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Aktivist über das Bündnis gegen rechts„Konsequenter Antifaschismus ist unbequem“

Vor 20 Jahren gründeten linke Gruppen und Einzelpersonen das Hamburger Bündnis gegen rechts. Mitgründer Felix Krebs über Barrikaden und Prozesse.

Andreas Speit

Interview von

Andreas Speit

taz: Herr Krebs, der Gazakrieg hat Konflikte in der linken Szene aufbrechen lassen. Keine einfache Zeit für Bündnisse, oder?

Felix Krebs: Nein. Wir stehen im Zeitstrom dieser politischen Kontroversen, von denen wir uns jedoch nicht auseinanderdividieren lassen sollten. In 20 Jahren Bündnisarbeit musste das sehr heterogene Hamburger Bündnis gegen rechts sich immer wieder verschiedensten Kontroversen stellen – auch innerhalb der Linken. Bisher reichte der Minimalkonsens gegen die extreme Rechte.

taz: Weil Sie Kompromisse eingehen?

Krebs: Uns allen ist bewusst, dass wir tragfähige Lösungen finden müssen, wenn wir ein starkes Bündnis wollen. Das dürfte eine unserer Stärken sein: „Alle zusammen gegen den Faschismus“ ist nicht nur eine Parole auf Demos, sondern auch eine gemeinsame Strategie, die wohl auch unser langjähriges Bestehen garantiert hat.

Im Interview: Felix Krebs

hat vor 20 Jahren das Hamburger Bündnis gegen rechts mitgegründet. Er ist seit 40 Jahren in der antifaschistischen Bewegung aktiv und publiziert regelmäßig zur extremen Rechten in Hamburg. Letzte Publikation zusammen mit Florian Schubert: Hamburgs Baseballschlägerjahre, VSA-Verlag 2025.

taz: Die AfD ist bei der Bürgerschaftswahl 2025 einstellig geblieben, gegen den Bundestrend. Ist Hamburg anders?

Krebs: Na ja, auch hier lässt sich in Teilen ein Rechtsruck bemerken. Wahlen sind ein Gradmesser, die Gewalt aufgrund gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist es aber auch. Und die ist leider gestiegen, 2024 waren es gut 50 Prozent mehr Taten als 2023. Auf einem schwachen Ergebnis der AfD dürfen wir uns nicht ausruhen. Eine solidarische Gesellschaft erfordert von uns allen, immer aktiv zu sein – in der Schule, am Arbeitsplatz und im Sportverein. Das bringt vielleicht mehr als eine Rede im Parlament.

taz: Immerhin kann die AfD kaum öffentlich auftreten.

Krebs: Das ist einer der Erfolge, die wir mit ermöglichen. Der Widerstand vor Ort dürfte das Wahlergebnis mit beeinflusst haben. Sobald bekannt ist, dass die AfD irgendwo auftritt, schreiben wir Briefe, um die Ver­mie­te­r*in­nen über die AfD zu informieren und unseren Protest anzukündigen. Leider darf die AfD städtische Räume nutzen. Das kritisieren wir scharf.

Konferenz und Party

20 Jahre Hamburger Bündnis gegen Rechts: Sa, 28. März, Konferenz 12 Uhr; Party 19 Uhr mit Liedfett, König Boris, Fritzi Ernst und anderen, Markthalle, Hamburg. Das Programm gibt es auf der Website des Bündnisses

taz: Sie schauen nicht nur auf Parteien?

Krebs: Ob Burschenschaften, neurechte Vereinigungen, die Identitären, Coronaleugner*innen, Reichs­bür­ge­r*in­nen und andere Verschwörungsgläubige – alle müssen mit Protest rechnen. Wir haben auch die Kumpanei von Rechtsextremen mit dem etablierten Konservatismus publik gemacht …

taz: … etwa mit der Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft (SWG).

Krebs: Das Hamburger Bündnis gegen rechts hat fast 20 Jahre lang über dieses Netzwerk aus Rechtsextremismus und Konservatismus informiert. Seit 2023 stuft nun auch der Verfassungsschutz die SWG als gesichert rechtsextremistisch ein.

Wir werden uns allerdings im Kampf gegen Faschismus nicht von Rasen betreten verboten-Schildern aufhalten lassen.

Felix Krebs, Hamburger Bündnis gegen Rechts

taz: Wenn es sein muss, ziehen Sie auch vor Gericht.

Krebs: Ja, und meistens haben wir gewonnen. 2008 haben wir zum Beispiel vor Gericht eine Demoroute erstritten, mit der wir einen Aufmarsch von Neonazis, angemeldet von der NDP, zum 1. Mai in Barmbek blockiert haben. Die Hamburger Innenbehörde hatte damals mehrfach versucht, unsere Gegendemo zu verbieten oder mit Routenänderungen zu behindern. Und nach dem Behördenversagen im NSU-Komplex sollten wir nicht vor dem Verfassungsschutz demonstrieren, das haben wir abgewehrt. Auch gegen die Verweigerung der Auskunft über Infostände von NPD und AfD seitens der Bezirksämter haben wir uns erfolgreich vor Gericht gewehrt.

taz: Für die mangelhafte Aufklärung des Mordes an Süleyman Taşköprü durch den NSU hat das Hamburger Bündnis gegen rechts den rot-grünen Senat vehement kritisiert.

Krebs: Es ist ein Skandal, das Hamburg das einzige Bundesland ist, in dem es einen NSU-Mord gab, aber keinen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Da fragt man sich schon, welche Neonazi-Netzwerke und welche Verbindungen zum Verfassungsschutz noch nicht ans Licht gekommen sind.

taz: Wie einig ist man sich in der Praxis über die Aktionsformen?

Krebs: Brennende Barrikaden sind im Hamburger Bündnis gegen rechts kein Konsens, auch wenn wir uns nie von Aktionsformen distanziert haben. Wir werden uns allerdings im Kampf gegen Faschismus nicht von „Rasen betreten verboten“-Schildern aufhalten lassen. Denn wie die 2021 verstorbene Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano aus Hamburg sagte: „Wir können uns im Kampf gegen Nazis nicht auf den Staat verlassen.“ Konsequenter Antifaschismus ist nicht immer bequem.

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