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Zukunft von IranMit dem Fall des Regimes wird das Land nicht demokratischer

Karim El-Gawhary

Kommentar von

Karim El-Gawhary

Die Mullah-Diktatur muss fallen, das wünschen sich viele. Genauso viele profitieren vom System und halten daran fest. Die Lage in Iran bleibt fragil.

Viele profitieren vom System: Straßenszene in Teheran am 15. Januar Foto: Majid Asgaripour/West Asia News Agency via reuter

E s gibt 1.001 Grund, gegen das Regime in Teheran zu sein – und für dessen Ende. Die Iraner selbst wissen das am besten, deshalb gehen sie trotz aller Gefahren auf die Straße. Doch die Hoffnung auf ein Ende des Mullah-Regimes sollte nicht dazu führen, die möglichen Konsequenzen zu vernachlässigen – in Iran und in der Region. Iran ist ein ausgehöhltes System. Jahrzehntelange innere Reformen wurden verpasst. Wirtschaftliches Missmanagement, Korruption, der Unwille des Regimes, selbst kleine gesellschaftliche Reformen zuzulassen, haben das Land in eine Sackgasse geführt. Wie viele Male zuvor verlassen sich die Herrschenden auch jetzt darauf, ihre schwindende Legitimität durch blutige Repression zu ersetzen. Damit waren sie schon bei früheren Aufständen erfolgreich und konnten sich so Zeit erkaufen. Die haben die Mullahs aber nie genutzt, um anschließend jene Gründe zu adressieren, die die Menschen auf die Barrikaden gebracht haben.

Mit wachsendem Ärger der Menschen hat irgendwann auch jede Repression ein Ablaufdatum. Das Regime war noch nie so schwach wie heute – und trotzdem ist der Ausgang ungewiss. Die Bilder aus dem Land sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Regime und dessen Ideologie in Teilen der Gesellschaft stark verwurzelt ist, es gibt genug Profiteure, die deshalb daran festhalten. Und so sind die wahrscheinlichsten Szenarien nach einem Sturz des Regimes keine demokratischen.

Ein Teil des Sicherheitsapparates könnte sich vom Regime trennen. Die Prätorianer lassen die Herrscher fallen, zu dessen Schutz sie gegründet worden sind. Die Revolutionsgarden könnten die Mullahs als Last für ihre weitere Macht ansehen, und diese einfach selbst übernehmen. Das wäre ein für die Region – siehe Arabischer Frühling – klassisches Ende eines Aufstandes: Mullah-Diktator weg, ersetzt durch eine direkte Militärherrschaft, die die Ideologie der „Wilayat al-Faqih“, der „Herrschaft der Geistlichen“, als Ballast abwirft. In einem anderen Szenario könnte der Vielvölkerstaat in ein totales Chaos abrutschen, bis hin zu einem längeren Bürgerkrieg, etwa nach syrischem oder irakischem Muster. Dann würde dem Regimekollaps eine lange Phase von Gewalt und Instabilität folgen.

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Die zwei Staaten, die über eine mögliche Intervention sprechen, die USA und Israel, haben dabei unterschiedliche Interessen. Beide hätten kein Problem, mit den Prätorianern zusammenzuarbeiten. Wenn die ihre anti-israelische und anti-amerikanische Rhetorik ablegten. Der Fall Venezuela zeigt, dass dem US-Präsidenten der Zugang zu Ressourcen und Öl am wichtigsten ist. Es geht ihm nicht um einen demokratischen Umbau des Landes, sondern nur darum, freien Zugang zu den Ressourcen zu haben.

Das Regime und dessen Ideologie ist in Teilen der Gesellschaft und vor allem bei den Profiteuren stark verwurzelt

Beim zweiten Szenario, einem möglichen Chaos in Iran, scheiden sich allerdings die israelischen und amerikanischen Geister. Israel könnte mit einer weiteren Fragmentierung der Region gut leben. Es würde versuchen, seine Einflusssphären in der Region auszubauen, ohne die Palästinenserfrage zu lösen. US-Präsident Trump ist dagegen an einer Zersplitterung von Iran nicht gelegen. Denn die daraus folgende Instabilität würde in erster Linie seine wichtigen Bündnis- und Geschäftspartner, die Golfmonarchien, treffen. Denn in der Region selbst wird der Aufstand in Iran nicht nur von Anfeuerungsrufen begleitet, sondern auch mit großer Sorge betrachtet. Auch wenn das Mullah-Regime hier nur wenig Freunde hat, außer jenen, die das Regime selbst aufgebaut hat.

Schiiten verlören ihre Schutzmacht

Die sogenannte Achse des Widerstandes – Teheran, Hisbollah, irakische Milzen, Huthis im Jemen – würde ihren iranischen Sponsor verlieren. Für sie ist das eine Existenzfrage. Damit einher ginge, dass die Schiiten in der Region ihre Schutzmacht verlören. Der Ausfall des Iran als eine der wichtigsten Regionalmächte würde die Region insgesamt in völlig unbekannte Sphären katapultieren. Die Folge dieser Machtverteilungskämpfe und Zersplitterung wäre wahrscheinlich, dass die anderen Regionalmächte wie Saudi Arabien, die Türkei, Ägypten enger zusammenrücken würden. Keine dieser Regionalmächte hat ein Interesse daran, dass ihre Region und ihre Nachbarschaft noch instabiler wird.

Was würde in Teheran nach einer militärischen US-Intervention passieren, die sich zugunsten der Demonstrierenden auswirkt? Wenn dies nicht Chaos und Instabilität sind, wäre das neu Entstandene allerdings mit dem Makel verbunden, mit Hilfe des US-Militärs an die Macht gebombt worden zu sein – mit all den Konsequenzen für Iran und die Region. Wenn die Iraner allein der Motor für Veränderung bleiben, ist der Ausgang ebenso ungewiss. Aber er hätte etwas, dass eine US-Intervention niemals erzeugen kann: die Legitimität des eigenen Volkes.

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Karim El-Gawhary
Auslandskorrespondent Ägypten
Karim El-Gawhary arbeitet seit über drei Jahrzehnten als Nahost-Korrespondent der taz mit Sitz in Kairo und bereist von dort regelmäßig die gesamte Arabische Welt. Daneben leitet er seit 2004 das ORF-Fernseh- und Radiostudio in Kairo. 2011 erhielt er den Concordia-Journalistenpreis für seine Berichterstattung über den Arabischen Frühling, 2013 wurde er von den österreichischen Chefredakteuren zum Journalisten des Jahres gewählt. 2018 erhielt er den österreichischen Axel-Corti-Preis für Erwachensenenbildug.. 2024 bekam er das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich verliehen. Er hat fünf Bücher beim Verlag Kremayr&Scheriau veröffentlicht. Alltag auf Arabisch (Wien 2008) Tagebuch der Arabischen Revolution (Wien 2011) Frauenpower auf Arabisch (Wien 2013) Auf der Flucht (Wien 2015) Repression und Rebellion (Wien 2020)
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12 Kommentare

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  • IMHO steht trotz eines wegen der Wankelmütigkeit Trumps eh noch auf der Kippe stehenden Enthauptungsschlages die Integrität des Iran als Gesamtgebilde nicht in Frage. Die Frage, was danach kommt, ist dennoch von Bedeutung: Geht es weiter nach ägyptischen Vorbild, wo der islamistischen Regierung eine Militärregierung folgte, oder ist Herr Pahlawi insgeheim Stammgast in Mar-al-Lago, so dass er automatisch von der Supermacht USA an die Spitze Irans katapultiert würde?

    Revolutionsgarden, denen per Drill die Menschlichkeit aus dem Kopf geblasen ist, würden. ließe man den Iran alleine, einen zivilen Umsturz durch die Bevölkerung nicht ohne Weiteres zu. Die nötige Volks-Bewaffnung für eine Revolution scheint nicht vorhanden, denn das aktuelle Massaker ist ja nicht das einzige, das die jetzigen Mächtigen in der jüngeren Geschichte angerichtet haben.

    Am liebsten würde ich mich an dieser Stelle irren, und die IranerInnen stellen eine gewaltlose Revolution auf die Beine wie einst die DDR. Die Fakten über die eigentlich absolut total antiiranischen aktuellen Herrscher Irans in Mullahgewändern stehen leider dagegen.

  • Schön, daß es mal ausgesprochen wurde. Nach den Erfahrungen der vorhergehenden Proteste vermute ich sogar, daß eine Mehrheit der Iraner an dem jetzigen Regime festhalten wollen. Nicht zuletzt deswegen weil die männliche Bevölkerung mit dem Sklaventum der Frauen sehr zufrieden sind.

  • Es bleibt die Frage, warum eigentlich außer in Israel nirgendwo in der Region ein demokratischer Wechsel durch Wahlen die Norm bildet und bei einem Machtwechsel immer gleich zu recht Verwerfungen für die ganze Region befürchtet werden müssen. Vielleicht hätte der Autor darauf auch eine Antwort, oder sogar einen Lösungsvorschlag?

  • Da kann die ganze Welt im Moment ja glücklich sein, dass die Mullahs noch keine Atomrakete haben.



    Wie gut, dass die ganze Verzögerungstaktik (auch mithilfe der deutschen Regierung) nicht funktioniert hat.

    • @Dirk Osygus:

      Die Welt konnte auch vorher schon glücklich sein, dass die Mullahs keine Atomraketen haben, aber was hat das mit der aktuellen Lage zu tun? Widerstand unterdrückt man mit anderen Mitteln.

  • Also mal angesehen von diesem Satz : dass die anderen Regionalmächte wie Saudi Arabien, die Türkei, Ägypten enger zusammenrücken würden... bin ich zu 100% bei Herrn El-Gawhary. Endlich mal eine Prognose/Diagnose wo nicht wünsch-dir-was drüber steht. Danke.

  • Das Schlimme am Iran ist, dass dort über hunderte von Jahren immer wieder despotische Diktaturen herrschten, die Islamische Republik ist in dieser Rückschau noch das beste System, weil es wenigstens bestimmte Institutionen gibt.



    Aber im Kern ist der Iran heute eine Diktatur, die von ein paar alten greisen Mullahs angeführt wird. Und nun gut, Mullahs haben eine Lernsystematik, sie verfügen über Bildung, stimmt, aber dieser hier, der ist anders: Chameinei hat Texte von Sayid Qutb, der islamistischen Denker überhaupt, übersetzt, der hat keine x-fach Auslegung einer Quran-Sura gemacht oder ein Teil des Handelsrechts bearbeitet.



    Chameinei war schon islamistischer Politiker, bevor er in die Politik durfte, und selbst seine theologischen Qualifikationen sind eher geringer.



    Die Aufstände in Iran, die auf ein demokratisches Regime hinarbeiten, nehmen zu, das stimmt.



    Gleichzeitig nehmen die Gegenstrategien auch zu, sie bestehen im Kern immer aus Repression. Eine friedlichen, langsamen Wandlungsprozess schaft das Land nicht, weil es an der Geistlichkeit abblitzt.



    Deswegen: Die Aufständischen müssen sich dort bewaffnen und sie müssen einen Krieg gegen die Regierung und ihre Milizen führen.

  • Ein Eingreifen der Amerikaner würde noch ein Land ins Chaos stürzen. Irak, Syrien und Afghanistan haben bewiesen, dass der Versuch einfach eine "westliche" Demokratie aufzustülpen zum Scheitern verurteilt ist.

    • @FraMa:

      Die Regime Change-Doktrin ist gescheitert, das ist korrekt. Aber wo wurde denn Syrien eine westliche Demokratie aufgestülpt? Und ist im Iran alles stabil, solange bloß der Westen nicht eingreift?

  • "Beide hätten kein Problem, mit den Prätorianern zusammenzuarbeiten. Wenn die ihre anti-israelische und anti-amerikanische Rhetorik ablegten."

    Sie sprechen hier von den Revolutionsgarden! Das sind Islamisten und Antisemiten wie sie im Buche stehen. Neben der regulären Armee entspricht das auf das Dritte Reich übertragen in etwa der Waffen-SS. Illusorisch das das Israel mit denen zusammenarbeiten könnte. Und anders herum.



    Mit dem regulären Militär vielleicht, aber nicht mit denen.

    Aber egal welches Szenario danach kommt, die Welt wird ohne das Mullah Regime, welches einen Großteil des weltweiten islamistischen Terror finanziert, fördert und organisiert, eine bessere Welt sein.

    • @si tacuisses:

      Neben der regulären Armee entspricht das auf das Dritte Reich übertragen in etwa der Waffen-SS.

      Nein. Wenn man schon solche Vergleiche anstellt, sollte man präziser sein.



      Die Entsprechungen wären eher die Divisionen LSSAH, Totenkopf und HJ.

  • Im Grunde genommen braucht man zunächst für die Projektion der Entwicklung einer Gewaltherrschaft in eine Demokratie nur in die eigene Geschichte zu schauen, damit man die Dimension erkennen kann.



    Die Herrschaft der Nazis und der SS war zwar im Mai 45 offiziell beendet, aber deren Nachwehen und Nachbeben dauerten Jahrzehnte an.



    Die Etablierung einer Demokratie war kein ausschließlicher Akt von oben, sondern das Wachsen von innen. Dazu gehörte am Ende auch eine "außerparlamentarische Opposition" und eine sogenannte 'Gegenöffentlichkeit'. Im Iran wir trotz "Blaupausen-Ideen" wohl nichts ein Selbstläufer werden.



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