piwik no script img

Trump und die UkraineSchlecht getarnter Erpressungsversuch

Kommentar von

Barbara Oertel

Der US-Präsident droht der Ukraine mit dem Verlust von Sicherheitsgarantien, sollte das Land nicht zeitnah Präsidentschaftswahlen abhalten. Ein Irrsinn.

Fällt Wolodymyr Selenskyj in den Rücken: Donald Trump Foto: Alex Brandon/AP/dpa

M an kann den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit so manchen Attributen belegen: korrupt, machtversessen, autoritär. Oder wie es der Kreml nicht nur den Rus­s*in­nen in Dauerschleife in ihre Hirne hämmert: faschistoid. Doch eins ist er ganz sicher nicht: realitätsfremd und suizidal (im politischen Sinne). Seit fast vier Jahren manövriert Selenskyj sein Land durch einen brutalen Krieg, in dem Ukrai­ne­r*in­nen durch russische Raketen und Drohnen sterben und systematisch in den Kältetod gebombt werden. Just zu diesem Zeitpunkt zieht US-Präsident Donald Trump wieder seine Karten aus der Tasche, die Selenskyj – so Trumps Lesart – nun mal nicht habe.

Es geht um das Abhalten von Präsidentschaftswahlen und eines Referendums über ein Friedensabkommen. Hatte Trump bislang den kommenden Juni in die Tombola geworfen, ist jetzt schon von Mai die Rede. Dabei bedarf es eines länglichen Konsultations- und Abstimmungsprozesses im Parlament, um neue gesetzliche Grundlagen zu schaffen. Das ist beim besten Willen in der Kürze der Zeit nicht zu schaffen. Abgesehen davon, dass nur zehn Prozent der Ukrai­ne­r*in­nen Wahlen zum jetzigen Zeitpunkt unterstützen.

Noch absurder wird es, wenn Trump Kyjiw den Verlust von US-Sicherheitsgarantien androht, sollte die Ukraine nicht so handeln, wie er das fordert. Wovon redet der Mann? Konkrete belastbare Zusagen aus Washington für Frieden und Sicherheit gibt es bisher nicht – genauso wenig wie Anzeichen dafür, dass es bald zu einer Einigung über ein Friedensabkommen kommen könnte. Dass Moskau bereit ist, von seinen Maximalforderungen abzurücken, kann niemand ernsthaft glauben, der oder die bei Verstand ist.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Was folgt daraus? Selenskyj ernst nehmen, der sich gegen Trumps Vorstoß verwahrt. Und Trumps Ansage als das zu benennen, was sie ist: ein schlecht getarnter Erpressungsversuch der Ukraine – wohlgemerkt des Angegriffenen in diesem Krieg. Welche Konsequenzen zieht Europa daraus? Vermutlich keine. Genau das ist ebenfalls ein Problem – wahrlich kein geringes.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Ressortleiterin Ausland
Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
Mehr zum Thema

17 Kommentare

 / 
  • Das Problem von Trump ist die fehlende Fähigkeit anderer Leute Lernfähigkeit richtig einzuschätzen. So können alle, die seine Dealsucht verstehen, ihr eigenes Spiel mit ihm treiben, nicht nur der Mensch aus Moskau.

  • Die aktuellen Drohgebärden von Donald Trump gegenüber Kiew lassen nur einen Schluss zu: Der US-Präsident agiert nicht als Vermittler, sondern als Vollstrecker russischer Interessen. Dass er die Ukraine im Februar 2026 mit einem Ultimatum für Neuwahlen und Gebietsabtretungen erpresst, während Putins Raketen die Infrastruktur des Landes in Schutt und Asche legen, ist ein diplomatischer Tiefpunkt.



    ​Man muss sich fragen: Hat Putin Trump tatsächlich in der Hand? Die auffällige Milde gegenüber dem Kreml, gepaart mit dem brutalen Druck auf den Angegriffenen, nährt den Verdacht einer gefährlichen Abhängigkeit. Ob durch kompromittierendes Material oder wirtschaftliche Verflechtungen – Trumps „Deal“-Logik folgt eins zu eins dem Drehbuch Moskaus. Wer Sicherheitsgarantien als Erpressungsmittel nutzt, verrät die westliche Wertegemeinschaft, liefert die Ukraine der Willkür eines Despoten aus.



    ​Dieser „Frieden“, den Trump erzwingen will, wäre kein Ende des Krieges, sondern die Belohnung für Aggression. Es ist Zeit, dass Europa aufwacht und erkennt, dass der Schutzschirm der USA unter dieser Führung löchrig geworden ist. Souveränität darf nicht zum Verhandlungsobjekt für narzisstische Egos werden!

  • "Dabei bedarf es eines länglichen Konsultations- und Abstimmungsprozesses im Parlament, um neue gesetzliche Grundlagen zu schaffen. Das ist beim besten Willen in der Kürze der Zeit nicht zu schaffen."

    Beim Anschlag auf die Anti-Korruptionsbehörde ging das ganz, ganz schnell 😉

    Natürlich sind die verschieden Vorschläge für Abstimmungen in der Ukraine vergiftet. Undurchführbar wären diese Abstimmungen aber nicht.

    Von wem stammen eigentlich die Informationen über Trumps Druck? Waren da nicht Aussagen von Selenskyj, die in Washington aktuell niemand bestätigt hat?

  • Seit wann tarnt Trump irgendetwas? Außer natürlich seinen Beteiligungen an den Epstein-Verbrechen.

    • @Alberta Cuon:

      Seine Unwilligkeit, Steuern zu zahlen? Für die anderen Verbrechen und seine Lügen wird er ja gefeiert. "Unamerikanisches Verhalten" in Reinform, aber die Justiz hat ja zwischen den Amtszeiten lange genug Zeit gehabt, ihm die Leviten zu lesen und ihn einfahren zu lassen.

  • Es ist noch nicht lange her, dass die Ukraine und Europa zusammen forderten, dass Verhandlungen nur mit der Ukraine und Europa geführt werden können.



    Europa ist mittlerweile der Hauptunterstützer der Ukraine, die finanzielle und militärische US Unterstützung geht hingegen gegen Null.



    Selensky entschied sich aber für selbstständige Verhandlungen und für seinen "Freund" trump.



    Ganz ähnlich fiel auch Selenskys pauschale Kritik an Europa aus.



    Interessant, was man so öffentlich über seine Unterstützer*Innen äußert.



    Ganz nebenbei möchte der ukrainische Präsident jetzt eine "schnelle EU Mitgliedschaft".



    Allein angesichts der schlecht bekämpften Korruption im Land halte ich das für ausgeschlossen.



    Es ist auch nicht vergessen, dass gerade Selensky zuletzt versuchte, die Antikorruptionsbehörden zu entmachten.



    Dies, in Kombination mit einem herrischen Auftreten, zeichnet eher das Bild eines Minitrumps. Was Europa in Zukunft nicht braucht, sind neue Orbans und Konsorten.



    Die Unterstützung der Ukraine, in der Not, ist das Eine, der Erhalt unserer Demokratien und ihrer Regeln , etwas Anderes.

    • @Philippo1000:

      So ein Quatsch, Trump ist nicht sein "Freund", Selenski hat schlicht keine andere Wahl, als ihn bei Laune zu halten. Die Ukraine ist nach wie vor auf amerikanische Waffen (die von Europa bezahlt werden) und Aufklärungsdaten angewiesen.

    • @Philippo1000:

      Ein argumentativer Austausch mit Trump ist nicht möglich, das hat Selensky bei seinem ersten und einzigen Versuch letztes Jahr gelernt. Der dysfunktionale, narzisstische Trump muss gebauchpinselt werden, sonst verkündet er zwischen Aufstehen und Frühstück das Ende des PURL-Programm oder verhängt gegen die Ukraine „500 % Strafzölle“. Darum macht Selensky das, es ist sein Job, dafür zu sorgen, dass sein Land diesen Krieg durchsteht.



      Jeder in der Ukraine weiß, dass es vor Kriegsende keine Wahlen geben wird, und ebensowenig ein Referendum (weder während noch nach dem Krieg, über was auch?). Aber Trump hält an dieser fixen Idee fest (die von der russischen Seite stammt), also wird das Thema öffentlichkeitswirksam „angegangen“.

  • Bei jeder möglichen Abstimmung in der Ukraine stellt sich ja die Frage, wer stimmberechtigt ist. Da Millionen ukrainischer Staatsbürger aktuell außerhalb des Landes leben, müssten diese einbezogen werden und in konsularischen Einrichtungen ihre Stimme abgeben. - Wie können dann aber die mindestens eine Million Ukrainer abstimmen, die nach Russland gegangen sind? Wo sollen sie abstimmen? Wer soll die Stimmen erfassen, wer soll die Staatszugehörigkeit bestätigen? Wenn die ukrainischen Behörden diese Bürger gar nicht einbeziehen, so kann die russische Seite das Ergebnis als illegitim ansehen. Wenn aber diese Stimmen in Russland ohne ukrainische Beteiligung erfasst und ausgezählt werden, so kann die ukrainische Seite das Ergebnis als illegitim ansehen.

    Das soll nur der Versuch einer Problembeschreibung sein (ohne Antwortversuch). Präsidentschaftswahlen in der UA scheinen mir derzeit zwar ohnehin nicht sinnvoll. Aber bei der begründeten Forderung nach einem Referendum über Gebietsabtretungen stellt sich die Frage ebenso.

    • @Kohlrabi:

      Russland wird jedes Ergebnis, das nicht seinen Interessen entspricht, als illegitim ansehen. Die offizielle russische Sichtweise ist doch eh das die aktuelle ukrainische Regierung ein Haufen von Faschisten ist, der widerrechtlich an die Macht gelangt ist.

  • Die Ukraine sollte Sicherheitsgarantieren von der Nato erhalten, alternativ von den "Willigen". Denn wenn Natomitglieder angegriffen werden - von Putin zum Beispiel - müssen die anderen Natomitglieder und auch Trump unterstützen. Ob Trump das tut ist zwar nicht mehr sicher, damit werden diese einseitigen amerikanischen Geschäfte auf Kosten der Ukrainer unterbunden.

    • @Sonnenhaus:

      Lesen Sie mal den Nato-Vertrag. Der enthält KEIN zwingendes militärisches Beistandsgebot. Sondern:



      "indem jede von ihnen unverzüglich für sich und im Zusammenwirken mit den anderen Parteien die Maßnahmen, einschließlich der Anwendung von Waffengewalt, trifft, die sie für erforderlich erachtet, um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und zu erhalten."



      lxgesetze.de/nato-vertrag/5

      Das ist nach meiner Laienmeinung ein gewaltiges Auslegungsschlupfloch!

  • Was folgt daraus? Selenskyj ernst nehmen, der sich gegen Trumps Vorstoß verwahrt. Und Trumps Ansage als das zu benennen, was sie ist: ein schlecht getarnter Erpressungsversuch der Ukraine – wohlgemerkt des Angegriffenen in diesem Krieg. .....



    ----



    Welcher Erwachsener erklärt denn Nr. 47 mal was Politik wirklich ist? Falls ER das noch begreifen kann?

    So langsam wird der o.a. "Greis" zu einer Gefahr für die ganze Welt. Sogar für die U-SA! :-(



    Btw. Was mir nicht in den Kopf will, ist die "Blindheit" einer großen Menge der U-SAmerikanischen Bevölkerung! Sehen die das wirklich nicht, wie IHR Land & auch der Rest der Welt schrittweise gegen die Wand gefahren wird?



    Ps. Die Hoffnung stirbt wohl zuletzt, doch wenn wir uns anschauen, was jetzt schon in U-SA & der Weltpolitik zerstört wurde, ist "Hoffnung" ein sehr "kleines Licht" wohl nicht nur bei mir geworden! :-(

    • @Sikasuu:

      "Politik ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln."



      Diese Antithese zu Clausewitz ist uralt und wird vorbildlich von der MAGA-Regierung praktiziert.

  • Das könnte Opa Trump von Puitin auch verlangen, tut es aber nicht, da er bei den Verhandlungen von Anfang an parteilich noperiert. Ihm geht es nicht um Frieden, sondern allein um seinen Deal, um Rohstoffe aus der Ukraine. Trump geht immer nur auch die Schwächeren los, da er sich bei den Stärkeren nicht traut. Die sind ja auch sein Vorbild. Ein klassischer Fall von Pupertier!

  • Und Trump wird so clever sein, auszunutzen, dass die Kräfte der Russen gebunden sind. Armes (oder glückliches?) Kuba.

  • Trump hat einen Deal mit der Ukraine und deren Bodenschätze, Von Aluminium bis Zink listet das Abkommen 57 Bodenschätze auf. Diese kann er aber erst abbauen/bekommen, wenn Frieden ist. Also will er Frieden um jeden Preis, egal wie sehr die Ukraine darunter blutet. Typisch Trump halt.