Zulassung von Glyphosat: Blinde Flecken bei Pestizidprüfern
UN-Experten halten das Ackergift für „wahrscheinlich krebserregend“. Das zuständige Bundesamt hat mehrere Studien über das Mittel ignoriert.
Wie kann das sein? Die deutschen Behörden haben das meist verkaufte Pestizid Glyphosat als sicher eingestuft. Doch die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation hält das Unkrautvernichtungsmittel für „wahrscheinlich krebserregend“. Ein Teil der Antwort lautet: Weil die Prüfer beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mehrere Studien nicht berücksichtigten, mit denen die IARC-Experten ihr Urteil über Glyphosat begründen.
Das BfR hatte die Gesundheitsrisiken in einem bisher nicht publizierten Bericht von Dezember 2014 für die EU analysiert. Anlass war der Antrag des US-Herstellers Monsanto auf Wiederzulassung des Pestizids, dessen aktuelle Genehmigung Ende 2015 ausläuft. Ergebnis: Keine Hinweise auf eine krebserzeugende Wirkung, Glyphosat sei „nicht giftiger als bisher angenommen“. Das war der letzte BfR-Bericht, bevor die IARC ihr anders lautendes Fazit im vergangenen März veröffentlichte.
Nur „die meisten“ epidemiologischen Studien, mit denen die IARC ihre Einschätzung begründet, habe das BfR in seinem Bericht berücksichtigt, antwortete die Behörde nun auf eine Frage der taz. Und weiter: „Es wurden jedoch nicht alle mechanistischen und anderen Studien analysiert, die die IARC ihrem Bericht in Kapitel 4 zugrunde legt.“ In diesem Abschnitt untersuchen die Forscher der UN-Agentur in Lyon die Mechanismen der Krebsentstehung durch Glyphosat.
Genau welche Studien das BfR berücksichtigt hat, hält das Amt geheim – um den „behördlichen Entscheidungsprozess auf europäischer Ebene“ nicht zu behindern.
„Es werden alle diejenigen Studien ausgemustert, die dem Stoff gefährlich werden können. Das stinkt zum Himmel“, sagte Harald Ebner, Gentechnik-Experte der Grünen-Bundestagsfraktion, der taz. „Ob Schlamperei oder interessengeleitet – sachgerecht ist es auf jeden Fall nicht.“ Ebner wirft dem BfR schon lange personelle Verbindungen zur Industrie vor.
Heike Moldenhauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) zeigte sich „überrascht“ von der Antwort der BfR-Sprecher: „Sie erwecken ja immer den Eindruck, dass ihnen keine Daten durch die Lappen gehen.“ Tatsächlich schreibt das Amt auf seiner Internetseite, dass es „grundsätzlich alle verfügbaren, publizierten Studien“ einbeziehe – im Falle Glyphosat seien es mehr als 1.000 Quellen gewesen. „Aber hier sind ihnen offenbar entscheidende Informationen durch ihr eigenes Raster gefallen“, so Moldenhauer. Deshalb müsse das BfR dringend die Kriterien überprüfen, nach denen es vorgehe.
„Nähe zwischen Industrie und Behörden“
Die Umweltschützerin kritisierte auch, dass die Pestizidhersteller sich selbst aussuchen dürften, welcher Staat für die EU die Risiken prüft. Bei Glyphosat habe Deutschland das nun sogar schon bei mehreren Zulassungsanträgen übernommen. „So kann über Jahre zu viel Nähe zwischen Industrie und Behördenmitarbeitern entstehen.“
Das BfR erklärte in einer Stellungnahme für die taz, es arbeite „stets wissenschaftlich fundiert und mit höchster Sorgfalt“. Bei den mechanistischen und anderen Studien, die das IARC zitiert, werde Glyphosat „häufig“ nicht allein, sondern in Verbindung mit anderen Chemikalien verwendet. Glyphosat ist der Hauptwirkstoff, der in handelsüblichen Pestiziden wie Monsantos RoundUp kombiniert wird mit anderen Substanzen. Weil diese Beistoffe giftiger sein könnten als Glyphosat, sei die Aussagekraft solcher Studien „für die reine Wirkstoffprüfung im Rahmen des EU-Genehmigungsverfahrens gering“.
„Häufig“ sei aber eben nicht „immer“, sagt Umweltschützerin Moldenhauer dazu. Ergebnisse aus Versuchen mit glyphosathaltigen Mitteln könnten sehr wohl Anhaltspunkte für einen ernstzunehmenden Verdacht liefern. „Die Studien“, so die Aktivistin, „hätten zumindest im Quellenverzeichnis des BfR-Berichts auftauchen müssen.“
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