piwik no script img

rechtsgeöffnetPatriotische Gesellschaft knüpft an ihre Anfänge an

Kommentar von

Lukas Toedte

Interkulturalität nach Hamburger Art: Mit einem Gespräch unter alten, weißen Männern fördert die Patriotische Gesellschaft Kolonial-Revisionismus.

Brutaler Schutz: Die deutschen Truppen und ihre örtlichen Helfer trugen schicke Uniformen. Andere Einheimische wurden misshandelt Illustration: Brockhaus-Lexikon 1911

A m Dienstag hatte die Patriotische Gesellschaft zu einer Debatte über den Umgang mit der Hamburger Kolonialgeschichte eingeladen. In der historischen Hauptstadt des deutschen Kolonialismus ist das begrüßenswert.

Irritierend war jedoch die Besetzung: Der Arbeitskreis Interkulturelles Leben stellte dem ausgewiesenen Experten Dietmar Pieper den politischen Polemiker Mathias Brodkorb gegenüber. Bloß warum? Wozu? Diese Fragen blieben nach dem Abend unbeantwortet zurück.

Pieper zeichnete analog zu seinem Buch „Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche“ die kolonialen Verstrickungen Hamburger Kaufleute nach. In dem ordnet er den deutschen Kolonialismus vor allem als wirtschaftliches Projekt ein. Brodkorb hingegen, ehemaliger SPD-Finanz- und Kulturminister in Mecklenburg-Vorpommern, nutzte den Abend für einen persönlichen Feldzug gegen postkoloniale Perspektiven.

Er beschwor angebliche „Umbenennungsorgien“ und ließ sich über museale Restitutionsdebatten aus – selektiv, vereinfachend und ohne erkennbaren Willen, sich mit dem Stand der Forschung zu beschäftigen. Seine ebenfalls als Buch publizierten Thesen wurden vielfach widerlegt. Ihr Zweck liegt offenkundig nicht in Erkenntnis, sondern in Delegitimierung.

Mathias Brodkorbs Thesen mobilisieren ein diffuses bürgerliches Unbehagen: Dekolonisierungsdebatten stellt er als Bedrohung dar.

Sie mobilisieren ein diffuses bürgerliches Unbehagen. Statt Dekolonisierungsdebatten als Auseinandersetzung mit historischer Gewalt wahrzunehmen, stellt er sie als Bedrohung einer vermeintlich rationalen, aufgeklärten Ordnung dar. Der ehemalige Landesminister und – vom Parteibuch her – Sozialdemokrat sucht und findet mit dieser Rhetorik Beifall in jenen rechten Milieus, die Kolonialismus nicht aufarbeiten, sondern zur Chiffre eines Kulturkampfs machen.

Dem konnte Pieper wenig entgegensetzen. Sein Auftritt diente vor allem der Legitimation eines schon vom Setting her nicht sonderlich ausgewogenen Formats, bei dem zwei weiße Männer über Kolonialismus plauderten – interkulturelles Leben, wie man es sich nur wünschen kann.

Laut Ankündigung sollte die Veranstaltung „dem verbreiteten Vorwurf entgegenwirken, in unserem Land herrschten Denk- und Sprechverbote“. Doch statt gesellschaftlicher Spaltung etwas entgegenzusetzen, bereitete die Patriotische Gesellschaft Brodkorbs Ressentiments eine Bühne.

Dies muss als bewusste Entscheidung für Polemik und gegen produktive Auseinandersetzung gelten. Das wurde spätestens in der Abmoderation deutlich.

Arnold Alscher vergisst den Völkermord

Deutlich wurde das spätestens in der Abmoderation: Arbeitskreis-Sprecher Arnold Alscher verwies auf Widerstände von Teilen der lokalen Bevölkerung gegen die Umbenennung der Region um die namibische Hafenstadt Lüderitz in!NamiǂNûs. Diese wären ihm zufolge ein Zeichen dafür, dass der Kolonialismus so schlimm wohl doch nicht gewesen sein könne. Den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, zu dem die kaiserlichen Truppen von Hamburg aus aufbrachen, hatte er dabei offenbar nicht mitbedacht.

Hamburg ist in den Debatten viel weiter. Das Erinnerungskonzept „Hamburg dekolonisieren!“ ist dank zivilgesellschaftlichem Engagement inzwischen Senatsbeschluss. Die Auflösung der Forschungsstelle Postkoloniales Erbe, der Umgang mit dem sogenannten „Tansania-Park“ oder die gescheiterte Neukonzeption des Bismarck-Denkmals treiben viele in einer Stadt um, die sich bis heute als Tor zur Welt begreift – und die damit Reproduktionsort globaler kolonialer Verhältnisse ist.

Diese virulenten Debatten hätte auch die Patriotische Gesellschaft aufgreifen können, etwa indem sie sich mit den kolonialen Verstrickungen des eigenen Klientels befasst. Indem sie stattdessen einen Promi-Autor einlädt, der wenig mehr zu bieten hat, als die Bewegung der Dekolonisierung zum Feindbild aufzublasen, knüpft sie bloß an ihre eigenen Ursprünge an. Vor über 260 Jahren war sie von Kaufmannseliten gegründet worden. Und die europäischen kolonialen Aktivitäten, gleich ob die der Briten in Harburg oder jene der Dänen in Altona, die lagen ganz in deren Interesse.

Hinweis der Redaktion: Der Artikel war zunächst mit einer inhaltlich falschen Bildunterzeile ausgestattet gewesen. Diese wurde korrigiert.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

10 Kommentare

 / 
  • Danke an Herrn Toedte und die TAZ Redaktion! Der Rechtsruck in weiten Teilen unserer Gesellschaft macht mich einfach fassungslos! So sehr ich meine Großeltern geliebt habe, es ist gut, dass sie das nicht mehr miterleben müssen. Sie haben niemals, zeitlebens, die Angst vor Faschismus, Revanchismus und dem deutschen Herrenmenschentum ablegen können.

    Ein Nachfahre von Shoaüberlebenden

  • Dem Arbeitskreis Interkulturelles Leben hätte es möglicherweise gut getan, wenn wenigstens ein Vertreter Namibias seine Ansichten hätte darlegen können.

  • "Den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, zu dem die kaiserlichen Truppen von Hamburg aus aufbrachen, ...."

    Woher kommt eigentlich diese typisch deutsche Arroganz, immer der erste und schlimmste gewesen zu sein?



    Der angebliche "Völkermord" in Namibia fand statt zwischen 1904 und 1908.



    Der amerikanische Überfall auf die Philippinen, der bis 1902 offenen Kampfhandlungen nach sich zog, war da schon abgeschlossen.



    Die Schätzungen über zivile Opfer geht von 200.000 bis 1,5 Millionen.



    Schon die niedrigste Zahl ist noch höher als die Gesamtbevölkerung der damaligen deutschen Kolonie, hier nachlesbar



    de.wikipedia.org/w...S%C3%BCdwestafrika

    Da waren wohl die Amerikaner die Ersten in der Disziplin Völkermord.

    • @Don Geraldo:

      Unter Ihrem Nick Name werden in den unterschiedlichsten Zeitungsforen rechtsextreme, revanchistische Beiträge gepostet. Bitte an alle: don't feed the troll!

    • @Don Geraldo:

      "Der angebliche "Völkermord" "

      Angeblich UND Anführungsstriche... Mehr muss man nicht lesen um eine ungute Ahnung davon zu bekommen, worauf du eigentlich hinaus willst.

    • @Don Geraldo:

      Es können bekanntlich durchaus mehrere das begehen, und das nimmt keinem von denen etwas weg, so gerne das vielleicht der Bauch auch mal hätte.

      Bei Deutsch-Südwestafrika wurde die seltsame Heldenerzählung für Militär-Köppe vor dem Krale der Ovambo dort inzwischen von der Aufklärung zu Hereros in der Wüste verdursten lassen etc. ersetzt. Wie weit es darum ging, diese Aufsässigen gegen Besatzung auch gleich als Volk zu terminieren, wird häufiger bejaht inzwischen.



      de.wikipedia.org/w...en_Herero_und_Nama



      de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord

  • Der eigentlich eher bürgerlich gesetzte Wolfgang Reinhard mit seiner "Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415-2015" schiene mir für die Herren ein besserer breiter Einstieg zu sein.



    Patriotisch wäre demnach wohl eher, sich nicht wie Bismarcks eifrige Pfeffersäcke zum privat profitablen Aussauge"handel" einspannen zu lassen oder den mit Truppenunterstützung aus ganz Deutschland zu pflegen, sondern volkswirtschaftlicher und sozialer zu denken.



    Echte Orgien ansonsten bitte, frei nach dem großen Fellinus, statt "Umbenennungsorgien" zu erfinden!

  • Ein spannender Artikel. Angemessen kritisch und dennoch angenehm zu lesen. Herzlichen Dank, Herr Toedte!

  • Liebe TAZ, eure Bildbeschreibung passt jetzt nicht so richtig zu der originalen: demnach ist weiß "nur" die Gala-Uniform, "im Felde" trug auch der deutsche Herrenmensch braun. (In Anbetracht der künftigen Geschichte "passenderweise"...).

    • @Jörg Levin:

      Wie meinen?



      Das Herrenmenschentum - ist doch akkurat getroffen! Newahr



      Normal Schonn! Woll