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Landtagswahl in Baden-WürttembergFDP komplett rasiert

Die FDP fliegt knapp aus dem Stuttgarter Landtag. Wäre mit einer anderen Spitzenkandidatin mehr drin gewesen?

FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner, noch mit Haaren auf dem Dreikönigstreffen im Stuttgarter Opernhaus im Januar 2026 Foto: Sandy Dinkelacker/imago
Benno Stieber

Aus Stuttgart

Benno Stieber

Um Haut und Haar ging es bei der FDP im Südwesten. Und zwar wörtlich. Wenn die Partei nicht mehr in den Landtag komme, hatte die Bundesgeneralsekretärin angekündigt, werde sie sich die Haare abrasieren.

Eine kahle Generalsekretärin dürfte nun das geringste Problem der Partei sein. Sie landete bei 4,4 Prozent der Stimmen. Wenn sie noch nicht einmal im Stammland die Fünfprozenthürde schafft, könnte es nun endgültig vorbei sein mit den Liberalen.

Möglicherweise wäre es im Südwesten anders ausgegangen, wenn die Südwest-Liberalen einen echten Neuaufbruch gewagt hätten, statt mit dem Stammpersonal in den dritten Landtagswahlkampf zu gehen.

Hatten die Stammwähler Angst vor ihr?

Wie so ein Neuanfang hätte aussehen können, konnte man im Wahlkampf mit jener Generalsekretärin sehen. Nicole Büttner hat eine internationale Karriere als Investmentbankerin und Start-up-Gründerin hingelegt. Aufgewachsen ist sie zwischen Pforzheim und Karlsruhe, als Tochter einer jamaikanischen Hebamme und einem Mediziner, sie bedient vieles, was die FDP eigentlich gern sein will. Wirtschaftskompetent, weltoffen und leistungsorientiert. Vielleicht das, wovor manch Liberaler im Südwesten sogar ein bisschen Angst hat. Denn hier wird die FDP vor allem vom kleinen Mittelstand und Handwerkern gewählt.

Die Partei führt hier seit Jahrzehnten mit Michael Theurer erst ein Oberbürgermeister und dann mit Hans-Ulrich Rülke ein beurlaubter Gymnasiallehrer. Jedenfalls war man in der Landespartei wenig begeistert, als der Bundesvorsitzende Christian Dürr ausgerechnet Büttner zu seiner Generalin machte. Was gut passte, weil schon Lindner diesen Posten in Krisenzeiten an eine Frau vergab, um sie dann, als es besser lief, rüde aus dem Amt zu schubsen. In der Bundespartei war man eher angetan von dem überraschenden Vorschlag. In der Landespartei dagegen wollte man lieber andere und vor allem Männer in die Parteispitze lancieren.

Eine Frau wie Büttner als Spitzenkandidatin hätte dem Wahlkampf ums Überleben in Baden-Württemberg eine ganz andere Aufmerksamkeit geben können. Nicht wenige in der Partei folgten eher lustlos ihrem Spitzenkandidaten Hans-Ulrich Rülke, der nun auch ein drittes Mal sein Ziel verfehlt haben dürfte, seine Partei in die Regierung und auch sich selbst an den Kabinettstisch zu führen.

2016 hatte er dafür kurz vor der Wahl eine Ampel ausgeschlossen. 2020 wäre er dazu bereit gewesen, aber Kretschmann, der ein schwieriges Verhältnis zum Polemiker Rülke pflegt, verhinderte das, auch gegen starke Stimmen in seiner Partei. Das Ampelaus im Bund hat ihm wohl recht gegeben. Jetzt, im Wahlkampf, setzte die Rülke-FDP auf Verbrenner-Vorfahrt, Kernkraft und Argentinien als Vorbild und hoffte auf eine Koalition mit einer starken CDU und der SPD.

Daraus wird nun nichts. Am Wahlabend kündigte Spitzenkandidat Rülke an, Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen und vom Landesvorsitz zurückzutreten. Und auch für die kommende Wahl in Rheinland-Pfalz, wo die FDP aktuell an einer Ampelkoalition beteiligt ist, ist das Abschneiden kein gutes Omen.

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18 Kommentare

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  • Mit rückwärts gewandter Politik gewinnt man eben keine Wahlen.

    Zurück zum ineffizienten Auslaufmodell Verbrenner und zurück zur teuren Kernkraft, die ohne Milliarden-Subventionen vom Steuerzahler unbezahlbar ist? Wie kommt man auf solche irrsinnigen Ideen? Das ist nicht fortschrittlich.

    Und gleichzeitig begräbt man damit seine Selbstständigkeit und begibt sich in alte Abhängigkeiten von Autokraten und Diktatoren, denn Öl gibt's nur von den Scheichs und Brennstäbe nur aus Russland.

    Das schafft keine Zukunft, sondern ist entweder Populismus oder ignorieren von wissenschaftlichen Fakten.

  • Die Pünktchen-Partei hat sich aufgebraucht.



    Wo bleibt eine substanzvolle Liberaldemokratische Partei (LDP?) mit Verantwortung fürs Ganze, insbesondere aber Demokratie, Menschenwürde, Rechtstaat … à la Karl-Hermann Flach, Hildegard Hamm-Brücher, Gerhard Baum, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger?

    • @Uwe Lütge:

      Damals war das noch eine politische Partei und die genannten Personen waren integer. Doch leider, leider ist dieses Format an Persönlichkeit in der derzeitigen Lobbytruppe fdP nicht annähernd zu finden.

      • @Perkele:

        @Perkele



        Nur der alte Dürr versucht noch etwas Wasser aus dem sinkendem Kahn der FDP zu schippen. Die anderen Fipsis sind inzwischen lieber offiziell in Anstellung " Ihrer " Auftaggeber aus Industrie & Wirtschaft.

  • "Eine Frau wie Büttner als Spitzenkandidatin hätte dem Wahlkampf ums Überleben in Baden-Württemberg eine ganz andere Aufmerksamkeit geben können."



    /



    Die dann vielleicht zukünftig designierte Spitzenkandidatin wird es überleben. Als Tochter einer Hebamme und eines Mediziners kann sie vielleicht auch eine "äußere Wendung" erreichen.



    "wollte man lieber andere und vor allem Männer in die Parteispitze lancieren"



    Hier liegt offensichtlich ein "perpetuierter Bias" vor, systemisch...

  • Ich glaube schon, dass es für den "Jeder stirbt für sich allein" - Liberalismus der FDP in Deutschland einen Markt gibt. Aber der wählt keine Verlierer. Erfolgreicher Machiavellismus erfordert Geschick. Geschick aber ist der FDP schon mit Genscher abhandengekommen.

  • Man ist ja froh um jede noch so kleine gute Nachricht in diesen Zeiten.

    "Jetzt, im Wahlkampf, setzte die Rülke-FDP auf Verbrenner-Vorfahrt, Kernkraft und Argentinien als Vorbild und hoffte auf eine Koalition mit einer starken CDU und der SPD."

    Den kleinen Mittelstand und die Handwerker, wie es im Artikel heißt, kann man mit Atomkraft und Argentinien halt nicht mehr hinter der Wärmepumpe hervorlocken. Beim Verbrenner-Aus-Aus bin ich mir nicht so sicher, aber wer unbedingt gesellschaftlichen Stillstand will, hat mit der CDU halt die Machtoption auf Bundesebene.

  • taz: *Am Wahlabend kündigte Spitzenkandidat Rülke an, Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen und vom Landesvorsitz zurückzutreten.*

    Und alle anderen FDP-Politiker sollten sich bei Christian Lindner einen Porsche kaufen und in den Sonnenuntergang fahren – und zwar auf Nimmerwiedersehen.

  • Wir woll'n die Glatze seh'n, wir woll'n die Glatze seh'n - leider hat die FDP nicht auf Programmatik gesetzt. Die Zeiten des Freiburger Programms sind passé. Sondern auf westerlindneroide Mätzchen und neoliberale Lächerlichkeit.

    In Rheinland-Pfalz hat die FDP hingegen trotz ein bisschen viel Retro letztlich konstruktiv mitgearbeitet. Das könnte daher der letzte Landtag sein, wo die FDP noch drin sein wird.



    Wenn der Zange CDU-SPD nicht eine falsche Polarisierung gelänge.

  • Personen, die im Finanzwesen qualifiziert sind (Investmentbankerin) als wirtschaftskompetent zu bezeichnen, ist falsch; doch leider heutzutage üblich.



    Zwischen (Real-)Wirtschaft und Finanz besteht ein großer Unterschied.

  • Zum Glück hört man von dieser ehemaligen Partei (heute Wirtschaftslobby) bundesweit wenig. Niemand braucht sie noch. Die Bedeutung des Liberalismus, der Freiheit ist bei denen auf die Zusammenfassung "Profit" geschmolzen - für die, die kapitalkräftig genug sind. Arbeitnehmer und sozial Benachteilgte kommen in der Praxis bei dieser Ex-Partei nicht vor. Sie sollte ganz verschwinden.

    • @Perkele:

      Wir sollten vorsichtig sein, wem wir den politischen Tod wünschen. All die Wähler, die sich eine neue politische Heimat suchen, das gilt übrigens vor allem für ehemalige SPD Wähler, landen oft genug bei der AfD. Wenn sich die AfD auf Kosten der SPD und FDP groß macht, ist das für mich kein Grund zur Freude.

      • @Goodfella:

        Das ist auch für mich kein Grund zur Freude. Doch allein das Starren auf die Schlange kann die Situation ja wohl kaum meistern. Stattdessen ist es allerhöchste Zeit, dass sich spD, GRÜNE und vor allem die csdU endlich darauf besinnen, den Sorgen und Nöten der GESAMTgesellschaft zuzuhören. Dazu braucht man kein verlogene und extrem slbstbezogene Lobbytruppe, die früher mal eine politische Partei war.

  • Braucht jemand noch die FDP? Ich meine die Frage ernst. Für was und wen steht eigentlich noch die FDP?

    • @Leningrad:

      Die stehen für Profite der Wirtschaft und -wenn's denn gut läuft- ein paar gut dotierte Pöstchen in einem Parlament, einem Wirtschaftsverband oder gleich direkt bei einem ihrer Lobby-Klienten. Das nennen die dann "Freiheit".

  • "Denn hier wird die FDP vor allem vom kleinen Mittelstand und Handwerkern gewählt."

    So war es mal. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, Herrn Rülke bei SWR1 Leute zu hören. Ein Kandidat, der unter Morgengebet das Studium der Börsenkurse versteht, hat dieser Zielgruppe wenig zu sagen. Die haben andere Sorgen.

  • Naja irgendwo müssen die AfD-Gewinne ja herkommen.

    "Denn hier wird die FDP vor allem vom kleinen Mittelstand und Handwerkern gewählt."

    Paschd scho'. Mehr AfD-Kernzielgruppe geht kaum.



    (Außer Russlanddeutsche und/oder Christen-Fundis, aber die waren früher CDU-Klientel und konnten mit der FDP nix anfangen.)

    Anyway: die Stimmen für NPD und andere Rechtsaußen-"Sonstige" sind mittlerweile weitgehend von der AfD absorbiert worden. Wird jetzt die FDP kannibalisiert?

    Und was glaubt die FDP damit zu bewirken, Lindner aus der Mottenkiste wieder rauszuholen, wie die Gerüchte grad gehen?

    • @Ajuga:

      Wer, wenn nicht Lindner, ist denn der Hauptverantwortliche für den absolut zu begrüßenden Niedergang "dieser stolzen Partei" gewesen? Haben die auf der Resterampe Verbliebenen nicht wenigstens das verstanden?



      - Nee, nee. Der ist als Grüßaugust auf dem Werbezettel im Gebrauchtwagenshop schon ganz gut aufgehoben...