Klimawandel : Die Wirtschaft prescht voran
Die Politik wirkt bei den Folgen des Klimawandels häufig wie gelähmt. Die Wirtschaft schafft dagegen Tatsachen: Nichts tun ist teurer als handeln.
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D ie jüngste UN-Klimakonferenz endete in einer politischen Sackgasse. Die COP30 im brasilianischen Belém brachte weder eine Vereinbarung zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen noch einen verbindlichen Plan zur Eindämmung der Entwaldung noch eine angemessene Erhöhung der Unterstützung für Länder, die bereits unterzugehen drohen. Für einen im weltgrößten Regenwald stattfindenden Gipfel war die Symbolik brutal.
Doch das Bemerkenswerte war nicht die politische Lähmung am Verhandlungstisch. Es war das unmissverständliche Signal, dass die Wirtschaft in der Frage des Klimawandels bereits weiter ist als die Politik. Die wirklich wichtigen Entwicklungen offenbaren sich bei einem Blick auf Unternehmensbilanzen, Länderratings, Lieferketten und Risikobewertungen. Sie zeigen, dass der Übergang zur CO₂-Neutralität trotz der dysfunktionalen Politik voranschreitet.
Der Klimawandel zwingt Märkte, Versicherer, Kreditgeber und Ratingagenturen zu Umstellungen, die die Regierungen bisher aufgeschoben haben. Die Bonität von Staaten wird überarbeitet, um die Risiken durch Klima- und Naturkatastrophen widerzuspiegeln.
In Regionen mit hohem Risiko brechen die Versicherungsmärkte zusammen, sodass Haushalte, Unternehmen und komplette Städte und Gemeinden ohne Versicherungsschutz dastehen. Die Kreditkosten für Länder, die mit Dürren, Überschwemmungen und Entwaldung zu kämpfen haben, steigen, was ihre Haushaltsspielräume eingeschränkt und die Kapitalflucht beschleunigt. Diese Mechanismen tun, was Politiker*innen bisher unterlassen haben: Sie machen untätig sein teurer als handeln.
Die Energiewende ist real
In den großen Volkswirtschaften ist die Energiewende nicht mehr nur Theorie. Deutschland erzeugte 2024 etwa 63 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien. In den USA stammten fast 90 Prozent der in den ersten neun Monaten des Jahres 2024 neu hinzugekommenen Stromkapazitäten aus erneuerbaren Energien – hauptsächlich Solarenergie. In Brasilien, dem Gastgeberland der diesjährigen COP, stammen 88 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien. Weltweit ist Energie aus Onshore-Wind- sowie Solaranlangen mittlerweile 40 bis 50 Prozent günstiger als die billigsten fossilen Brennstoffe.
Unterdessen entwickelt sich der globale Automobilmarkt rasant. Mehr als die Hälfte der in China verkauften Neufahrzeuge sind E-Autos und Plug-in-Hybride (New Energy Vehicles). In Norwegen waren fast 90 Prozent der 2024 verkauften Neuwagen vollelektrische Fahrzeuge. Zwar dominieren fossile Brennstoffe weiterhin das bestehende System, aber in der gerade im Aufbau begriffenen Zukunft haben sie keinen Platz mehr. Die Wirtschaftlichkeit sauberer Energien hat sich bereits durchgesetzt. Der kumulative Effekt ist unverkennbar. Der Kostenvorteil kohlenstoffarmer Systeme ist mittlerweile struktureller und nicht mehr zyklischer Art.
Darüber hinaus geht es bei der wirtschaftlichen Transformation nicht nur um Energie. Die globale Bioökonomie – Wirtschaftssektoren, die erneuerbare biologische Ressourcen für Materialien, Energie, Chemikalien und Landwirtschaft nutzen – hat heute einen Wert von etwa 4 Billionen Dollar und wird bis 2050 voraussichtlich auf etwa 30 Billionen Dollar anwachsen. Die Natur wird zu einer Form strategischer Infrastruktur, die Ländern einen Weg zu Dekarbonisierung, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz bietet. Die Zukunft liegt in erneuerbaren biologischen Ressourcen, nicht in nicht nachhaltiger Ausbeutung.
In dieser Hinsicht war die Betonung der Einbeziehung indigener Völker und lokaler Gemeinschaften durch die COP30 nicht nur wegen ihrer Symbolik bedeutsam, sondern auch, weil die Märkte inzwischen erkennen, dass die traditionelle Bewirtschaftung die zunehmend fragilen Ökosysteme – Wälder, Wassereinzugsgebiete, Böden – stützt, von denen unsere Wirtschaft abhängig ist. So wie die Energiemärkte die Kostenkurven neu gestalten, ergreifen auch die naturabhängigen Sektoren Maßnahmen, um ihre wirtschaftliche Anfälligkeit für Risiken wie Störungen der Niederschlagsmuster, Bodenverluste, den Zusammenbruch der Fischbestände und die Küstenerosion zu verringern.
Versicherer ziehen sich aus ganzen Regionen zurück
Diese Reaktionen verändern die Märkte ebenso stark wie Energiepreisschocks. Die Schäden durch Katastrophen nehmen derart schnell zu, dass sich Versicherer aus ganzen Regionen und Produktbereichen zurückziehen. Hitzestress verringert von Südasien bis zum Golf von Mexiko die Produktivität. Von Brasilien bis Indonesien destabilisiert die Entwaldung die Niederschlagsmuster. Landwirtschaft, Fischerei, Tourismus und Schifffahrt müssen immer größere klima- und naturbedingte Verluste verkraften, was zu steigenden Lebensmittelpreisen und wirtschaftlicher Instabilität führt.
Unabhängig von politischen Blockaden sorgen der Klimawandel und die zunehmende Umweltzerstörung für eine unbestreitbare wirtschaftliche Dynamik. Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien werden fossile Brennstoffe noch weniger wettbewerbsfähig. Mit der Degradation der Ökosysteme steigen die finanziellen Belastungen. Zentralbanken, staatliche Kreditgeber, Ratingagenturen und private Investoren haben bereits begonnen, die dürrebedingten Ernteausfälle, überflutete Infrastruktur, erodierende Küsten, zusammenbrechende Fischbestände und andere Risiken zu bepreisen. In vielen Ländern führt der Klimawandel zu höheren Kreditkosten, steigenden Schulden und sinkenden Wachstumserwartungen.
Irgendwann wird der finanzielle Druck so groß werden, dass das, was einst eine politische Entscheidung war, zur wirtschaftlichen Notwendigkeit wird.
Dieses Muster ist nicht neu. Die Supermächte des Kalten Kriegs haben sich nicht aus moralischen Gründen aus dem nuklearen Wettrüsten zurückgezogen, sondern weil die Kosten untragbar und die Risiken zu hoch waren. Die Apartheid endete nicht allein aufgrund politischer Debatten, sondern weil Wirtschaftsinteressen zu dem Schluss kamen, dass das System nicht mehr haltbar war. Wenn sich die Wirtschaft wandelt, folgt die Politik irgendwann nach.
Den Klimawandel zu ignorieren wird immer teurer
Natürlich schmerzt das politische Scheitern der COP30. Aber es verdeutlicht auch eine tiefere Wahrheit: Die Risiken für Klima und Natur materialisieren sich heute schneller, als die politischen Systeme reagieren können. Die heutigen Staats- und Regierungschefs können Verpflichtungen in Bezug auf fossile Brennstoffe und Wälder hinauszögern, aber sie können nicht mit Dürren, zerstörten Ernten, überfluteten Städten oder mit Investoren und Zentralbanken verhandeln, die zunehmend in der Lage sind, die Risiken zu berechnen.
Selbst die Wählerschaft ist der aktuellen Politik voraus. Die Bürger*innen fordern Maßnahmen nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil die wirtschaftlichen Risiken – von extremer Hitze bis zu steigenden Versicherungskosten – ihr eigenes Leben zunehmend beeinträchtigen. Diese Kräfte zu ignorieren wird viel teurer, als jetzt zu handeln. Für Regierungen, Investoren und multilaterale Institutionen ist die Aufgabe klar: Sie müssen sich den realen wirtschaftlichen Gegebenheiten anpassen, oder sie werden von ihnen überholt werden.
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