1.408 Tage Krieg in der Ukraine: Neujahrswunsch Frieden
In der Ukraine stehen Weihnachten und Neujahr im Zeichen des Krieges. Feiern werden in die U-Bahn verlegt. An Silvesterfeuerwerk denkt niemand mehr.
Foto: Gleb Garanich/reuters
W eihnachten und Neujahr sind für die Ukrainer eine Zeit, in der Träume wahr werden. Ja, ringsherum ist Krieg: Städte werden bombardiert, der Strom fällt aus und an der Front erobert der russische Aggressor ukrainisches Land. Aber gefeiert wird trotzdem. Sogar an der Frontlinie.
Traditionell, ein Überbleibsel aus sowjetischer Zeit, ist Neujahr in der Ukraine der wichtigste Feiertag. Doch in den letzten Jahren hat Weihnachten seine Vorrangstellung ausgebaut. Selbst das – russische – Väterchen Frost tritt langsam von der Bühne ab und überlässt seinen Platz dem heiligen Nikolaus. Auf alle Fälle aber ist die Zeit zwischen dem 24. Dezember und dem 1. Januar (und für manche der 7. Januar – das orthodoxe Weihnachten „alten Stils“) immer noch eine lange Reihe von Feiertagen. Man stellt einen Tannenbaum auf, schickt Grüße an Freunde und Verwandte, bereitet Festtagsgerichte vor und verteilt Geschenke. Also alles wie überall auf der Welt? Nicht ganz.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Seit Beginn des Kriegszustandes sind die Feiertage in der Ukraine offiziell keine arbeitsfreien Tage mehr. Es gibt sie schlicht nicht mehr – bis der Krieg vorbei ist. Natürlich können Unternehmen selber entscheiden, ob sie an diesen Tagen die Arbeitszeit verkürzen. Und einige tun das auch. Aber eben nicht alle.
Sicherheit hat Priorität
Alle großen Versammlungen in ukrainischen Städten, auf denen Menschen zusammenkommen, werden in der Ukraine jetzt als „Menschenansammlungen“ gesehen, die im Krieg unsicher sind. In Kyjiw wurde trotz allem ein Weihnachtsbaum auf dem Sophienplatz im Stadtzentrum aufgestellt, ein Weihnachtsmarkt und Weihnachtsliedersingen angekündigt, obwohl die Meinungen der Kyjiwer über den Sinn solcher öffentlichen Feierei sehr geteilt sind. Noch mehr Streit gab es zu diesem Thema in Odessa, Tschernihiw und Sumy, wo es ebenfalls öffentliche „Feierorte“ gab.
Freiberuflicher Journalist und lokaler Produzent aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Seit Beginn der russischen Großoffensive in der Ukraine begleitet er ausländische Journalisten, unter anderem in die Frontgebiete. Der Autor war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
In Charkiw und Dnipro hingegen war man verantwortungsbewusster in Bezug auf Sicherheit: Tannenbäume und große Veranstaltungen wurden unter die Erde verlegt – in die U-Bahn-Stationen. In Kramatorsk und Cherson hat man ganz auf Weihnachts- bzw. Neujahrsbäume verzichtet und nur kleine Veranstaltungen an geschützten Orten für diejenigen Kinder geplant, die überhaupt noch in diesen Städten leben. Und natürlich geht nachts niemand auf die Straße – denn selbst an Neujahr gilt eine nächtliche Ausgangssperre.
Wir vergessen die Front nicht!
Es ist sozusagen eine heilige Pflicht, ukrainischen Soldaten Weihnachts- und Neujahrswünsche zu schicken. In den sozialen Medien und bei Messengerdiensten entstehen Gruppen mit Namen wie „Neujahrsgeschenke für unsere Soldaten“. Die Initiatoren sammeln Geld und packen Päckchen mit Geschenken: Souvenirs, Tee, Honig, Nüsse, Trockenwurst und Ähnliches.
Ein Freund von mir fermentiert zum Beispiel schon seit mehreren Jahren feste grüne Tomaten in einem 100-Liter-Fass, um sie dann zu verpacken und „ein bisschen Vitamine für die Jungs an der Front“ zu verschicken. Einige dieser Initiativgruppen gibt es bereits seit vier Jahren und sie werden nur zu den Feiertagen aktiv.
Dieser Artikel wurde möglich durch die finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e. V. Sie können den Recherchefonds durch eine Spende oder Mitgliedschaft fördern.
Erwartungen und Träume sind jetzt andere
Natürlich erwartet niemand mehr ein Silvesterfeuerwerk. Und sehr wahrscheinlich werden wir das auch in den nächsten 20 Jahren nicht mehr zu sehen bekommen. Denn gerade wächst eine ganze Generation mit posttraumatischen Belastungsstörungen auf, die schon allein durch solche Explosionsgeräusche sofort an Luftangriffe und Frontkämpfe denkt.
Und zum anderen träumen eigentlich alle Ukraine vor allem von Frieden. Der Neujahrswunsch nach einem „friedlichem Himmel“ überwiegt alle anderen. Die Weihnachtswunschzettel kleiner Ukrainer sind dem Frieden gewidmet. Frieden in der Ukraine ist zu einem Traum geworden.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
Der Autor hat an einem Osteuropa-Workshop der taz Panter Stiftung und am Projekt Kolumne-Tagebuch „Krieg und Frieden“ teilgenommen
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