Nachruf auf Margot Friedländer: Sie wird fehlen
Mit Margot Friedländer ist eine Jahrhundert-Persönlichkeit gestorben. Unser Autor verabschiedet eine Frau, die in Erinnerung bleiben wird.
Foto: Fabian Sommer/dpa
Die Katze streifte über den Schreibtisch, Margot saß davor und beantwortete E-Mails. Als ich sie das letzte Mal besucht habe, saß sie in ihrer Wohnung in einer Seniorenresidenz am Ku'damm und beantwortete alle möglichen Anfragen.
Das tat sie nämlich selbst, für eine damals 100-Jährige äußerst ungewöhnlich. Doch ihr war es wichtig, auf alles zu antworten, immer weiterzumachen, ihre Geschichte weiterzugeben.
„Seid Menschen“ wiederholte sie immer wieder, auf jeder Veranstaltung. Es gebe kein jüdisches, kein christliches, kein muslimisches, nur menschliches Blut. Ich habe sie das oft sagen hören, die Wirkung verfehlte es nie.
„Versuche, dein Leben zu machen“
Es war sowieso ein Wunder, wie diese Frau wirkte. Margot war eine kleine, zierliche Frau, stets gut gekleidet, sie hatte eine Lehre zur Schneiderin gemacht. So gelang es ihr, auf jeder Veranstaltung die Person mit dem stilsichersten Outfit zu sein. Und sie schaffte es stets, die Säle, egal in welcher Größe, in ihren Bann zu ziehen.
Ihre Lebensgeschichte wird nun in unzähligen Nachrufen erzählt, es ist ein Jahrhundertleben. Das Überleben im Versteck in Berlin und im KZ Theresienstadt während des Holocaust, der Verlust ihres Bruders Ralph, den die Nazis umbrachten. Der Abschiedsgruß ihrer später ebenso ermordeten Mutter, sie solle versuchen, ihr Leben zu machen. Und ihre späte Rückkehr nach Berlin.
Foto: Bernd Wannemacher
Ich habe sie auf einer Lesung kennengelernt, später eine Veranstaltung mit ihr organisiert, gelegentlich besucht und bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde an der Freien Universität Berlin stellvertretend für all die jungen Menschen gesprochen, denen sie ihre Geschichte erzählt hat. Für all diejenigen, die ihre Appelle an das Menschsein nie vergessen haben und nie vergessen werden.
Ihren Blick richtete sie nach vorne
Dass sie nun gestorben ist, reißt eine große Lücke. Sie war eine der Letzten, die uns das Grauen des Nationalsozialismus und die Verbrechen unserer Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern vor Augen führte. Dabei war sie nie verbittert oder wütend, obwohl sie dazu jedes Recht gehabt hätte.
Doch ihren Blick richtete sie immer nach vorne. „Was geschehen ist, ist geschehen, das können wir nicht mehr ändern“, noch so ein Satz, der sich in meine Erinnerung gebrannt hat. Doch wir müssten dafür sorgen, dass es nicht wieder geschieht. Das sagte Margot immer und immer wieder.
Nach der Verleihung der Ehrendoktorwürde gab es ein Festessen zu ihren Ehren, mehrere Gänge, Wein und Würdigungen. Als sich die Gäste nach und nach verabschiedeten, war Margot ganz überrascht. Sie war wacher und fitter als der Rest der Feiergesellschaft. Jetzt schon nach Hause gehen? Unmöglich.
So war sie und so werde ich sie in Erinnerung behalten. Eine wache Hüterin der Erinnerung. Eine Frau, die viele nicht vergessen werden. Und ein „Mensch“, im jiddischen Sinn, die trotz allem Erlebten noch an das Gute im Gegenüber glaubt. Schwer zu glauben, dass wir jetzt ohne sie auskommen müssen.
Mach's gut, Margot, du wirst hier fehlen.
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