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Iran und MinneapolisKollaboration oder Widerstand

Es sind die Machtlosen, die sich staatlicher Macht widersetzen – weil sie den Wert von Verbindung und Gemeinschaft kennen.

Minneapolis, 15. Januar: Nachbarn organisieren Hilfsgüter für die, die wegen der ICE-Razzien ihre Wohnung nicht verlassen wollen Foto: Bridget Bennett/reuters

W ährend die Tech-Industrie, Banken, Anwaltskanzleien, Universitäten, Unternehmen und viel zu viele Demokraten im Kongress sich dem neuen Regime ergeben haben“, schreibt Siri Hustvedt, „halten normale Menschen dagegen.“ Die US-amerikanische Schriftstellerin äußerte sich nach dem brutalen Mord an Alex Pretti in Minneapolis auf Instagram. Sie endet mit den Worten: „Die Entscheidung ist klar: Kollaboration oder Widerstand.“

Der 37-jährige Intensivpfleger Alex Pretti war am Samstag von Grenzschutzagenten erschossen worden, nachdem er einer Frau hatte helfen wollen, die von den vermummten Männern angegriffen worden war. Es ist der zweite Mord – es fällt schwer, es als etwas anderes zu bezeichnen, obgleich es juristisch wohl niemals zu einem solchen erklärt werden wird – auf den Straßen von Minneapolis innerhalb weniger Wochen. Erst Anfang Januar wurde die 37-jährige Renee Nicole Good in ihrem Auto von einem ICE-Agenten erschossen.

Nach dem Tod von Renee Good waren im Bundesstaat Minnesota große Proteste gegen ICE und Grenzschutz ausgebrochen. Die Proteste haben sich nach dem Tod von Alex Pretti auf weitere Städte in den USA ausgeweitet; in New York City hielten Protestierende Schilder hoch, auf denen „Gerechtigkeit für Alex“ stand. Die wird es nicht geben. Denn in den USA bestimmen Mächtige, was wahr ist. Und diese Mächtigen haben die Getöteten zu „Terroristen“ erklärt. Die ICE-Agenten hätten nur aus „Notwehr“ geschossen, so erklärte das Weiße Haus. Die Gewalt, die von der ICE ausgeübt wird, ist kein Nebenprodukt autoritärer Herrschaft. Sie ist das Ziel. Widerstand soll tödlich sein und gebrochen werden.

Trotz der Gefahren, die drohen, organisieren sich die Menschen in Minnesota. In einer Reportage für The Atlantic beschreibt der Autor, wie organisiert dieser Widerstand inzwischen ist. So können Bür­ge­r:in­nen Trainings absolvieren, die an geheimen Orten durchgeführt werden. In diesen Trainings spielen sie Szenarien durch – beispielsweise, wenn ICE-Beamte ein Nachbarhaus oder einen Flughafen stürmen – und lernen unter anderem, wie man sich schützt, wenn ein ICE-Agent zuschlägt. Das Alter der Teilnehmenden dieser Kurse reiche von 14 bis 70 Jahren, so der Atlantic-Reporter. Von einer einzigen gemeinnützigen Organisation wurden bisher 65.000 Menschen geschult, die meisten seien seit Dezember dazugekommen.

Warum sind es die Menschen mit der geringsten Macht, die sich denen mit der größten Macht widersetzen?

Die Menschen üben, wie sie ICE-Einsätze sicher filmen und dokumentieren. Sie üben, auffällige Fahrzeuge zu erkennen. Einzeln und in Gruppen laufen Bür­ge­r:in­nen durch die Straßen und informieren einander in Signal-Gruppen, wenn sie Autos sehen, die ICE gehören könnten. Kennzeichen werden weitergegeben. Sie haben Pfeifen dabei, um die Nachbarschaft zu warnen, wenn ICE-Agenten gesichtet werden. Geschäfte und Restaurants verweigern ihnen den Zugang. Andere Geschäfte schließen aus Protest gegen die ICE, obwohl sie dadurch finanzielle Verluste in Kauf nehmen müssen. Ein­woh­ne­r:in­nen der Stadt sammeln Lebensmittel, um eingewanderte Menschen zu versorgen, die aus Angst vor der ICE ihre Häuser nicht mehr verlassen können. Renee Good und Alex Pretti gehörten zu dieser couragierten Zivilgesellschaft. Sie nutzten die Sicherheit, die ihnen ihre US-Staatsbürgerschaft gab, um gefährdete Menschen zu beschützen. Sie zahlten mit ihrem Leben dafür.

Man kommt nicht umhin, an die protestierenden Menschen in Iran zu denken. Nicht, weil die Situation in Minnesota und in Teheran vergleichbar wäre. Das ist sie nicht. Nicht ansatzweise. In Iran sind nach neuesten Zahlen wohl mindestens 30.000 Menschen von Regimetruppen massakriert worden, und die grausame Unterdrückung geht weiter, während die Machthaber das Internet abgestellt haben. Die autoritäre Dynamik ist gleichsam ähnlich. Und ganz besonders die Tatsache, dass es die einfachen Bür­ge­r:in­nen sind, die sich gegen den autoritären Staat wehren. Denn ihnen kommt sonst niemand zu Hilfe.

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Diejenigen in den USA, die tatsächlich die Mittel hätten, dem übergriffigen Staat Einhalt zu gewähren – die Unternehmen, die Universitäten, die Medien und nicht zuletzt viele Po­li­ti­ke­r:in­nen –, biedern sich an, ducken sich, halten still. Auch von der internationalen Gemeinschaft sollten sich die von der Trump-Regierung bedrohten und angegriffenen Menschen keine Unterstützung erhoffen. Demokratien wie die deutsche haben sich dem Trump-Regime nahezu vollständig ergeben. Menschen- und Bürgerrechte spielen in Sonntagsreden eine große Rolle. In der Realität sind sie irrelevant, entbehrlich.

Likes und Klicks werden abgegriffen

Für die Menschen in Iran gilt das ohnehin. Deutsche Po­li­ti­ke­r:in­nen gefallen sich darin, Solidaritätsvideos mit den Protestierenden in Iran aufzunehmen und viele Likes und Klicks abzugreifen. Wenn es aber darum geht, ihnen durch konkrete Handlungen wirklich zur Seite zu stehen, dann hört man nur noch das Zirpen der Grillen. Revolutionsgarde auf die EU-Terrorliste? Nö. Abschiebestopp für Iraner:innen? Auf keinen Fall. Ausweisen der iranischen Botschafter? Ach, bitte.

Warum sind es stets die Menschen mit der geringsten Macht, die sich denen mit der größten Macht widersetzen? Warum müssen die einfachen Menschen jenen Mut aufbringen, der weitaus mächtigere Menschen nicht ansatzweise so viel kosten würde? Warum müssen die am meisten verlieren, die am wenigsten haben?

Weil Macht träge macht. Korrumpierbar. Ängstlich. Weil sie Empathie abtötet. Weil es die einfachen Bür­ge­r:in­nen sind, die in einem autoritären Staat am meisten zu verlieren haben. Sie kennen den Wert von Verbindung, von Liebe, von Gemeinschaft. Sie wissen, wofür sie aufstehen. Nicht für Macht oder für Geld, sondern füreinander. Für ihre Kinder. Der Lauf der Menschheitsgeschichte hätte ohne solche Menschen einen anderen Weg genommen. Nicht zum Fortschritt, sondern zum Niedergang. Wenn jene, die heute in Machtpositionen sind, weiter nur nach ihren Pfründen schauen, anstatt denen zu helfen, die kämpfen, wird der Niedergang, der bereits begonnen hat, fortschreiten. Noch ist es nicht zu spät. Aber viel Zeit bleibt nicht. Es gilt: Kollaboration oder Widerstand.

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Gilda Sahebi
Ausgebildet als Ärztin und Politikwissenschaftlerin, dann den Weg in den Journalismus gefunden. Beschäftigt sich mit Rassismus, Antisemitismus, Medizin und Wissenschaft, Naher Osten.
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