Pädophilie in Frankreich: Beredtes Schweigen

Vorzeigelinker Olivier Duhamel soll seinem Stiefsohn sexualisierte Gewalt angetan haben. Der Skandal regt französische Intellektuelle auf.

Ein Mann liest das Buch "La Familia Grande"

Mit ihrem Buch „La familia grande“ hat Camille Kouchner den Missbrauch öffentlich gemacht Foto: Thomas Samson/AFP/dpa

PARIS taz | „Da ich persönlich angegriffen werde und die Institutionen, für die ich arbeite, schützen möchte, beende ich meine Tätigkeiten.“ Das ist alles, was der bekannte französische Politologe Olivier Duhamel (70) zu den schwerwiegenden Pädophilie-Enthüllungen seiner Stieftochter Camille Kouchner gesagt hat.

Seither schweigt er. Um eine Art „Omertà“, das beschämte Verschweigen durch die Eingeweihten, in einer Pariser Patchworkfamilie geht es im Buch „La Familia grande“, das am Donnerstag im Verlag Seuil erschienen ist.

Die 45-jährige Anwältin beschreibt darin, was alle im familiären Umkreis längst wussten: Ihr Stiefvater Olivier Duhamel habe vor mehr als dreißig Jahren ihren Zwillingsbruder, den sie im Buch „Victor“ nennt, zu oralem Sex gezwungen, als er 13 oder 14 Jahre alt war.

Für die Justiz ist der mutmaßliche Straftatbestand höchstwahrscheinlich verjährt. Für das Opfer der sexuellen Aggression aber bleibt der Schaden ein Leben lang. „Verstehst du, welche Ängste uns seither quälen?“, fragt die Autorin im Buch ihren Stiefvater, der als Politologe, sozialistischer EU-Parlamentarier und regelmäßiger Fernsehkommentator eine „Figur“ der linken Intelligenzija in Paris war.

Schmutzige Wäsche

In diesem „Kaviarlinke“ genannten Prominentenmilieu wird die schmutzige Wäsche hinter verschlossenen Türen gewaschen. „Victor“ selber wollte, wie viele andere Opfer auch, lange nichts sagen. Seine 2017 verstorbene Mutter, die schwere Alkoholprobleme hatte, stellte sich hinter den Täter und wollte jedes Aufsehen vermeiden.

Nur die Tante, die Schauspielerin Marie-France Pisier, wollte den Skandal publik machen, aber sie ertrank 2011 in einem Pool – angeblich war es ein Suizid. Der abwesende Vater, der humanitäre „French Doctor“ und sozialistische Minister Bernard Kouchner, wollte, als er die ganze Wahrheit erfuhr, Duhamel verprügeln, dann schwieg auch er. Heute gratuliert er seiner Tochter zu ihrem „Mut“: „Zu lange lastete dieses schwere Geheimnis auf uns, jetzt ist es zum Glück gelüftet.“

Das Intellektuellenpaar Duhamel-Pisier war in der Vergangenheit in einer Villa im südfranzösischen Sanary das Zentrum einer linken Schickeria, zu der viele Prominente zählten, die jetzt nur beten können, dass ihr Name nicht fällt.

Zu dieser großen „Familia“ von Angehörigen und Freunden gehört auch die frühere Europaministerin Elisabeth Guigou. „Wir alle leben im Umkreis von Opfern und Angreifern, ohne es zu wissen. Ich bin keine Ausnahme“, rechtfertigt sich die Sozialistin, die seit dem 10. Dezember 2020 eine unabhängige Kommission zu Untersuchung von Inzest und sexueller Gewalt gegen Kinder leitet.

Rücktritt gefordert

Der Leiter der von Duhamel maßgeblich beeinflussten Pariser Politologie-Hochburg Sciences-Po, Frédéric Mion, dementierte zuerst, musste dann aber gestehen, dass er 2019 von der Ex-Kulturministerin Aurélie Filippetti vor Duhamel explizit gewarnt worden war. Am Donnerstag forderten Studierende der Hochschule bei einer Demonstration Mions Rücktritt.

Wie 2019 beim Erscheinen von Vanessa Springoras Buch „Le Consentement“ über den pädophilen Schriftsteller Gabriel Matzneff herrscht Panik unter ehemaligen Bewunderern, die befürchten, wegen ihrer sträflichen Mitwisserschaft angeprangert zu werden.

Der Skandal Duhamel zieht Kreise: Auf Twitter wird in Erinnerung gerufen, dass Bernard Kouchner, von dem die Tochter schreibt, er habe die Kinder „mit seinen Wutanfällen terrorisiert“, neben mehr als 60 anderen linken Intellektuellen zu den Unterzeichnern einer von Matzneff 1977 verfassten Pro-Pädophilie-Petition zählte, was er heute als „Dummheit“ bedauert. Die Abrechnung findet nicht vor Gericht, sondern in den Netzwerken statt.

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