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Wolf in HamburgWer das Tier stört

Kommentar von

Benno Schirrmeister

Die Begegnung zwischen Wolf und Mensch in Hamburg wird als Angriff dargestellt. Das ist falsch – und verdeckt, was aus dem Vorfall zu lernen ist.

Das Verhältnis von Menschen zu dem, was als Natur bezeichnet wird, ist prekär. Aber modellierbar. Oft zum Leidwesen von Tieren Foto: imago/Imagebroker

N a, jetzt ist es ja noch einmal gut ausgegangen. Der Hamburger Wolf, mit dem eine Frau aneinander geraten war und sich verletzt hatte, ist negativ auf Tollwut getestet, besendert und anschließend freigelassen worden. „Auf Bewährung“, so Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne).

Schon dieses Schmunzel-Wording macht klar: Die Wolfshasser haben diskursiv Oberwasser. Denn durch den Ausdruck aus dem Strafvollzugsrecht wird das Tier ja zu einem Delinquenten. Das entspricht der medialen Darstellung, derzufolge der Wolf die Frau, die mal 60, mal hingegen etwa 60 und anderswo wiederum genau 65 Jahre alt ist, angegriffen hätte. Aber die Darstellung verzerrt das Ereignis: Anzugreifen bedeutet immer, selbst tätig zu werden – und nicht etwa, auf etwas bloß zu reagieren.

Das Wort „Angriff“ wäre also nur korrekt gewesen, wenn das Tier im Einkaufszentrum Großmüttern aufgelauert und sich auf eine gestürzt hätte. Darauf aber geben die Schilderungen keinerlei Hinweis. Im Gegenteil: Die im Umgang mit Wölfen ungeübte Frau soll das in die Mall geratene Tier entdeckt und sich ihm zugewandt haben. Manche Quellen unterstellen ihr sogar, Herrn Isegrim für einen entlaufenen Hund gehalten zu haben.

Dann kam es zum Zusammenstoß. Bei dem zog sich die Frau blutige Verletzungen zu, die ambulant behandelt werden mussten. Nach einem Biss, noch dazu ins Gesicht, wie unzuverlässige Medien kolportieren, hätte das kaum gereicht.

Schürf-, Platz- oder Kratzwunde?

Die Art ihrer Blessur ist nur der Frau eines gewissen Alters selbst und ihrem behandelnden Arzt bekannt. Solange die Verletzte nichts darüber sagt, bewegen sich alle Darstellungen irgendwo zwischen Spekulation und Lüge. Es ist möglich, dass der Wolf sie umgerannt hat. Dann wären neben Prellungen Schürf- oder Platzwunden zu erwarten. Es könnte auch Kratzspuren eines Prankenhiebs geben. Aber ein Biss …, sorry, daran kann kaum glauben, wer schon einmal gesehen hat, wie ein Wolf seine Zähne in ein Beutetier schlägt und was vom Beutetier noch übrig bleibt.

Jemand, der in Panik um sich schlägt, ist nicht ungefährlich. Aber ein Angreifer ist er eben nicht. Insofern ist auch falsch, wenn der Förderverein der Deutschen Schafhaltung davon spricht, das Tier wäre „auffällig geworden“ – um sich zu empören, dass es nicht eingeschläfert wurde.

Das ist in etwa so unlauter argumentiert, als würde man Mitgliedern eines Vereins, der zum Wahlspruch „Wir lieben Schafe“ gewählt hat, strafbare zoophile Praktiken unterstellen. Nichts spricht dafür, dass der Wolf auf Menschenjagd war. Er war lediglich an einem Ort gelandet, mit dem er keine Erfahrung hatte. Und an dem er stört.

Macht's wie bei den Pilzen

Er wird die bestimmt lieb gemeinte Zuwendung als bedrohlich empfunden haben. Unsere Sympathie gehört ihm trotzdem. Und vielleicht stimmt es ja ein paar Nutz­tier­hal­te­r*in­nen versöhnlich, wenn sie sich klarmachen, dass Wölfe die Schweinepest und andere Seuchen wirksamer bekämpfen als irgendwelche Knallchargen.

Das Verhältnis von Menschen zu dem, was sie Natur nennen, ist prekär. Aber weil sie als lernfähig und vernunftbegabt gelten, wäre es sinnvoll, Maßnahmen der Volksbildung aus dem Hamburger Wolfszwischenfall abzuleiten. Denn wie man sich bei Begegnungen mit wilder Fauna richtig verhält, lässt sich einüben. Für den Anfang reicht's, es so zu machen, wie bei Pilzen: im Zweifel Finger weg und stehen lassen.

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Reporter und Redakteur
Jahrgang 1972. Seit 2002 bei taz.nord in Bremen als Fachkraft für Agrar, Oper und Abseitiges tätig. Alexander-Rhomberg-Preis 2002.
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15 Kommentare

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  • Moin, ich war in den 90er Jahren auf Einladung des Goethe Instituts in Kairo um dort europäische Medienkunst verzustellen. Alleine mit einem Beduinen auf Kamelen (ich hasse Gruppenreisen) zogen wir für eine Woche durch diesen fantastischen Wüstenteil. Als wir auf Grund eines Sandsturms der um uns herum tobte aber uns, da wir im Zentrum waren, verschonte, nächtigten wir in der Mitte eines Wadis. Ansage: an Felswänden gibts Schlangen und Skorpione. Die Kamele mit gebundenen Beinen blieben bei uns und wir schliefen an deren Bäuche. Zu Bemerken: Kamele sind Widerkäuer, also vorne rülpsen, hinten blähen. Aber kuschelig sind sie. Gegen Mitternacht schwächte sich der Sturm ab und wir konnten die ganze Himmelspracht sehen.



    Ich bemerkte dann dutzende Augen am gegenüber liegenden Felshang und fragte meinen Beduinen: What exept snakes and scorpions exist in the dessert? may be Foxes.



    Yes. Nun war mir aber klar das Füchse keine Rudeltieren sind.



    Also fragte ich nochmal. What exept out of Scorpions, Snakes and Foxes in the Dessert? May be Wolfes?



    Yes, why you ask me? Ich deutete in Richtung der Augen.



    Wake me up wenn they come nearer!



    Ich hatte unruhig geschlafen aber am Morgen waren sie weg!

  • Danke, für diese sehr gute Darstellung. Das hätte von allen Medien von Anfang an so sein sollen, nicht immer gleich den Wolf vorverurteilen. Sie haben aber jetzt die Situation so richtig auf den Punkt gebracht. Nochmal danke dafür.



    Das was bisher reißerisch berichtet wurde, hat der Politik und der Jagdlobby aktuell so richtig in die Hände gespielt.



    War das vielleicht Absicht?



    Durch die Jagd auf den Wolf werden aber die Weidetiere nicht geschützt.



    Da hilft einzig und allein der Herdenschutz.



    Das zeigt, dass es der Jagdlobby seit Jahren nur darum geht, auch den Wolf endlich töten zu können und dafür hat ihnen die aktuelle Bundesregierung schonmal die Tür geöffnet.



    Dass das ziemlich wahrscheinlich gegen EU-Recht verstößt, interessiert von denen anscheinend niemanden.



    Hauptsache die Wölfe töten, ob schuldig oder nicht.

  • Zum Foto:



    Soll so etwas von der eigenen Siewissenschon ablenken oder soll sie damit noch hervorgehoben werden?

  • Der Autor macht aus Menschen wie mir, die den Umgang mit den Tieren in D kritisch sehen, flugs Wolfshasser. Das ist das mittlerweile übliche Vorgehen mit Menschen, die die eigene, natürlich einzig whre, gute und richtige Ansicht nicht teilen. Was fehlte, war die Andeutung einer rechten Gesinnung. Ansonsten ebenso nur das Übliche: Relativierung (war ja wahrscheinlich nur ein Prankenhieb), Nebelkerzen über das Alter und die Art der Verletzungen; daß die Dame evtl. so traumatisiert oder gar entstellt ist, daß sie die Öffentlichkeit scheut, wird elegant ausgeblendet. Und daß das Tier in eine Großstadt läuft und sich in ein Einkaufszentrum begibt, ist auch natürlich. Tut mir leid, aber mit solchen Texten werden Fronten verhärtet. Und daß wieder, wie dazumals, von Volksbildung gesprochen wird, sagt viel über den Autoren aus.

    • @mumba:

      Letztens hat sich ein Wildschein in einen Discounter im Südosten Berlins verirrt. Ist das natürlich? Nein, aber es passiert hat mal. Ich finde den Text eine gute Einordnung des Geschehens.

    • @mumba:

      Es ist ein sehr sachlicher Artikel, der das Geschehen auf den Punkt bringt.



      Dass Sie sich von so einem Artikel angegriffen fühlen spricht für sich.



      "Menschen wie mir, die den Umgang mit den Tieren in D kritisch sehen" lassen sich meist von Emotionen leiten und sind Fakten gegenüber meiner Erfahrung nach nicht aufgeschlossen. Wie auch Ihre Reaktion auf diesen Fakten basierten Artikel zeigt. "Und daß das Tier in eine Großstadt läuft und sich in ein Einkaufszentrum begibt, ist auch natürlich." - Das hat niemand, ausser Ihnen, behauptet. Das Tier hat sich verlaufen und ist mit der Situation nicht klargekommen, sehr verständlich wenn mal nüchtern nachdenkt.



      Und was das betrifft: "Was fehlte, war die Andeutung einer rechten Gesinnung" - Die AfD vertritt einen konsequent "wolfskritischen Kurs" und auf Nius habe ich einen Beitrag gelesen, der für "Wolfskritiker" keine Wünsche offen lässt.

      • @OldFrank:

        Ich finde es interessant , daß Sie mit Unterstellungen und Verallgemeinerungen zu dem Schluß kommen, daß ich mich angegriffen fühle und von Emotionen leiten lasse (ganz abgesehen davon, daß das jeder tut. Die Fakten werden nachträglich zusammengesucht.). Und verlaufen in einer Stadt kann sich ein wildes Tier mMn nur dann, wenn es die grundsätzliche Scheu gegenüber den Menschen und ihren Bauten bereits verloren hat. Sonst würde es der Stadt doch fern bleiben.

  • Von mir ebenfalls Dank - vor allem auch für die interessanten Links.

  • Das ist alles nur noch Lachhaft und an Lächerlichkeit kaum zu überbieten, es wird so getan als wenn wir kurz vor einer Zombie Apokalypse stehen würden, und das nur weil ein Wolf eine Stadt betreten hat, mit dem der Wolf samt Eindrücke und Gerüche bestimmt völlig überfordert war! Ich hätte den Wolf noch nicht mal wahrgenommen und auch nicht als solches erkannt, ich hätte gedacht das neben mir wäre ein Husky gewesen! Die Wölfe haben mehr Angst vor uns, als wir vor denen, also was soll das denn, diese unnötige krankhafte Panikmache und Hysterie!

    • @taz.manien:

      "Die Wölfe haben mehr Angst vor uns, als wir vor denen..."



      Objektiv haben Wölfe keinen Grund, vor uns Angst zu haben. Ein unbewaffneter Mensch ist gegenüber einem Wolf nicht wehrhafter als ein Schaf oder ein Reh.



      Wölfe haben nur so lange Angst vor Menschen, wie ihnen von Zeit zu Zeit klar gemacht wird, dass die Nähe des Menschen für sie ausgesprochen ungesund sein kann.

      • @sollndas:

        Die Forschungsgruppe unter Leitung der Wildtierökologin Liana Zanette von der Western University im kanadischen London beobachtete Wölfe in einem großen Gebiet in Polen. Dort stehen die Tiere grundsätzlich unter Schutz. Mit versteckten Kamera-Lautsprecher-Systemen zeichnete das Team auf, wie Wölfe auf unterschiedliche Geräusche wie Hundegebell, ruhige menschliche Stimmen und Vogelrufe reagierten.



        Das Ergebnis veröffentlichten sie im Fachblatt ”Current Biology”: Demnach flohen die Wölfe beim Klang menschlicher Stimmen mehr als doppelt so häufig wie bei anderen Geräuschen; und sie verließen den Ort etwa doppelt so schnell. Ähnlich empfindlich reagierten die Beutetiere der Wölfe, also etwa Widschweine und Rehe.



        Nachtaktiv aus Angst vor dem Menschen



        Nach Überzeugung der Autoren belegt die Studie, dass Wölfe in ihrem Verhalten maßgeblich von der Angst vor Menschen geprägt werden. Sie verlagern ihre Aktivitäten demnach auch deshalb in die Nacht, weil sie ihrem „Feind“ damit aus dem Weg gehen konnten.



        Dieses Verhalten ist nach Ansicht des österreichischen Wolfforschers Kurt Kotrschal von der Universität Wien kein regionales Phänomen, sondern lässt sich global beobachten.

  • Danke; dieser Beitrag versöhnt mich wieder mit der taz, in der ich allzu oft naturferne Ansichten lesen muss. In diesem Falle fand ich es sogar noch schlimmer, weil auch in der eigentlich besser als andere recherchierenden taz der Sachverhalt falsch dargestellt wurde (auch hier wurde nämlich von einem Biss geschrieben).

  • Sehr wohltuend, diese Abrechnung mit der allgegenwärtigen Hysterie (gerade auch hier im Kommentarbereich) nach der schmerzhaften Begegnung einer älteren Dame mit einem verängstigen jungen Wolf in ungewohnter Umgebung, der sich angeblich plötzlich "nicht mehr artgerecht" verhielt, sein "Opfer" durch einen "Angriff" "schwer" verletzte, ungeachtet der Tatsache, dass die Verletzte nach kurzer Untersuchung und Wundversorgung wieder aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Auch das Drama, das uns in Hamburg die Zweite Bürgermeisterin vorspielte, war, speziell für eine Grüne Umweltsenatorin, überaus lächerlich und peinlich. Ich



    Vielen herzlichen Dank für diese klaren Worte, lieber Benno Schirrmeister!

  • Ogott, nun müssen die Kinder wieder Angst haben im Wald zu spielen!