: Willkommen imPfarrhaus
Für Geflüchtete ist das Kirchenasyl oft die letzte Hoffnung. Doch politisch gerät es immer stärker unter Druck. Zu Besuch in zwei Gemeinden, wo Menschen Schutz gefunden haben
Aus Köln und Fehmarn Lena Reich
Zwei Kleinkinder düsen mit Rollern durch den Kirchensaal. Ritta Seno beobachtet das Spiel. Als die Kleinen an ihr vorbeiflitzen, breitet die junge Frau mit Locken die Arme aus. Wie selbstverständlich lässt eines der Kinder den Roller fallen, rennt auf Seno zu und lässt sich herumwirbeln. „Wusste ich doch. Das macht allen Spaß!“, sagt sie und lacht. Danach setzt die Syrerin das Kind behutsam auf dem Boden ab und schreitet den Flur entlang.
Sie will wissen, was aus der Kirche in Köln-Bilderstöckchen geworden ist, in der sie einige Monate lang Asyl fand. Im umfunktionierten Küsterbüro, in dem sie vor rund vier Jahren geschlafen hat, steht noch immer ein Bett, darüber ein kleines Regal. Am Fußende liegt eine weitere Matratze auf dem Boden. Vielleicht sechs Quadratmeter misst der Raum, in dem eine sechsköpfige Familie schläft, die aus Afghanistan über die Türkei geflohen ist. „Es ist klein, aber es ist das Beste, was mir je in meinem Leben passiert ist“, sagt die 22-Jährige. Ritta Seno nickt dabei so heftig, dass ihre Haare wippen.
Ein Akt der Solidarität europäischer Kirchen
Über 2.000 Geflüchtete lebten 2025 in Deutschland in ehemaligen Küsterbüros oder Pfarrwohnungen der evangelischen und katholischen Kirche im Kirchenasyl. Unter ihnen Hunderte Kinder. Die meisten kommen aus Syrien, Afghanistan und Irak. Pastorinnen, Pfarrer und ihre Gemeindemitglieder bewahren sie damit vor einer Abschiebung in EU-Ersteinreiseländer. Ein Akt der Solidarität, den es in nur wenigen Ländern der EU gibt und der immer wieder in Kritik gerät, weil er angeblich gängiges EU-Recht unterwandere. Es gab bereits prominente Kirchenaustritte, wie den des SPD-Politikers und ehemaligen Staatssekretärs im Bundesjustizministerium, Christian Lange. Er meinte, die Kirche würde so der AfD in die Hand spielen. In Sachsen-Anhalt könnte das Kirchenasyl gänzlich gestoppt werden, sollte es dort eine AfD-geführte Regierung geben. Dabei hat das Kirchenasyl keine rechtliche Grundlage, die in Gesetzen niedergeschrieben wäre. Es ist ein stiller Kompromiss zwischen dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und christlichen Kirchengemeinden, wie etwa in Köln-Bilderstöckchen und auf Fehmarn, die die Autorin besucht hat.
„Es ist ja nicht so, dass ein Schwerstkrimineller an die Tür klopft, und wir den verstecken.“, sagt Reinhild Widdig, Pfarrerin der Nathanael-Kirche in Köln-Bilderstöckchen, und schaut dabei vom Flur aus in das ehemalige Besprechungszimmer. Darin stehen drei Wäscheständer und vier Kühlschränke, die die Gemeinde angeschafft hat. Bis zu zehn Kirchenasyl-Gäste finden mittlerweile in der Kirche Platz.
Vor der Fensterfront, die den Blick in den anliegenden Garten freigibt, steht ein Sofa. „Die Menschen, die hierherkommen, sind erschöpft und voller Angst.“ Seit knapp zehn Jahren betreut die Pfarrerin die Schutzsuchenden. In der Regel sind es Geflüchtete, denen eine Abschiebung oder eine Überstellung nach der Dublin-III-Verordnung droht, weil sie ihren Asylantrag bereits in einem anderen EU-Land gestellt haben. Die Flüchtlingsbeauftragten der jeweiligen Landeskirchen legen dem Bamf ein Dossier vor, das belegt, dass eine Rückführung den Menschen nicht zumutbar wäre. Wenn die Behörde einwilligt, gilt das Kirchenasyl so lange, bis die Abschiebefrist für die Menschen abgelaufen ist. In der Regel sind das sechs Monate. „Nach dem Ablaufen dieser Frist ist es, als hätte sich der Himmel aufgetan und der Mensch sei auf deutschen Boden gefallen“, fasst Widdig zusammen. Dann wird der Asylantrag in Deutschland bearbeitet.
Die Endfünfzigerin wirft einen liebevollen Blick auf Ritta Seno. „Es ist immer schön zu sehen, in welch rascher Zeit sich hier die Menschen erholen.“ Die Flucht war für Seno eine harte Zeit. „Was ich dort erlebt habe, muss ich aus meiner Erinnerung löschen. Ein Glück muss ich nicht wieder zurück.“
Sie schüttelt den Kopf, als wolle sie die Gedanken daran vertreiben, und geht auf die andere Seite des Flurs. Behutsam klopft sie an die Tür des ehemaligen Archivs. „Can I come in?“, fragt sie behutsam. Eine zierliche Frau öffnet die Tür. Sie lächelt aus dunkelbraunen Augen. Das Tuch hat sie lässig über den Kopf gelegt. „Da bist du ja“, freut sich Aissatou und küsst Ritta Seno auf beide Wangen. In ihrem Zimmer, dem umgebauten Archiv der Kirche, befinden sich eine schmale Matratze, ein Sofa, ein Schrank. Auf dem Regal steht eine rote Blume aus Legosteinen. An den Wänden hängen leere Bilderrahmen. „Da müssen wir dringend was reinmachen!“, findet Seno. Aissatou nickt erfreut. Die beiden haben sich erst wenige Male gesehen, aber sie mochten sich auf Anhieb. Ritta Seno kommt immer wieder vorbei, um Zeit mit den Asylgästen zu verbringen, zu kochen oder Karten zu spielen.
Eine Auflage ist, dass die Schutzsuchenden in der Zeit des Kirchenasyls nur in wenigen Ausnahmefällen das Gelände verlassen dürfen. „Das ist nicht leicht“, sagt Aissatou. Weil ihr Antrag nicht rechtzeitig eingegangen ist, wurde ihre Überstellungsfrist auf 18 Monate verlängert. „So komme ich aber zur Ruhe“, erzählt sie. Die 20-Jährige ist vor einer Zwangsheirat geflohen, aus einem Land in Westafrika, das sie aus Angst vor ihrer Familie nicht nennen will. Allein hat sie sich über das Mittelmeer nach Spanien gekämpft, wo sie einen Antrag auf Asyl stellte, bevor sie dann doch weiter nach Deutschland floh. Dass sie auf all ihren Stationen sexuelle Gewalt erfahren hat, steht in ihrem Härtefall-Dossier, das dem Bamf vorliegt. Aissatou möchte online nicht auffindbar sein, deshalb wurde ihr Name von der Redaktion geändert. Über ihre Erfahrungen will Aissatou auch nicht sprechen. Stattdessen sagt sie: „Hier im Kirchenasyl fühle ich mich das erste Mal in meinem Leben sicher.“
„So etwas hören wir leider viel zu oft“, sagt Jan Niklas Collet. Die Mehrheit der Menschen, die Asyl in Deutschland beantragen, hat sehr viel Gewalt erfahren. Hinzu kommt der Stress in den großen Sammelunterkünften, in denen viel zu wenig Platz für alle ist und viel zu wenig Fachkräfte für ein gutes Ankommen sorgen können.
„Umso wichtiger ist es, dass wir einen sicheren Raum bieten und fachlich unterstützen.“ Collet ist einer von drei Sozialberatern beim „Zuflucht“-Projekt. Um noch mehr Geflüchtete in der Kirche aufnehmen zu können, wurde ein alter gebrauchter Wohnwagen gekauft. Er steht im Garten. In ein paar Tagen sollen hier zwei uigurische Frauen einziehen.
Jan Niklas Collet, Sozialberater
Pushbacks an der EU-Außengrenze
Das Kirchenasyl rettete Ritta Seno und ihren Vater vor der Rückführung in ihr Ersteinreiseland. Gemeinsam waren sie von Syrien über Moskau nach Minsk geflohen, wo sie von einem Schleuserteam an die EU-Außengrenze nach Polen gefahren wurden. Die beiden erlebten Pushbacks, schliefen mehrere Wochen im Wald nahe der Grenze. „Ich wusste nicht, wie Wildschweine aussehen, aber ich habe ihr Schnaufen im dunklen Wald gehört“ erinnert sie sich. „Aber Papa hat gesagt: Alles o. k.“ Auf ihrem Smartphone zeigt sie ein Bild von sich, umgeben von Dutzenden anderen Geflohenen, sie sieht erschöpft aus. Seno und ihr Vater wurden von der polnischen Polizei aufgegriffen und ins Flüchtlingslager in Białystok gebracht. Ein Areal, das von meterhohen Mauern, Zäunen und Stacheldraht umgeben ist und das schon seit Längerem in der Kritik steht. Journalisten und NGO-Mitarbeiter haben keinen Zugang. Was drinnen passiert, erfährt man nur aus Augenzeugenberichten.
Bei der Erinnerung daran erschaudert Ritta Seno. „Wir waren eingesperrt. Wir wurden den ganzen Tag bewacht. Wir wussten nicht, wie lange das so gehen wird. Wir haben versucht, einfach den Tag hinter uns zu bringen. Ich hatte sehr schlechte Träume in der Zeit.“ Das sonst so quirlige Mädchen, das dem Personal beim Übersetzen hilft, wird immer stiller. Nach zwei Monaten ist Ritta Seno so apathisch, dass der leitende Arzt ihre sofortige Entlassung anordnet. Vater und Tochter ziehen weiter nach Deutschland. Fragt man heute ihren Vater nach dieser Zeit, steigen ihm die Tränen in die Augen. „Ich hatte große Angst um meine Tochter. Aber ich durfte keine Schwäche zeigen. Ich wollte eine Zukunft für uns alle.“Während Ritta Seno und Aissatou Selfies vor einem Billardtisch machen, sitzt Collet, promovierter Theologe in rosa Hoodie, einige Meter weiter an einem Tisch.
Im Kirchensaal, wo weiterhin Gottesdienste und Chorproben stattfinden, hört er sich die Sorgen der Kirchenbewohner an. Vor dem Mittdreißiger sitzt ein Paar aus Afghanistan, das der usbekischen Minderheit angehört. Die Kinder wuseln zwischen den Stühlen. Ein zwei Monate altes Baby schläft im Kinderwagen. Collet, der Altgriechisch, Latein und Hebräisch beherrscht, zieht sein Handy aus der Tasche und öffnet eine Übersetzungsapp. „Ich wollte euch erst mal fragen, wie es euch in den letzten Wochen hier gegangen ist“, sagt er. Die Frage wird ins Türkische übersetzt. Der Mann, Mitte zwanzig, hört, spricht etwas ins Handy. Dann reicht er es wieder an Collet. Eine halbe Minute später antwortet die App: „Vielen Dank. Uns geht es gut. Den Kindern fehlt nichts. Nur ein bisschen Bildung.“ Collet antwortet, dass er einen Schulplatz organisieren wird, und erkundigt sich nach der Gesundheit. „Fast alle Menschen, die hier ankommen, haben irgendwelche medizinischen Anliegen. Und das kommt meist nicht im ersten Gespräch raus, sondern es dauert ein bisschen. Das braucht Vertrauen“, sagt Collet. Knieprobleme, Panikattacken, ausbleibende Periode. Ein Helferkreis, zu dem auch Ärzte gehören, würde dann eingeschaltet.
Um die fünfzig Euro kostet ein Kirchenasylplatz etwa in der Woche. Weil die Geflohenen keine staatliche Unterstützung bekommen, sind die Gemeinden auf Spenden angewiesen. Damit ein Kirchenasyl für die Geflüchteten zu einer guten Zeit wird, braucht es aber auch die Unterstützung der Ehrenamtlichen. In Köln-Bilderstöckchen sind es rund 40 Menschen, die mit den Bewohnern spielen, kochen und Deutsch unterrichten. Aissatou, die am liebsten eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester machen würde, verbringt den Alltag vor allem mit Lernen und Lesen. Auch Ritta Seno und ihr Vater haben im Kirchenasyl Deutsch gelernt. „Ich konnte mich hier das erste Mal richtig konzentrieren.“
Zusammenhalt auf der Insel Fehmarn
Knapp 550 Kilometer entfernt auf Fehmarn steht in Burg die St.-Nikolai-Kirche, zu der ein Pfarrhaus und ein Gemeindehaus aus rotem Backstein sowie ein Friedhof gehören.
Hier lebt seit fünf Monaten eine vierköpfige Familie im Kirchenasyl. Früh am Morgen presst die Mutter einen Karottensaft, ein altes Familienrezept aus Afghanistan. Während für die achtjährige Nasrin die Schulpflicht gilt, muss die 17-jährige Laila zu Hause bleiben. Beide heißen eigentlich anders, aber weil sie sich im Asylprozess mit ungewissem Ausgang befinden, wurden ihre Namen geändert. Den Tag vertreibt sich Laila mit Kochen, Lesen und Deutschlernen. Vor dem Kirchenasyl hatte Laila auf einer Berufsschule eine Integrationsklasse besucht und vier Stunden täglich Deutsch gelernt. Dreimal pro Woche kommen nun Unterstützer in die Kirche und bringen ihr die Sprache weiter bei. Laila träumt davon, in Deutschland zu bleiben, Jura zu studieren und einen Führerschein zu machen. Dinge, die unter den Taliban in Afghanistan undenkbar wären.
Die Chance, dass die Geflohenen nach dem Ende des Kirchenasyls in Deutschland bleiben dürfen, liegt bei über 80 Prozent. In Nordrhein-Westfalen bekommen Geflüchtete am häufigsten Asyl in einem Gotteshaus, dicht gefolgt von Hessen und Bayern. Unterdessen ist die Nordkirche in den letzten Jahren immer mehr in Bedrängnis geraten. In Schwerin wurde Ende 2023 eine Kirche geräumt. In Hamburg wurde 2024 ein Afghane aus einem Kirchenasyl nach Schweden abgeschoben. Das Kirchenasyl schützt nur so lange vor einer Abschiebung, wie sich die Behörden an die informelle Abmachung halten. Der Staat hat jederzeit das Recht, in Kirchen, Pfarr- und Gemeindehäuser einzudringen und die Menschen herauszuholen.
Im Frühjahr 2025 sollte dieses Recht auch in Burg auf Fehmarn durchgesetzt werden. Justizangestellte aus Schleswig-Holstein waren vom Festland unterwegs auf die Ostseeinsel und wollten das Kirchenasyl zweier iranischer Frauen auflösen. Unterstützerin Jutta Paetow ist immer noch aufgewühlt, wenn sie an jene Nacht zurückdenkt. Gemeinsam mit anderen Unterstützern brachte sie die beiden Frauen vom Pfarrhaus in die Sakristei der St.-Nikolai-Kirche: „Wir hatten eine Pinnwand aufgestellt. Auf der einen Seite standen zwei Feldbetten. Und auf der anderen hatte jemand auf die Schnelle eine Campingtoilette aufgestellt“, erzählt Paetow. Auch Gesine Hansen vom Kirchengemeinderat ist die Nacht in Erinnerung geblieben. „Ich habe hier gesessen und den beiden die Hand gehalten. Und die haben einfach nur bitterlich geweint. Aber sie wussten, wir sind da und wir schützen sie.“ Bis zum nächsten Morgen hielten ein Dutzend Menschen abwechselnd Wache. Die Pastorin der Gemeinde, Susanne Platzhoff, redete mit den Justizangestellten und verwies auf den fehlenden Durchsuchungsbeschluss. Mit Erfolg. Die Iranerinnen durften bleiben. „Ich habe genau das getan, wofür ich mit meinem christlichen Glauben stehe, weil ich das einfach als richtig erkannt habe. Das ist für mich vielleicht so eine Art Martin-Luther-Moment, also: Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“
Dieser Zwischenfall hat die Menschen auf Fehmarn zusammengeschweißt. Die Gemeinde in Burg hat in den vergangenen drei Jahren rund 70 Menschen aus Afghanistan, Irak, Iran und anderen Ländern aufgenommen. In dem Pfarrhaus, das zuvor über Jahre leer gestanden hatte, wohnt auch Lailas Familie. Die Kirche verzeichnet sinkende Mitgliederzahlen. Viele Gemeinden fusionieren, immer mehr Kirchengebäude bleiben ungenutzt. Mit dem Kirchenasyl hat sich die Gemeinde in Burg ein wenig neu erfunden. „Das gefällt nicht allen, aber viele Menschen suchen auch das Gespräch und stellen fest, dass sie viel gemein haben“, sagt Pastorin Platzhoff. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Bettina Axt und dem Kirchengemeinderat hat sie die Öffnung angestoßen. Auch die zur muslimischen Community. Die hält ihr Freitagsgebet seit einiger Zeit im Gemeindehaus ab. In diesem Jahr haben sie hier auch das erste Mal das Fastenbrechen gefeiert. Für Laila ist das eine Möglichkeit, auch andere Mädchen in ihrem Alter zu treffen. Mit einer Irakerin, die ebenfalls im Kirchenasyl lebte, und einer türkischen Bäckerin nutzt sie die Möglichkeit, die deutsche Sprache zu üben.
Neue Gesetze und weniger Plätze
Fotos: Kobalt Documentary GmbH
Zurück in Köln: Neben seinem Job als Sozialberater arbeitet Jan Niklas Collet auch beim Netzwerk Asyl in der Kirche. Das Büro liegt im „Haus der Evangelischen Kirche“ in Köln, einem weißen flachen Neubau. Auf den Schreibtischen stehen Mate-Flaschen. Ein selbstgemaltes Bild ziert einen Computer: ein Strichmännchen mit einem Dach über dem Kopf. „Danke“ steht in krakeliger Schrift daneben. Das Netzwerk organisiert Kirchenasyle in Nordrhein-Westfalen. Auch Ritta Seno und Aissatou haben hier um Hilfe gebeten. Über 50 Anfragen erhält das Team um Collet wöchentlich. Nur den wenigsten kann er überhaupt helfen. Zwar wurden in den ersten fünf Monaten dieses Jahres bereits 91 Personen untergebracht, doch das Team sorgt sich über die Auswirkungen der neuen EU-Asylgesetze (Geas). Die Abschiebefrist zum EU-Ersteinreiseland wurde von 6 auf 36 Monate verlängert, wenn die Person als flüchtig gilt. Bei Menschen im Kirchenasyl wird das grundsätzlich angenommen. So lange müssen Geflüchtete nun also im Kirchenasyl bleiben, damit der Antrag auf Asyl in Deutschland geprüft werden kann. Es wird in den Gemeinden also weniger Plätze geben. „Für viele Geflüchtete bedeutet das, dass sie dann untertauchen, sich verstecken, irgendwie durchschlagen, auf eigene Faust versuchen, diese 36 Monate in Deutschland rumzubringen“, sagt Collet, „mit Solidarität haben die neuen EU-Gesetze nichts zu tun“. Wieder einmal wird das Kirchenasyl neu erfunden werden müssen. Collet ist zuversichtlich. Der Weg werde sich noch zeigen.
Die Stimmung in der Nathanael-Kirche wirkt heiter. Ein Mann klimpert auf einem Klavier. Es riecht nach Minze und Zwiebeln. Ritta Seno hat eingekauft und mit den Bewohnerinnen und fünf Ehrenamtlichen in der Küche gekocht. Aissatou und die Usbekin tragen Töpfe mit Gerichten aus Afghanistan und China in den Gemeindesaal. Ritta Seno schaut zufrieden in die Runde.
„Ich bin wirklich sehr dankbar, dass ich die Chance für einen Neuanfang bekommen habe. Jeder Mensch hat das Recht darauf.“ Ohne das Kirchenasyl wäre sie nach Polen abgeschoben worden, hätte sie nicht ihre Familie nachholen können, würde sie nicht als Sozialarbeiterin und ihr Vater nicht als Busfahrer arbeiten. „So können wir dem Land auch was zurückgeben.“
Lena Reich, die Autorin dieses Textes, ist auch Autorin und Regisseurin einer TV-Dokumentation zum Thema Kirchenasyl. Diese ist derzeit in der Arte-Mediathek unter dem Titel„Re: Asyl im Gotteshaus“ abrufbar.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen