Zeitenwende in der Industrie: Immer neue Geschäftsmodelle mit Rüstung
Mehr Unternehmen steigen in die Rüstungsproduktion ein. So könnte DHL für die Ukraine Güter versenden, Vonovia will Soldatenwohnungen bauen.
Foto: Robert Michael/dpa
Die Gewinnaussichten im Rüstungssektor infolge des Ukrainekrieges rufen immer mehr Unternehmen auf den Plan, die auch ein Stück vom Kuchen wollen. So hält sich die DHL Group offenbar nicht mehr nur mit dem Transport von zivilen Päckchen und Paketen auf. Das deutsche Post- und Logistikunternehmen hat sich offenbar auf einer Rüstungsmesse in Polen danach erkundigt, wie man denn die Ukraine beim Export von Rüstungsgütern unterstützen könne, das berichtet jedenfalls das Handelsblatt.
Demnach ist die Ukraine wohl nach mehr als vier Jahren Krieg inzwischen so weit, dass sie nicht mehr alle im Land hergestellte militärische Technik und Ausrüstung selbst braucht, um die russische Aggression zu bekämpfen – sie kann auch für den Export und damit gewinnbringend produzieren. Bisher laufen solche Ausfuhren über Polen, aber die DHL ist wohl daran interessiert, neue Wege zu erschließen, etwa über Rumänien und das Schwarze Meer. Das Unternehmen selbst wollte dazu keine Stellung nehmen.
Es wäre aber wohl nicht das erste Mal, dass DHL für Rüstungskonzerne logistisch tätig wird. Das zeigt jedenfalls ein Prozess vor dem Arbeitsgericht Leipzig im Juli, den das Unternehmen verloren hat. Darin ging es um einen Mitarbeiter. Er hatte öffentlich kritisiert, dass Waffenlieferungen für Rheinmetall über das DHL-Luftfrachtdrehkreuz in Leipzig gelaufen waren. DHL hatte ihm sofort gekündigt, aber das Arbeitsgericht kassierte die Kündigung wieder mit Verweis auf die Meinungsfreiheit des Verdi-Vertrauensmanns.
Statt Autos und Zügen jetzt Panzer
DHL ist nicht das einzige Beispiel dafür, wie Unternehmen mit bisher ziviler Produktion neue militärische Geschäftsfelder erschließen können. Manche Werke werden sogar gleich ganz auf Rüstung umgestellt: Das VW-Werk in Osnabrück zum Beispiel wurde kürzlich an israelische Investoren verkauft und soll künftig Komponenten für das Flugabwehrsystem „Iron Dome“ produzieren, dessen Hersteller Rafael Advanced Defense Systems einer der neuen Werksbesitzer in Osnabrück ist.
Und im sächsischen Görlitz werden heute Panzer statt Züge produziert. Die Umstellung gehe erfolgreich voran, meldete der neue Besitzer KNDS Deutschland im Juni, der den Standort ein Jahr zuvor von dem Unternehmen Alstom übernommen hatte.
Wohnungen für Soldaten
Auch der Wohnungskonzern Vonovia hat ein Auge auf die Zeitenwende-Milliarden geworfen. Dessen 130.000 Wohnungen in der Hauptstadt könnten nach dem Linken-Wahlsieg möglicherweise tatsächlich vergesellschaftet werden, wie es Berlin 2021 in einem Volksentscheid mehrheitlich gefordert hatte. Also müssen andere Geschäftsmodelle her: Das Unternehmen könne schnell Soldatenwohnungen bauen, warb Vorstandschef Luka Mucic im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Die Personalstärke der Bundeswehr liegt derzeit bei 187.000 Soldatinnen und Soldaten, künftig sollen es aber mindestens 260.000 werden. Und da könnte es gerade in Städten wie Berlin für die Bundeswehr schwer werden, geeigneten Wohnraum zu finden, rechnet Vonovia vor. Das Unternehmen bietet dem deutschen Militär daher „seriellen Neubau in ausgewiesenen Wohngebieten“ an. Die Bundeswehr-Spitze und das Verteidigungsministerium seien bereits über das Angebot informiert und müssten jetzt entscheiden, so Mucic.
Zu wenig neue Arbeitsplätze
Eine Lösung für die Krise der deutschen Wirtschaft ist das Abgreifen von Rüstungsaufträgen allerdings bisher nicht: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat gerade errechnet, dass Militäraufträge die Jobverluste in zivilen Brachen bislang kaum ersetzen konnten.
Derzeit gingen in der deutschen Industrie monatlich rund 15.000 Arbeitsplätze verloren, so die Forschenden. Dabei seien im vergangenen Jahr nur rund 1.100 Beschäftigte in die Rüstungsindustrie gewechselt. 23.000 Industriebeschäftigte seien dagegen in die öffentliche Verwaltung oder Sozialversicherung gegangen. (mit dpa)
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