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Leipziger Buchmesse ohne WeimerKulturkämpfer ohne Rückgrat

Simone Schmollack

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Simone Schmollack

Kulturstaatsminister Weimer trifft unpopuläre Entscheidungen und entzieht sich dann der öffentlichen Auseinandersetzung. Wie feige ist das denn?

Kein Rundgang dieses Jahr mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer über die Leipziger Buchmesse Foto: Christoph Soeder/dpa

A usgeladen ist ausgeladen. Das hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimer offenbar so schnell geschnallt, wie er selbst Ausladungen ausspricht. Und streicht mal flugs seinen Rundgang über die Buchmesse in Leipzig. Ausgeladen hatte ihn der frühere Leipziger Literaturprofessor Alfonso de Toro und das ganz ohne Hilfe des Verfassungsschutzes, sondern einzig mit einem offenen Brief. De Toro findet, der „Herr Staatsminister“ passe nicht zu einer „toleranten und vielfältigen Stadt wie Leipzig“.

Wohlwollend könnte man schlussfolgern, Weimer sei gar nicht so unbelehrbar, wie manche vielleicht glauben, er hört auf einen Professor in Rente. Aber so einfach ist das natürlich nicht. Vielmehr darf man davon ausgehen, dass Weimer zu jenen Menschen gehört, die gern austeilen, aber nicht einstecken können. Auf Pfiffe hätte sich Weimer gefasst machen müssen, sobald er am Donnerstag nur einen Fuß auf das Messegelände gesetzt hätte. Zu übermäßig ist die Kritik an seinen bislang prominentesten Entscheidungen: Umgang mit der Berlinale-Chefin Tricia Tuttle, Streichung dreier linker Buchläden von der Liste des Buchhandlungspreises, sein Vielleicht-Nein zum Erweiterungsbau der Nationalbibliothek.

Offensichtlich will er sich nicht anhören, was andere dazu zu sagen haben, er ist er zu feige, sich öffentlichen Debatten zu stellen. Auf diese Rolle als Kulturstaatsminister war er vermutlich nicht vorbereitet. Allerdings sollten aktive Po­li­ti­ke­r:in­nen ein wenig härter im Nehmen sein, das hätte ihm mal jemand vor Amtsantritt ins Ohr flüstern sollen. Denn was Po­li­ti­ke­r:in­nen auch immer machen, Angriffe kommen fast immer, in der Regel härter als vermutet.

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Sich grämen dürfen sie gern heimlich. Aber als Re­prä­sen­tan­t:in­nen der Politik, für die sie angetreten sind, sollten sie dafür öffentlich gerade stehen und sich den Debatten stellen, die sie angezettelt haben. Weimer ist nicht nur ein rechtskonservativer Kulturkämpfer, er ist ein rückgratloser rechtskonservativer Kulturkämpfer.

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Simone Schmollack
Ressortleiterin Meinung
Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalistinnen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
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7 Kommentare

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  • "...entzieht sich dann der öffentlichen Auseinandersetzung."



    Und auch



    "Offensichtlich will er sich nicht anhören, was andere dazu zu sagen haben"



    Er bezog sich mit einem kleinen Wortspiel offensichtlich auf Jürgen Habermas, das erscheint in diesem Zusammenhang (Haber-Verfahren) aberwitzig.



    Habermas, der weltberühmte u. global anerkannte Philosoph mit dem Kernthema der Theorie des !herrschaftsfreien Diskurses.



    Das "Konzept der herrschaftsfreien Kommunikation" mit der Priorisierung "zwangloser Zwang des besseren Argumentes" klingt nicht nur gut, es ist erwiesenermaßen auch überzeugend und tatsächlich praktikabel. Dies ist aber dann das Resultat eines Lernprozesses, privat und/oder beruflich, am besten multilateral.



    Da wünscht man doch nach dem entsprechenden Studium der Quellen viel Erfolg bei der Umsetzung!



    Bei soztheo.de:



    "Die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas zählt zu den ambitioniertesten soziologischen Entwürfen des 20. Jahrhunderts. In diesem zweibändigen Werk entwickelt Habermas eine Gesellschaftstheorie, die Sprache, Verständigung und Rationalität ins Zentrum rückt. Ziel ist eine Erneuerung der Kritischen Theorie, die sich nicht allein auf ökonomisch..."

  • Hm, zieht die CDU den Niedergang des Abendlandes, vor dem die immer gewarnt haben, selber durch. Jede*r Geschäftsführer*in einer Stadtmarketing GmbH (Unterabteilung der Stadtwerke*lol*) wäre gefeuert worden, wenn die als Vorschläge kurz vom Weltbuchtag (oderwiederheißt) das Schließen des zweiten Stadtbibliothekstandorts angedroht hätten, verbunden damit, den ganzen physischen Quatsch auch am Hauptstandort durch ne große Kybernetische Maschine, betrieben mit SMR (weil die passen in nen 18ft.-Container), ersetzen zu wollen. Die KurzvorRote-GelbeKarte wäre dabei gezückt worden, wenn die alte verschrobene Spelunke, die dann doch jede*r kennt und mag, den Kulturzuschuß für das jährliche Straßenfest gestrichen bekommt, weil sich eine erstauftretende Schülerband an SLIME versucht.

  • "Auf Pfiffe hätte sich Weimer gefasst machen müssen, sobald er am Donnerstag nur einen Fuß auf das Messegelände gesetzt hätte"

    erstens - was hätte den Herren denn außer Missfallen erwartet?

    zweitens - wieso kam er an den Job? Er hat ein paar dezent pubertäre Büchlein geschrieben — hmm. Er hat ein etwas halbseidenes, konservatives "Meet and Greet" Netzwerk aufgezogen — hmm.

    drittens - er mit dem Kanzler bekannt — ahh.



    Solange der Kanzler aus persönlichen Gründen dem Herrn Weimer die Stange hält, ist sein Job sicher.



    Kritik perlt an ihm ab. Da wird auch charakterliche Weiterentwicklung folgen. Der bleibt so wie er ist.

  • Vielen Dank für diese klare Grundanalyse.

    Man müsste allerdings noch weiter gehen, denn Herr Weimer ist ein notorischer Rechthabenwollender, der stets unwillens ist Fehler einzugestehen.

    So behauptet Herr Weimer zunächst etwas, zieht dann das Gesagte teilweise zurück, um am reaktionären Inhalt festzuhalten. Siehe Buchhandlungspreis; siehe Anweisung zur zukünftigen – gesetzeswidrigen – Aufgabe der DNB nur Digitalisate zu sammeln – als Bürokratieabbaubeitrag; siehe Mutierung der Stornierung des Erweiterungsbau an die Leipziger DNB zum Moratorium darüber.

    Herr Weimer sorgt damit absichtlich nicht um Klarheit damit seine reaktionäre Klientel ja an der Fahnenstange bleibt.

    ... und sie bleibt es, wie die Kommentare beispielsweise im Tagesspiegel zeigen.

  • Weimer ist nicht satisfaktionsfähig bei Kultur und Kunst.



    Könnte er wenigstens Politik und Ressourcen mobilisieren, dann verziehe mensch ihm das wohl. Kann er auch nicht.



    Nur merzianisch schwallen und kulturkämpfen.

    Ich höre Weimers Argumenten weiterhin zu. Leider ist er ja so rhetorisch unbedarft, dass er sie selbst zerredet. Tragisch.

    • @Janix:

      Sojet - Gelle! …anschließe mich

  • "entzieht sich dann der öffentlichen Auseinandersetzung" Fänd ich jetzt nicht so schlimm, z.B. könnte er zurücktreten und sich wieder um den Garten seines hübschen Ferienhauses kümmern.