Pahlavi-Berater zu Intervention im Iran: „Die Frage ist nicht, ob Trump handeln wird, sondern wann“
Der Berater von Reza Pahlavi erwartet eine US-Intervention – und sieht den Sohn des letzten Schah als Führungsfigur der aktuellen Proteste.
taz: Herr Ghasseminejad, Reza Pahlavi, Sohn des Schahs, hat einen zweiten Aufruf an die Bevölkerung veröffentlicht, beide Aufrufe scheinen auf eine starke und positive Resonanz gestoßen zu sein. Inwieweit könnte diese Entwicklung zu einer vollständigen Besetzung der Straßen führen? Lassen die Proteste eine fragmentierte Phase hinter sich und treten in eine breite, massenhafte Phase ein?
Saeed Ghasseminejad: Das Hauptziel des ersten Aufrufs bestand darin, eine Massendemonstration von einer Million Menschen auf die Straßen zu bringen – dieses Ziel wurde weitgehend erreicht. Es ging darum, sowohl bei den Teilnehmenden die Überzeugung zu stärken, dass sie vereint und „zahlreich“ sind, als auch darum, das Regime mit dieser Realität zu konfrontieren. Der zweite Aufruf zielt jetzt darauf ab, diese Präsenz fortzusetzen und ein Vorrücken in die Stadtzentren vorzubereiten. Gleichzeitig sollen in Schlüsselsektoren wie dem Transportwesen Arbeitskämpfe initiiert werden.
taz: Die Repression fiel an den ersten Tagen geringer aus als in den vergangenen Jahren. Ist die Verteidigungsstrategie der Islamischen Republik eher auf die Abschreckung eines Angriffs von außen als auf die Unterdrückung von Unruhen im Inland ausgerichtet?
Ghasseminejad: Es ist offensichtlich, dass das Regime einen Angriff von außen fürchtet, man bereitet sich faktisch auf eine militärische Konfrontation vor. Nicht nur innerhalb des Regimes herrscht breite Zuversicht, dass es 2026 zu einem direkten Konflikt mit Israel kommen wird. Unseren Quellen zufolge ist die Islamische Republik besorgt über die Zuverlässigkeit ihres Repressionsapparats. Die Machthaber befürchten, dass groß angelegte Repressionen in Großstädten die Einsatzbereitschaft des Militärs und der Sicherheitskräfte im Falle eines umfassenden Angriffs von außen beeinträchtigen könnten. Die im Vergleich zu früher zögerliche Reaktion der obersten Führungsebene während der ersten zehn Tage der Proteste hat einen neuen Spielraum eröffnet und die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass wir Zeugen einer Übernahme der Straßen werden könnten.
Saeed Ghasseminejad, geboren in Iran, ist Finanzwirtschaftsberater in den USA und Berater von Reza Pahlavi.
taz: Wie sehen Sie die Äußerungen von US-Präsident Donald Trump? Ein echtes politisches Signal, das die Dynamik auf der Straße beeinflusst – oder lediglich eine mediale Inszenierung? Und wie wahrscheinlich ist ein US-Militärschlag?
Ghasseminejad: Meiner Ansicht nach haben die Trump-Regierung und Trump selbst – ob in Venezuela, im Iran oder anderswo – gezeigt, dass sie ihren Worten Taten folgen lassen. Die Frage ist nicht, ob er handeln wird, sondern wann. Wenn er solche Erklärungen abgibt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass am nächsten Tag Taten folgen. Doch in vielen Fällen – bei den Handelszöllen, Venezuela und dem iranischen Atomprogramm – hat er seine Ankündigungen stets in die Tat umgesetzt. Aus diesem Grund glaube ich, dass seine Worte ernst genommen werden sollten, sowohl von der Öffentlichkeit als auch von der Islamischen Republik selbst.
taz: Die Menschen auf den Straßen scheinen nur noch den Namen Reza Pahlavi zu rufen – ist das ein Zeichen, dass es in den kommenden Tagen und Monaten zu einer größeren Annäherung zwischen den Oppositionskräften aus verschiedenen politischen Lagern kommen könnte?
Die Autorin war 2024 Stipendiatin des Refugium-Programms, das die taz Panter Stiftung seit 2015 ausrichtet.
Ghasseminejad: Das Volk hat ihn zu seinem Anführer gewählt, der diese Revolution leiten soll. Sollten einige Gruppen seine Führung noch nicht anerkannt haben, werden sie dies nach und nach tun. Unweigerlich werden sie sich dem Schwung dieser Volksmehrheit anpassen müssen. Und alle, welche die Islamische Republik überwinden wollen, werden letztlich hinter dieser Führungsfigur stehen müssen.
taz: Anders als die USA, die eine klare Position bezogen haben, zeigen die europäischen Regierungen gegenüber dem Iran deutlich uneindeutigere Haltungen. Sehen Sie zum jetzigen Zeitpunkt konkrete Anzeichen für eine praktische Annäherung oder Unterstützung seitens der europäischen Staaten?
Ghasseminejad: Die Europäer haben – teils aufgrund ihrer größeren geografischen Nähe zum Iran und der damit verbundenen größeren Sorge um die Auswirkungen der dortigen Entwicklungen, teils aufgrund innenpolitischer Zwänge – eine deutlich vorsichtigere Haltung und agieren zögerlich. Meiner Ansicht nach wird es den Europäern mit der Zeit immer schwerer fallen, die Proteste zu ignorieren, je größer und anhaltender sie werden. Was wir öffentlich von europäischen Beamten hören, ist in der Tat deutlich gemäßigter als ihre Positionen hinter verschlossenen Türen.
Die Autorin war 2024 Stipendiatin des Auszeit-Programms Rest and Resilience, das die taz Panter Stiftung jährlich ausrichtet.
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