BVG-Streik in Berlin: Nervig, aber notwendig
Angesichts der Arbeitslosenzahlen werden Tarifverhandlungen in Zukunft deutlich härter. Statt Gemecker ist Solidarität angebracht – auch im Winter.
S chon wieder BVG-Streik, nicht einmal ein Jahr nach der letzten Tarifrunde, und noch dazu mitten im Winter. Muss das sein, stöhnen viele Berliner:innen, die sich am Montagmorgen in Eiseskälte zu Fuß zur nächsten S-Bahnstation quälen. Ja, es muss sein, lautet die kurze Antwort. In den aktuell laufenden Manteltarifverhandlungen sind die Arbeitgeber nicht nur unwillig, über Verbesserungen zu reden, sondern fordern sogar eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Damit droht eine gefährliche Trendwende in der Arbeitswelt, die nicht nur die BVG betrifft.
In den letzten Jahren ist es den BVG-Beschäftigten gelungen, Arbeitsbedingungen und Gehalt Schritt für Schritt zu verbessern. Zuletzt brachte die Tarifrunde im vergangenen Jahr ein historisches Lohnplus von durchschnittlich 20 Prozent. Aktuell verdient eine Busfahrerin bei der BVG im ersten Jahr 3.180 € brutto. Dazu kommen Zuschläge, Weihnachts- und Urlaubsgeld.
Ein Job im Fahrdienst ist mittlerweile durchaus finanziell attraktiv. Das muss er auch sein, denn die Stressbelastung durch den Berliner Stadtverkehr sowie den Schicht- und Wochenenddienst ist enorm. Und wegen des demografischen Wandels werden in den kommenden Jahren tausende Fachkräfte wegfallen. Die Arbeitsbedingungen weiter zu verbessern wäre der logische nächste Schritt. Die Forderungen von Verdi nach einer 35-Stunden-Woche, 33 Tagen Urlaub und kürzeren Wendezeiten, die den Arbeitsalltag entzerren, sind nicht überhöht, sondern ein vernünftiges Verhandlungsangebot.
Gewerkschaften zunehmend in der Defensive
Doch die Unternehmensleitung hat auch in der zweiten Verhandlungsrunde kein Gegenangebot vorgelegt. Die BVG bezeichnet die Forderungen als „fern jeder Finanzierbarkeit“. Mit dem Tarifabschluss von 2025 sei der finanzielle Spielraum für das Unternehmen voll ausgeschöpft, teilt das Unternehmen mit. Verdi kritisiert, dass die BVG sogar Einschnitte fordere: Etwa den Krankengeldzuschuss von 20 auf 6 Wochen zu verkürzen.
Die BVG ist kein Einzelfall. Die Verkehrsunternehmen in 14 anderen Bundesländern geben sich ähnlich hartnäckig (in Niedersachsen herrscht noch die Friedenspflicht). In Zeiten von Massenentlassungen in der Automobilindustrie hat sich der Wind auf dem Arbeitsmarkt um 180 Grad gedreht. Unternehmen müssen sich über Bewerber:innenmangel keine Gedanken mehr machen und Gewerkschaften geraten zunehmend in die Defensive.
Es wird nicht lange dauern, bis Länder und Kommunen die Lohnkosten als größtes Einsparpotenzial identifizieren. Regelmäßige Nullrunden, die Streichung von Zuschlägen und eine Ausweitung der Arbeitszeit wären denkbar.
Auch in der aktuell laufenden Tarifrunde im öffentlichen Dienst der Länder sind die Arbeitgeber für kaum mehr als einen Inflationsausgleich bereit. Auf Bundesebene drängt die CDU auf eine Ausweitung der Arbeitszeit und treibt die Schleifung von Arbeitnehmerrechten voran. Steuersenkungen für Unternehmen und Milliarden für Aufrüstung müssen ja irgendwie gegenfinanziert werden.
Ob das gelingt, wird vom Widerstand der Beschäftigten abhängen. Und von der Solidarität in der Bevölkerung. Daher ist es gut so, dass Verdi sich nichts gefallen lässt und zum Warnstreik aufruft. Für alle gilt: Zu Fuß zur Arbeit zu laufen, ohne über Gewerkschaften zu meckern, ist manchmal auch schon ein ausreichender Beitrag zum Klassenkampf.
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