Ärger um die Atommüllfässer in der Asse: Schicht im Schacht
Das Gesetz sieht vor, dass 126.000 Fässer mit Atommüll aus dem Asse-Salzbergwerk geborgen werden müssen. Doch plötzlich gelten die Pläne nicht mehr.
Neue Hiobsbotschaften aus dem Atommülllager Asse im Kreis Wolfenbüttel: Der immer wieder – und zuletzt für dieses Frühjahr – angekündigte Plan für die Bergung der Fässer mit radioaktivem Abfall aus dem maroden Bergwerk wird erst mal nicht kommen. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), Betreiberin des maroden Atommülllagers, bestätigt zugleich, dass damit der vorgesehene Beginn der Rückholung ab dem Jahr 2033 wohl nicht mehr zu halten ist.
Grund für die neuerliche Verschiebung seien „Umplanungen im Ablauf“, heißt es seitens der BGE. Der ursprüngliche Plan habe grobe Zeitabschätzungen angenommen, die inzwischen überholt seien und sich teilweise als deutlich zu niedrig angesetzt herausgestellt hätten. Nähere Erläuterungen gab es nicht. Bei einer öffentlichen Veranstaltung am 14. April will die Gesellschaft einen neuen Sachstand bekannt geben.
In das frühere Salzbergwerk Asse II wurden zwischen 1967 und 1978 rund 126.000 Behälter mit schwach und mittelradioaktivem Atommüll sowie chemischen Abfällen gekarrt. Teilweise kippten Radlader die Fässer einfach in die ehemaligen Abbaukammern ab.
Weil die Grube instabil ist und Wasser eindringt – täglich sind es rund 12.000 Liter –, sollen die Abfälle nach Möglichkeit an die Oberfläche geholt, neu verpackt und in ein noch zu bauendes Zwischenlager gebracht werden. Die Nachbarschächte von Asse II, Asse I und Asse III waren schon früher vollgelaufen und aufgegeben worden.
Den gesetzlichen Auftrag für die Bergung der Fässer und die Schließung des Atommülllagers hat die BGE. Sie hatte im Jahr 2020 einen vorläufigen Plan vorgelegt, nach dem die Rückholung 2033 starten sollte. Als ersten großen Schritt hatte die bundeseigene Gesellschaft den Bau eines weiteren Schachts angekündigt, um durch diesen die teils rostigen und zerbeulten Fässer an die Oberfläche zu transportieren. Außer Baugrunduntersuchungen ist hier aber noch nichts passiert.
Räumung unterirdischer Atomkippe ist Neuland
Die Kosten nur bis zum Beginn der Bergung schätzte die BGE schon damals auf mehr als drei Milliarden Euro. Die Kosten für die eigentliche Räumung sind nicht seriös zu kalkulieren. Weltweit ist bis heute noch nie eine unterirdisches Atomkippe leer geräumt worden.
Auch aus diesen Gründen wird seit Längerem darüber spekuliert, dass die BGE die Rückholung der Fässer gar nicht mehr ernsthaft verfolgt. Stattdessen setze sie darauf, das Bergwerk samt der radioaktiven Abfälle zu fluten – so hatte sich bereits der frühere Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München, die Schließung der Asse vorgestellt. Umweltschützer:innen und atomkraftkritische Wissenschaftler warnen jedoch eindringlich vor einem solchen Schritt, weil die radioaktiven Abfälle dann auf kurz oder lang in Kontakt mit dem Grundwasser kämen.
Für Skepsis bei Kritikern sorgt auch, dass die Rückholung schon in der Vergangenheit mehrfach verzögert worden ist. Ursprünglich geplante Zeitrahmen verschoben sich immer weiter nach hinten. Zudem wird bemängelt, dass Informationen über den Fortschritt, die Risiken und Kosten des Vorhabens nicht immer klar und umfassend kommuniziert würden.
Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) ist sauer über die neuerliche Verschiebung. Die unverzügliche Rückholung der atomaren Abfälle aus der Schachtanlage Asse II sei nicht nur ein Versprechen an die Menschen in der Region, sondern ein vom Bundestag beschlossenes Gesetz, sagte er am Wochenende dem NDR. „Ich bin empört, dass die vom Bundestag beschlossene Räumung der Asse auf den Sankt-Nimmerleinstag-Tag verschoben werden soll, aber stattdessen die Flutung des Bergwerks vorbereitet wird“, sagte Meyer.
Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer, Grüne
Er erwarte von der Bundesregierung Druck auf die BGE, damit diese sich an das Asse-Gesetz halte und die Räumung des Atommülls aus dem absaufenden Bergwerk endlich angeht, betonte Meyer: „Auch die BGE ist an vom Bundestag beschlossene Gesetze gebunden.“ Das Umweltministerium ist die für die Rückholung zuständige Genehmigungsbehörde.
Heike Wiegel von der Bürgerinitiative „AufpASSEn“ sagte der taz, ähnlich wie bei der Suche nach einem Endlager würden auch die Termine für die Räumung von Asse II immer weiter verschoben: „Man kann ja inzwischen keinem Termin mehr trauen.“
Mitglieder des Göttinger Arbeitskreises gegen Atomenergie erklärten, die Ereignisse in und um Asse II zeigten doch, wie „grotesk und gefährlich“ die zuletzt immer lauter vorgetragenen Forderungen nach einem Wiedereinstieg in die Atomkraft seien. Ursula von der Leyen, Markus Söder und andere prominente Pro-Atom-Protagonisten sollten sich doch mal trauen, in das rissige Bergwerk einzufahren und sich unter Tage über die Probleme mit dem Atommüll informieren zu lassen. „Stattdessen setzen diese Damen und Herren, ohne von der Materie einen Schimmer zu haben, auf Retro-Ideen und eine Dinosaurier-Technologie.“
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