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Antifeminismus-BoomVom Krypto-Bro zum Frauenhasser

Gastkommentar von

Ole Liebl

Das Driften nach rechts basiert auf der Abwertung von Frauen. Junge Männer werden online mobilisiert, Männlichkeit als Quelle von Macht zu sehen.

„Boys will be feminists“ oder „Boys will be Boys“ – gesehen auf der Frauendemo in Berlin 2025 Foto: Hannes P Albert/dpa

J unge Frauen werden immer linker, junge Männer werden immer rechter!“ – so oder so ähnlich wird heute medial über den sogenannten politischen Gendergap berichtet. Gerade in der Gen Z tue sich ein Graben zwischen den Geschlechtern auf, der auf äußerst unterschiedlichen politischen Haltungen beruhe. Die Frauen schauten Reels und Tiktoks von Tara Louise Wittwer oder Josephine Schreiber, lesen Bücher von Mareike Fallwickl oder bell hooks.

Die Männer hingegen konsumierten Streams von Clavicular und Monte, lesen (wenn überhaupt) Selbsthilfebücher und Beiträge in Trading- oder Crypto-Reddits. Das führe zu einer bitteren politischen Realität: Junge Männer wählten zunehmend rechts, junge Frauen zunehmend links. Was ist da dran?

Ole Liebl

Philosoph, Autor, Influencer. Auf TikTok und Instagram spricht er über Themen rund um Sexualität, Geschlecht und Beziehungen. 2024 erschien von ihm: „Freunde lieben – Die Revolte in unseren engsten Beziehungen“ (Harper Collins)

Eine breite gesellschaftliche Debatte über das Thema begann mit einem Artikel in der Financial Times von 2024, der in verschiedenen Ländern den neuen Geschlechterkonflikt mit Tausenden Befragten und ausgiebigem Zahlenwerk belegte. Schaut man sich jedoch umfassende, wissenschaftliche Studien an, wird das Bild vielschichtiger.

Von harmlosem Gym Content und Meal Prepping zu übertriebener emotionaler Härte und Misogynie

In manchen Ländern, etwa Polen und Italien, ist der politische Gendergap extrem stark ausgeprägt. In anderen Ländern, etwa Portugal oder Griechenland, ist er kaum bis gar nicht existent.

In Deutschland ist die politische Lücke zwischen jungen Frauen und Männern seit einigen Jahren stabil, aber nicht besonders groß. Bis in die 1980er Jahre war der politische Gendergap sogar noch umgekehrt, Frauen waren konservativer als Männer – rechte Männer sind also kein automatischer Effekt patriarchaler Gesellschaften.

Gesamteuropäisch, so kann man heute sagen, beträgt das Geschlechterverhältnis bei der Wahl rechter Parteien 2:3 zugunsten der Männer. Doch nur in etwas mehr als der Hälfte aller europäischen Länder existiert ein messbarer politischer Gendergap. Und das, ie Kraft, die die Geschlechter politisch auseinander treibt, das sind vor allem junge Frauen, die linker und progressiver werden. Sitzen wir also einer Illusion auf, wenn wir behaupten, dass sich junge Männer zunehmend nach rechts radikalisieren? Ist die Aufregung um den Effekt maskulinistischer Influencer wie Andrew Tate, Jordan B. Peterson oder Myron Gaines nur eine „moral panic“?

Eine Antwort auf diese Fragen gibt uns der Soziologe Niklas Kumkar, der seit Jahren zu gesellschaftlicher Polarisierung forscht. Er thematisiert dabei ganz zentral einen vermeintlich widersprüchlichen Befund: Einerseits wird medial unglaublich viel über stärker werdende Polarisierung gesprochen, andererseits wird keine besonders große Polarisierung in der Bevölkerung gemessen.

Wer hat also recht? Reden wir über ein Phänomen, das gar nicht existiert? Oder stellt die Wissenschaft die falschen Fragen? Kumkar schlägt einen dritten Weg vor: Er versteht Polarisierung als „kommunikative Ordnung“. Politische Sachverhalte werden einfach heruntergebrochen. Sie werden Plattformlogiken von Social Media anpasst und formen so ein klareres Parteienprofil. Polarisierung, so Kumkar, ist in einer medial vermittelten Demokratie keine zufällige Nebenwirkung. Es ist eine notwendige Grundbedingung. Die Bevölkerung muss gar nicht gespalten sein, damit ein Diskurs polarisiert geführt wird – vielmehr ist es Voraussetzung politischer Social-Media-Diskurse, polarisiert zu sein.

Wie kann man das auf den politischen Gender-Gap beziehen? Vielleicht steht hinter der Diskussion über rechter werdende Männer eine tiefer liegende Sorge: dass politische Radikalisierung junger Männer heute (wieder) extrem stark über die Abwertung von Frauen, die Missachtung feministischer Kämpfe und die Verdrängung alles Weiblichen funktioniert. Vielleicht sind nicht mehr junge Männer per se rechts, aber sie werden vermehrt über Antifeminismus mobilisiert.

Der politische Gender-Gap problematisiert dann weniger den stärkeren Drift von jungen Männern nach rechts, als vielmehr die Strategien, die junge Männer an rechte Ideologien heranführen. Und das verschiebt den Fokus: Wir sollten nicht am Ende des Radikalisierungsprozesses ansetzen, wo wir einen ideologisch verfestigten Hass auf Frauen finden.

Ein stärkerer Hebel wäre es, am vorpolitischen Raum junger Männer anzusetzen. Die Methoden zu analysieren, mit denen die Alt-Right-Pipeline aufgebaut wird: von harmlosem Gym Content und Meal Prepping über stoische Selbstdisziplin und Lustfeindlichkeit bis zu übertriebener emotionaler Härte und Misogynie.

Worin liegt die Ohnmacht begründet, die junge Männer nach Männlichkeit als Quelle von Macht streben lässt? Und welche immer neuen Themen werden maskulinistisch besetzt?

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Ein Beispiel: Wo früher Whiskey-Bros dem männlichen Genuss von starkem Alkohol frönten, finden wir heute Parfum-Dudes auf Tiktok, die in eine eigentlich weiblich besetzte Sphäre vordringen, um ihren Content zu verbreiten. Parfum, als weibliches Hobby verlacht, wird plötzlich ein männliches Statussymbol, wo es um Markenkenntnis und Luxus geht. Ich will damit nicht sagen, dass Männer nicht über Düfte reden sollen. Aber das, was als männlich gilt und über welche Wege Männer zu vorherrschender Männlichkeit gelangen können, ist ein offenes Feld, und die sogenannten Frag(rance)-Bros auf Tiktok nur ein kleines Beispiel.

Wenn es also heißt, dass junge Männer immer rechter und junge Frauen immer linker werden, sollten wir vorsichtig sein. Hinter dem Abgrund, der sich zwischen den Geschlechtern immer weiter auftut, könnte mehr stecken als bloß ein zunehmendes Interesse an rechter Politik von Typen. Es könnte auch sein, dass es eher um einen (alten) Antifeminismus in neuen Schläuchen geht, der rechte Kulturkämpfe heute maßgeblich bestimmt.

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7 Kommentare

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  • Bei dem Artikel frage ich mich, an wen sich der Autor wendet. Nur an seine Blase? Setzt er die Kenntnis der Szene voraus? Muss oder will er die Szene nicht mehr erklären?



    Ich bin Mitte 60, politisch links (ok, das ist normal bei taz-Leser*innen) und habe mich seit Jahrzehnten auch für Feminismus interessiert, hätte also gute Voraussetzungen. Doch in vielem redet der Autor an mir vorbei. Und wenn zu viele unbekannte Wörter vorkommen, wird es unanschaulich.



    Um es konkret zu machen: die folgenden Begriffe verstehe ich nicht bzw. von den Personen hab ich noch nie gehört, da ich nicht aus der Szene-Diskussion komme:



    Reels



    Tara Louise Wittwer



    Josephine Schreiber



    Mareike Fallwickl



    bell hooks



    Clavicular



    Monte



    Trading-Reddits



    Crypto-Reddits



    Gym Content (kann ich erahnen)



    Meal Prepping



    Andrew Tate



    Jordan B. Peterson



    Myron Gaines



    Bros



    Frag(rance)-Bros

    • @Brombeertee:

      Ich helfe Ihnen mal ein wenig auf die Sprünge:



      Reddit ist eine Internetforum und Sozial News



      Meal Prep bedeutet die geplante Vorbereitung von Mahlzeiten für mehrere Tage im Voraus, um Zeit, Geld und Stress zu sparen und eine gesunde Ernährung zu unterstützen.



      Andrew Tate ist ein Influencer und ...loch.



      Bell Hooks ist eine amerikanische Schriftstellerin, die viel zu den Themen Rassismus und Sexismus geschrieben hat.



      Fragrance Bros. is a site dedicated to making entertaining, smart, funny, and informative reviews of fragrances for men and women. It is the best place to find the perfect cologne or perfume suggestion.

      So, das reicht für heute.

      Ich bin fast 77 Jahre alt und wenn mich ein Thema interessiert, gucke ich halt mal im Internet nach.

      Im übrigen kann man mit etwas gutem Willen den Artikel auch verstehen, wenn man nicht alle Personen und Plattformen, die erwähnt wurden, kennt.

  • Männer, insbesondere junge Männer und solche im mittleren Alter tendieren immer mehr nach rechts. Dies kann man an den Wahlergebnissen in Rheinland-Pfalz ablesen: Das Verhältnis männliche Wähler und weibliche Wähler ist 23 : 16. Das spricht doch eine deutliche Sprache. In Baden-Württemberg war es übrigens ähnlich. Das Verhältnis ist hier 22:15.

  • Das Problem ist halt auch, dass junge Männer nach den Kriterien für Männlichkeit noch mindestens 10-15 Jahre Loser bleiben werden.

    Die Realität heute ist halt, dass Männer idR erst so mit Mitte 30 Partner:innen das liefern können, was ihnen qua männlichem Rollenbild als Erwartung in die Wiege gelegt wird. Es kann nicht überraschen, dass das zu toxischem Verhalten führt und versuchen sich irgendwie selbst aufzuwerten.

  • Sprechen Sie doch malmit LehrerInnen. Die könnten Ihnen bestätigen, dass die Manosphere inzwischen voll in den Schulen angekommen ist und mit ihr massiv rechtes Gedankengut.



    Ich habe es inzwischen mit so einigen fehlgeleiteten, verunsicherten männlichen Jugendlichen zu tun, für die Frauenhass eine (vermeintliche) Option ist, um sich "männlich" zu fühlen.



    Wir setzen der Propaganda auf TicToc etc. gesellschaftlich nichts entgegen.

  • Der Artikel ist mir etwas zu oberflächig und lässt die Aufmerksamkeitsökonomie (gut dargestellt in der Doku "Inside the manosphere"; Netflix) vollkommen unberücksichtigt. Aufmerksamkeit erlangt nur noch die gezielte Provokation (gilt in Teilen auch für die taz), nur lassen sich aus den entsprechenden Klickzahlen nicht unbedingt inhaltliche Zustimmmung ableiten.

  • Da die Medien der Überwachungskapitalismus alle so funktionieren, dass wir immer extremere Inhalte von dem, was wir mögen gezeigt bekommen, ist es nicht verwunderlich, dass auch hier eine Polarisierung abläuft.



    Wir brauchen keine "Jugendschranken" die Plattformen des Überwachungskaptiatlismus gehören abgeschafft, so wie wir die Sklaverei abgeschafft haben.