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Missmut zu JahresbeginnLasst euch überraschen!

Lukas Wallraff

Kommentar von

Lukas Wallraff

Es wird Zeit, mit 2025 auch den politischen Pessimismus zu verabschieden. Positive Entwicklungen sind möglich – nicht nur in New York.

New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani leistet den Amtseid während einer Vereidigungszeremonie in der U-Bahn-Station Old City Hall Foto: Yuki Iwamura/ap

G utes neues Jahr! Wer darauf hofft, muss schon sehr optimistisch sein oder in New York wohnen, wo der fröhliche Sozialist Zohran Mamdani am 1. Januar als neuer Bürgermeister der Weltstadt vereidigt wurde. Für die meisten politisch Interessierten in Deutschland aber klang die ewige Silvesterfloskel diesmal so unrealistisch wie selten.

Kein Wunder: Die TV-Jahresrückblicke auf 2025 bestanden größtenteils aus einer Aufzählung von weltweiten Schrecklichkeiten ohne Aussicht auf friedliche Lösung und zum krönenden Abschluss trat Kanzler Friedrich Merz auf, der sich weitere Sozialreformen und noch mehr Aufrüstung wünschte. Wie soll man da ernsthaft an ein gutes neues Jahr glauben?

Weil sich eine Besserung der Lage angesichts von Putin, Trump und Merz kaum noch jemand vorstellen kann, werden bei privaten Treffen inzwischen oft Gespräche über Politik gänzlich vermieden, um die Stimmung nicht zu vermiesen. Fängt trotzdem eine damit an, bekommt sie häufig gleich zu hören: „Ach, die Nachrichten höre ich mir gar nicht mehr an.“

Man plaudert lieber über Kochrezepte, Reisepläne oder die nächste Fußball-WM, aber selbst da fällt irgendwann der Name Trump, alle werden wieder grantig und auch diese kleine Vorfreude wird noch von der unseligen Politik getrübt, die viele resignieren lässt.

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Dabei wäre es gerade jetzt so dringend nötig, dass sich wieder mehr Menschen politisch informieren, einmischen und engagieren – um die bedrohte liberale Demokratie zu retten, den Merzschen Angriff auf den Sozialstaat abzuwehren und den drohenden, radikalen Rechtsruck bei den Landtagswahlen 2026 zu verhindern. Hadern und Warnen wird dafür nicht reichen.

Gebraucht werden Zuversicht und Hoffnung. Und die lässt sich durchaus finden – mit einem Blick in die Geschichte: Es geht nicht alles automatisch immer abwärts, auch wenn es manchmal so erscheint. Es hat auch schon viele positive Überraschungen gegeben, die eine herausstechende, Mut machende Eigenschaft hatten: Dass sie sich vorher eben keiner vorstellen konnte.

Wer hätte 1988 gedacht, dass 1989 die Mauer fällt? Wer glaubte während der Apartheid in Südafrika an einen Präsidenten Nelson Mandela? Und, ganz aktuell: Wer hätte vor einem Jahr vorhergesagt, dass ein in Uganda geborener Muslim und Sozialist die größte Stadt der USA regiert?

Nein, natürlich wird auch Mamdani die Welt nicht retten. Es kann sein, dass er als Bürgermeister scheitert. Aber sein Wahlsieg dank vieler HelferInnen zeigt, was möglich ist, wenn genug Menschen die Zweifel überwinden und das Unwahrscheinliche versuchen, wenn sie aktiv werden und andere begeistern. Also, auch in Deutschland: Auf ein Neues!

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Lukas Wallraff
taz.eins- und Seite-1-Redakteur
seit 1999 bei der taz, zunächst im Inland und im Parlamentsbüro, jetzt in der Zentrale. Besondere Interessen: Politik, Fußball und andere tragikomische Aspekte des Weltgeschehens
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9 Kommentare

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  • Es ist schön, sich an einer blühenden Blume in einer Wüste zu freuen. Durchaus legitim. Aber die Wüste bleibt. Wenn die Sicht darauf verschwinden soll, muss die TAZ und auch die anderen Medien ganz viele ihrer Artikel wegzensieren. Denn die sind es ja, die die schlechte Laune machen. Es ist nicht mein angeborener Masochismus (den habe ich nicht, denke ich), der mich kotzen lässt wenn ich mir die Nachrichten ansehe/lese. Es ist sowohl die Realität als auch die Einsicht, dass es offenbar nicht besser wird. Die jetzige Regierung würde ich nämlich nicht als Besserung der schon grausigen fDP-Diktatur aka "Ampel" ansehen. Und wenn ich auf die nächste Regierung schaue, dann gefriert mir das Lächeln, das ich so gern lächle, zu Eis. Oder gleich zu ICE.

  • Hör ich da Žižek heraus? Der hat festgestellt, dass der Kapitalismus global gesiegt habe, man aber immer auf Unwahrscheinliches hoffen könne. Historische Kontingenz nennt er jetzt Quantum history!? Dabei gibt es Anfang 2026 deutlich mehr Anlass zum Missmut. Wenn auch vermeintliche Linke zur wehrhaften Demokratie gegen Rechts (AfD) aufrufen, dann muss die Unwahrscheinlichkeit lange warten, bis sich in Zukunft ein Haarriss auftut. Was ist das Problem? Wenn Wahlen das hohe Fest der demokratischen Mitbestimmung in einer Republik sein sollen, die“ Demokraten“ dann die Bedeutung der AfD-Wahlergebnisse herunterspielen. machen sie klar, dass Wahlen (fast) nichts zählen, die Erfindung des WählerInnenwillens eine Sache der elitären Parteienoligarchie (und Medien) ist. Die AfD kann sich als Verteidigerin der Demokratie generieren, obwohl sie, wie andere Parteien auch, nur republikanische Regierungsmacht erlangen will. In der Republik stehen regierungswillige (Ver-)FührerInnen Warteschlange und alle Zeichen deuten auf mehr autoritäre Herrschaft, mindestens mehr Repression, Verbote und Pflichten. Demokratie bleibt eine Unwhrscheinlichkeit.

  • Ich finde diesen beweihräuchernden Optimismus fast schon peinlich. Schließlich ist Mamdani vor allem deshalb gewählt worden, weil die anderen Kandidaten furchtbar schwach waren. seine Mehrheit war nun auch nicht so überwältigend. Dazu kommen Versprechungen, die er gemacht hat, die er aber nicht einhalten können wird. Er rudert ja bereits jetzt schon zurück. D.h., er wird diejenigen, die ihn aus idealistischen Gründen gewählt haben, eher enttäuschen. Die Reichen, deren macht er einschränken wollte, muss er dagegen auf seine Seite ziehen, sonst geht die Stadt pleite. Ein bisschen mehr Realismus statt Populismus hätte mich mehr für ihn eingenommen. Am schwierigsten finde ich seine unsichere Haltung in Sachen Antisemitismus..

  • Mamdani hat bereits seine Besetzung von Catherine Almonte Da Costa, welche andere Einstellungen vorgenommen hätte, zurücknehmen müssen, da diese öffentlich schrieb: "(dirty) money hungry jews!".

    Nicht der einzige Fall in dem Mamdani Antisemitismus kaum entgegen tritt, erst wenn zu viel offenbar ist handelt er, auch gewaltvollen "Antizionismus" lässt er meist walten, ist es doch seine Plattform.

    Seine zwei ersten Amtshandlungen waren die Ernennung von Personen zu Ämtern, zu viele antisemitische Personen, die nicht "nur" Antizionisten sind. Inklusive der Entmachtung von Tisch, welche die Polizei kontrollierte, durch Ernennung eines neuen Chefs.

    Der zweite Teil waren EO - executive Orders - also Erlasse die er selbst tat, dabei entzog er jüdischen und religiösen Orten den besonderen Polizeischutz und nahm andere EOs zurück die sich gegen Antisemitismus richteten.

    Sein Team hat an Tag 1, möglicherweise rechtswidrig, mehrere Tweets gelöscht, inklusive sinngemäß "NYC should protect Jews".



    So titelte die nypost zu Neujahr: "jewish-civil-rights-group-demands-answers-from-mamdani-after-posts-about-antisemitism-scrubbed-from-nyc-mayors-x-account"

    Antizionismus ist Kern d. Plattform.

  • Er wird es schwer haben, weil viele seiner durchaus sinnvollen Pläne auch die Zustimmung auf Bundesebene benötigt, wo die Stadt New York keinen Einfluss hat.

    Einfach mal so selbst den Nahverkehr kostenlos zu machen kann der Bürgermeister nicht. Klar, Kontrollfunktion und so. Aber wenn die Welt kurz vor dem Kollaps ist, sollte man schonmal anders handeln. Ist zwar kein Kriegsrecht, aber Weltuntergangsrecht, Klimawandelrecht, sonst irgendwas.

    Kopenhagen ist nicht gefallen, Graz ist nicht gefallen, Wien und Paris sowieso nicht. Linke Bürgermeister verwandeln Städte nicht in Chaos, wie manche gerne meinen. Einzig die Enttäuschung in den Föderalismus wird es geben, aber davon verstehen viele Bürger sowieso nichts, plappern aber alles von Trump nach und geben lieber dem Bürgermeister die Schuld.

  • Es brauch nicht diesen Appell. Die "Linke" hat sich schon lange aufs "Gesundbeten" eingestellt.

  • Ob sich Mandami und damit auch seinen Wählern einen Gefallen tat, indem er seinen Eid auf den Koran ablegte, möchte ich zumindest bezweifeln.



    Die USA ist ein überwiegend christlich geprägtes Land, mit allen seinen Nachteilen und Unzulänglichkeiten, den extremen Evangelikalen und was weiss ich noch. Aber diese Aktion könnte auch Mandami-Wähler ins Grübeln bringen; für Trump und seiner MEGA-Bewegung ist es sowieso Wasser auf die Mühlen.



    Ich hoffe, ich liege falsch und es hat keine negativen Auswirkungen.



    Ich wünsche Mandami jedenfalls eine glückliche Hand und viel Erfolg und allen New Yorkern eine bessere Zukunft.

    • @Klaus Waldhans:

      Da moderne Staaten meist säkular sind, sollte man die religiöse Form abschaffen.

  • Ach ja, das ist wohl jetzt "Das Wunder von Manhattan, Teil 2" und Mamdani ist der wirklich, wirklich wahre Weihnachtsmann.