piwik no script img

Sprengung der Nord-Stream-PipelinesCIA wusste über Anschlagspläne wohl Bescheid

Laut Recherchen des „Spiegels“ sollen US-Agenten die Anschlagspläne mit den Saboteuren besprochen haben. Dann stellten sie sich gegen das Vorhaben.

Karlsruhe, 27. November 2025: Serhij K. auf dem Weg zu einer Anhörung vor der Bundesanwaltschaft Foto: Thilo Schmuelgen/reuters

Ende September 2022: Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine läuft bereits seit sieben Monaten, als drei Stränge der Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee explodieren. Mit ihnen war russisches Gas nach Deutschland transportiert worden – was für Moskau eine wichtige Geldquelle bedeutete, um den Krieg gegen Kyjiw zu finanzieren. Und zugleich bedeuteten die Pipelines auch eine enorme Energieabhängigkeit Deutschlands von Russland. Deutsche Ermittlungsbehörden gehen mittlerweile davon aus, dass eine ukrainische Gruppe für die Sprengung verantwortlich ist.

Laut Recherchen des Spiegels wusste der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA bereits seit Monaten Bescheid über das Vorhaben. Die ukrainischen Saboteure hatten sich den Erkenntnissen zufolge bereits kurz nach Ausbruch des Krieges mit US-Agenten getroffen und ihnen ihren Plan – mit dem Codenamen „Operation Diameter“ – detailliert erläutert. Die Amerikaner hätten sich zunächst offen für die Idee gezeigt und das Vorhaben in der frühen Planungsphase wohlwollend begleitet.

Die Ukrainer kamen sogar zu dem Schluss, dass die USA daran interessiert gewesen wären, die Aktion zu bezahlen oder zumindest finanziell zu unterstützen.

Der genaue Plan, die Pipeline zu sprengen, entstand über Wochen, die zu Monaten wurden: Routen, Schiffe, Sprengstoffe wurden in Erwägung gezogen und verworfen und geeignete Tau­che­r:in­nen gesucht. Währenddessen gab es dem Spiegel-Bericht zufolge immer wieder Treffen mit den US-Amerikanern, die positives Feedback gaben.

Zustimmung vom ukrainischen Oberbefehlshaber

Im Juni 2022 rückten die USA dann wohl von der Idee ab. Der niederländische Militärgeheimdienst MIVD hatte von den Vorbereitungen erfahren und warnte sowohl die CIA als auch den Bundesnachrichtendienst (BND). Daraufhin warnten auch die Amerikaner die Ukrainer vor dem Vorhaben, auch direkt im ukrainischen Präsidialamt. Doch es gelang nicht mehr, die Saboteure umzustimmen.

Wie Insider dem Spiegel berichteten, habe der damalige Armeechef Walerij Saluschnyj die finale Zustimmung gegeben, wenn auch zu einem späteren Zeitpunkt als ursprünglich geplant. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sei nicht informiert gewesen.

Da die USA als Finanzier ausfielen, übernahm das Ganze ein ukrainischer Privatmann: 300.000 US-Dollar für Ausrüstung, Sprengstoff und die Miete der Segeljacht, von der aus die Taucher die Bomben an den Pipelines anbrachten. Eine CIA-Sprecherin, die der Spiegel mit seinen Recherchen konfrontierte, bezeichnete sie als „komplett und völlig falsch“, lieferte aber keine Begründung.

Einer der mutmaßlichen Saboteure, der Ukrainer Serhij K., sitzt jetzt in Hamburg in Untersuchungshaft. Er soll die Nord-Stream-Sprengungen koordiniert haben.

Jahrelanger politischer Streit um Pipelines

Um den Bau der beiden Nord-Stream-Pipelines wurde politisch jahrelang gerungen. Sowohl die US-Amerikaner als auch viele EU-Länder waren entschieden gegen die direkten Gasleitungen zwischen Russland und Deutschland.

Einerseits, weil dadurch die Ukraine wichtige Transitgebühren verlor und so finanziell geschwächt wurde. Andererseits, weil man eine gefährliche Energieabhängigkeit von Russland befürchtete. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine vor bald vier Jahren wurden diese Befürchtungen wahr.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

7 Kommentare

 / 
  • "Sowohl die US-Amerikaner als auch viele EU-Länder waren entschieden gegen die direkten Gasleitungen zwischen Russland und Deutschland.

    Einerseits, weil dadurch die Ukraine wichtige Transitgebühren verlor und so finanziell geschwächt wurde. Andererseits, weil man eine gefährliche Energieabhängigkeit von Russland befürchtete. "

    Es wird gerne so dargestellt, als wäre allein D für Nordstream, um die Ukraine um ihre Transitgebühren zu bringen. Tatsächlich waren neben D auch die Benelux-Staaten und Frankreich an Nordstream beteiligt und das Gas gelangte über das europäische Verteilsystem in viele weitere Länder. Parallel dazu gab es weitere Pipeline-Projekte wie Southstream, Turkishstream, die von Italien und den meisten Süd-Ost-Europäischen Ländern vorangetrieben wurden. Wichtiges Ziel war hierbei eine Diversifikation der Lieferwege, d.h. Vermeidung des unzuverlässigen Gastransits durch die Ukraine.

    • @Trickydicky:

      Das mag ja alles so sein - aber Deutschland deckte bis zu 55 Prozent seines Gasbedarfs aus Russland. Mit Nordstream 2 hätte sich diese Abhängigkeit noch verstärkt.

      • @Il_Leopardo:

        Warum? Hätte Deutschland deswegen mehr Gas in Russland gekauft?

        • @Francesco:

          Ich bin hier nicht der große Gas-Spezialist. Aber warum hat man Nordstream 2 gebaut, wenn man nicht vorhatte, mehr Gas zu beziehen?

      • @Il_Leopardo:

        Und jetzt sind wir von den USA und Golfstaaten abhängig, was Gaslieferungen betrifft.

        • @T-Rom:

          Die führen aber keinen Krieg gegen die Ukraine. Vielleicht morgen gegen den Iran. Aber dass wissen wir noch nicht.

  • Haben die Mitglieder des Einsatztrupps denn schon ihr Bundesverdienstkreuz und die Begnadigung vom Bundespräsidenten bekommen? Wo sie sich im Gegensatz zur CDU , SPD, AFD und dem BündnisSchlechterWahlverlierer doch für das Land eingesetzt haben?