnen laut einem Quartiers-Vergleich des Statistikamts Nord die Menschen in einer Dichte von 20.115 Menschen pro Quadratkilometer. Das ist nach dem Phönix-Viertel in Harburg die zweithöchste Dichte der Stadt.

Es gehe hier nach dem Motto, „weil ihr Hochhäuser habt, kriegt ihr weitere“, erbost sich Andreas Holzbauer. Die Initiative ist nicht gegen Wohnungbau. Gut vorstellbar wäre ein Wohnhaus für Studierende und Azubis. Doch nötig sei eine Mischung mit Gewerbe, Geschäften und Cafés. Holzbauer: „Es gibt hier keine Bank, keine Post, und außer Aldi keine Lebensmittelläden.“ „Man parkt dort die Leute, aber leben können sie dort nicht“, ergänzt Kai-Uwe Zirk. Das Quartier habe nicht mal ein Restaurant.

Kai-Uwe Zirk, Sprecher der Anwohnerinitiative „Nicht mehr vom Gleichen“

„Man parkt dort die Leute, aber leben können sie dort nicht“

Die Karten müssten noch mal auf den Tisch, sagt Pastor Holzbauer. Vor allem Jugendliche müssten ihre Ideen einbringen. Er kenne kein Argument, das gegen Wohnungen für junge Leute spreche. Auch stört die Initiative, dass hier nicht wie üblich ein „Drittelmix“ von geförderten Wohnen, Vermietung und Eigentum geplant ist, um die Mischung zu fördern. „Man könnte im Erbbaurecht bezahlbares Eigentum für junge Familien anbieten“, sagt Zirk.

Anfang November trat die Anwohnerinitiative „Nicht mehr vom Gleichen“ vor die Presse und sorgte damit zumindest im Bezirk Wandsbek für etwas Unruhe. Grüne und SPD forderten mit einem Antrag die Verwaltung auf, auf die Kritik einzugehen. Am 18. Januar soll ein Saga-Vertreter im Planungsausschuss Rede und Antwort stehen. Doch auch wenn sich die Bezirkspolitiker nun Studentenwohnen dort vorstellen können, geht es hier um das Wie, nicht mehr um das Ob.

„Ein Moratorium ist für dieses Projekt nicht vorgesehen“, sagt eine Sprecherin der Stadtentwicklungsbehörde auf taz-Nachfrage. Eine Beteiligung der Öffentlichkeit habe es seit 2013 mit der Erstellung eines „Rahmenplans“ gegeben. Die nun geplante Bebauung entspreche dem „menschlichen Maßstab von Gründerzeitbebauungen“, und komme in zahlreichen anderen Quartieren zum Einsatz.

Heike Sudmann, Wohnungspolitikerin der Linksfraktion, ist etwas hin- und hergerissen. „Eigentlich müsste Hamburg nur noch günstige Wohnungen bauen und auf diesen Drittelmix mit teuren Wohnungen verzichten“, sagt sie. Steilshoop sei aber nicht mit gut situierten Gründerzeitquartieren zu vergleichen. „Statt das hier mit der Brechstange durchzuziehen, müsste die Stadt mit den Leuten offen reden, und gucken, was sie brauchen“.

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