Foto: Timo Krügener
Migrantische Selbstorganisation: Das Megafon selbst in die Hand nehmen
In linken Aktionsbündnissen sind Geflüchtete unterrepäsentiert. Woran das liegt und wie das Netzwerk We’llcome United das ändern will.
E s ist ein kalter Julimorgen, als Mohamed Muridi sich gemeinsam mit den Aktivist*innen von We’llcome United auf den Weg zur Demo in Erfurt macht. Es ist halb sechs, zum Frühstück gab es nur schnell einen Apfel, die meisten haben nur wenige Stunden geschlafen. Trotzdem ist die Stimmung kämpferisch. Für einige ist es die erste Demo ihres Lebens.
Für Muridi, der vor sechs Jahren aus Somalia nach Deutschland geflüchtet ist, ist es nicht seine erste Demo. Er engagiert sich in Würzburg, wo er lebt, bei unterschiedlichen Gruppen und hat bereits einige Protesterfahrungen gesammelt. Am Samstagmorgen ist er dennoch sehr gespannt, denn auf so einer großen Demo war er bisher noch nicht. Es ist die versuchte Blockade gegen den AfD-Bundesparteitag, die am Ende scheitern wird, aber rund 50.000 Menschen zum weitgehend friedlichen Protest gegen die Rechtspopulisten auf die Straßen treiben wird.
Einige Wochen vor der Demonstration in Erfurt war sich Muridi noch nicht sicher, ob er überhaupt teilnehmen würde. Gegen die AfD auf die Straße zu gehen, hält er für wichtig. Gleichzeitig fürchtet er, dass politischer Protest Folgen für sein Asylverfahren haben könnte. „Es besteht diese Angst, dass ich abgeschoben werde, wenn ich zu laut bin“, sagt er.
Die Angst bestimmt die Protestform
Diese Angst bestimmt auch, welche Formen des Protests für ihn infrage kommen. Während Aktivist*innen des Bündnisses Widersetzen versuchen, den AfD-Parteitag mit Blockaden zu stören, mobilisiert We’llcome United gemeinsam mit Widersetzen-Aktivist*innen zu einem antirassistischen Block auf einer angemeldeten Demonstration. Denn das Risiko, wegen einer Blockade ein Strafverfahren zu bekommen, trifft nicht alle Aktivist*innen gleich. Für Menschen mit ungesichertem Aufenthaltsstatus können strafrechtliche Konsequenzen Auswirkungen auf ihren Aufenthalt haben.
Zu Straftatvorwürfen kann es bei Aktionen wie in Erfurt zum Beispiel dann kommen, wenn Polizeiketten durchbrochen werden. Dann kann es vor Gericht unter anderem um Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte oder einem tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte gehen.
Eine Verurteilung zu mehr als 90 Tagessätzen verhindert die Einbürgerung. Die Wahrscheinlichkeit für ein solches Strafmaß ist zwar eher gering, aber auch niedrigere Strafen können Auswirkungen haben, denn mehrere Verurteilungen zu Geld- oder Freiheitsstrafen werden zusammengezählt.
Muridi entscheidet sich für die Teilnahme am antirassistischen Block. Jemand drückt ihm ein Megafon in die Hand. Von da an rufen die beiden gemeinsam ihre Parolen durch die Straßen von Erfurt.
Foto: Timo Krügener
In Somalia, erzählt Muridi, hätte er sich nicht vorstellen können, auf einer Demonstration ein Megafon in die Hand zu nehmen. Heute gehört politisches Engagement zu seinem Alltag. Er beteiligt sich an unterschiedlichen Gruppen und bringt sich in die Plena von We’llcome United in Wiesbaden ein. Die Angst, mit seiner politischen Arbeit den eigenen Aufenthalt zu gefährden, kennt er trotzdem – auch von anderen Geflüchteten.
Zugleich, sagt Muridi, habe er durch sein Engagement Freund*innen gefunden und erfahren, dass er selbst etwas verändern könne. Es sei das Positive, das er einem Leben in Deutschland abgewinnen könne, das er ansonsten als deutlich ablehnender erlebt habe, als er es sich vor seiner Ankunft vorgestellt hat.
We’llcome United will Geflüchteten wie Muridi genau diese Erfahrung der Selbstermächtigung ermöglichen. Bekannt geworden ist das Netzwerk vor allem durch große antirassistische Paraden: In den Jahren 2017 bis 2019 mobilisierte das Netzwerk dafür insgesamt Zehntausende Menschen, 2025 griff es die Aktionsform zum Abschluss einer Karawane für Bewegungsfreiheit wieder auf.
Der politische Alltag von We’llcome United sieht meist unspektakulärer aus als auf einer Großdemonstration. An einem verregneten Mittwoch Anfang Juli stehen einige Aktivist*innen vor einer Erstaufnahmeeinrichtung in Leipzig. Sie haben einen kleinen Stand aufgebaut. Viel los ist an diesem Tag nicht. Nach einem außergewöhnlich heißen Wochenende ist der öffentliche Nahverkehr teilweise ausgefallen.
Manche Bewohner*innen gehen an dem Stand vorbei, ohne stehenzubleiben. Andere beginnen ein Gespräch, erzählen von ihrer Situation oder fragen nach Unterstützung. Einige kennen die Aktivist*innen bereits von früheren Besuchen. Sie bleiben länger, begrüßen Bekannte und versuchen, weitere Bewohner*innen der Unterkunft dazu zu bewegen, nach draußen zu kommen.
Etwa alle zwei Wochen besucht die Leipziger Ortsgruppe eine der Unterkünfte. We’llcome United nennt diese Besuche „Camp Actions“. Die Aktivist*innen vermitteln Beratungsangebote, etwa zu Fragen des Aufenthaltsrechts, und versuchen, über die regelmäßigen Besuche Beziehungen aufzubauen. Dabei geht es ihnen nicht nur darum, Unterstützung anzubieten. Sie wollen Bewohner*innen dafür gewinnen, sich selbst politisch einzubringen.
Politische Arbeit – keine Sozialarbeit
Doro Köhler, die We’llcome United 2016 mitgegründet hat, legt Wert auf diese Unterscheidung. Beratungen zum Bleiberecht, Unterstützung bei Kirchenasyl oder Besuche in Abschiebegefängnissen will sie nicht als Sozialarbeit verstanden wissen. Der Anspruch sei, gemeinsam politisch zu handeln.
Foto: Timo Krügener
Auch für Muridi begann der Weg in den Aktivismus mit einer solchen Einladung. In der Gemeinschaftsunterkunft, in der er damals lebte, entdeckte er eines Tages ein Plakat an seiner Zimmertür. Darauf wurde zu einem Workshop über Abschiebungen eingeladen – und darüber, wie Betroffene sich dagegen wehren können. Muridi ging hin. Dort lernte er Menschen kennen, aus Kontakten wurden Freundschaften, über sie kam er zu weiteren politischen Gruppen.
Mohamed Muridi
Doch eingeladen zu werden, bedeutete für ihn noch lange nicht, überall auch als gleichberechtigter Mitstreiter wahrgenommen zu werden. In einigen Gruppen, erzählt Muridi, sei er vor allem „der Geflüchtete“ geblieben. Zum World Refugee Day habe man ihn etwa gebeten, eine Rede zu halten. In die alltägliche Arbeit und die Strukturen der Gruppen sei er dagegen kaum einbezogen worden.
„Die Menschen trauen uns die Aufgaben nicht zu, oder sind überfordert damit, dass sie uns Abläufe erklären müssen“, sagt Muridi. Dahinter müsse nicht immer eine schlechte Absicht stehen. Das Ergebnis sei trotzdem, dass Geflüchtete zwar gehört würden, aber nicht unbedingt mitentscheiden könnten. „Es ist aber wichtig, dass Aktivist*innen, die zum Thema Rassismus arbeiten, nicht nur Geflüchteten zuhören, sondern ihnen die Möglichkeit geben, aktiv teilzunehmen.“ Damit berührt Muridi eine Frage, die auch We’llcome United selbst betrifft: Wie lässt sich aus Unterstützung tatsächlich gemeinsame politische Arbeit machen?
Die Frage nach der Augenhöhe
Bei einem bundesweiten Treffen von We’llcome United in Frankfurt wird die Frage nach Augenhöhe auch innerhalb des Netzwerks diskutiert. Neben Muridi berichten weitere Menschen mit Migrationsgeschichte davon, dass sie in politischen Kreisen häufig vor allem als Geflüchtete oder Migrant*innen wahrgenommen werden – und weniger als Mitstreiter*innen oder Freund*innen.
Muridi richtet sich dabei auch an die weißen Aktivist*innen im Raum: „Wenn ihr mit Geflüchteten in Kontakt tretet, dann begegnet ihnen als Menschen, als Freundinnen, als Nachbar*innen und nicht nur als Geflüchtete.“ Geflüchtete hätten oft weniger Ressourcen, sich zu engagieren – neben den Herausforderungen, die ihr Alltag sonst noch bereithält. Darüber sei es wichtig, zu reden, sagt Muridi.
Doro Köhler beschäftigt diese Frage auch mit Blick auf ihre eigene Position im Netzwerk. Sie hat We’llcome United 2016 mitgegründet und setzt sich seit Jahrzehnten für Bewegungsfreiheit ein. Als weiße Person ohne eigene Migrationsgeschichte verfügt sie über andere Zugänge und Möglichkeiten als viele ihrer Mitstreiter*innen. Dieser strukturellen Ungleichheit sei sie sich bewusst, sagt sie, und sie müsse in der gemeinsamen politischen Arbeit berücksichtigt werden.
Ihr eigenes Engagement versteht Köhler dabei nicht als Unterstützung für einen Kampf, der sie selbst nichts angeht. „Niemand ist frei, solange nicht alle frei sind. Deshalb kämpfe ich für Veränderung und suche mir dafür all diejenigen als Bündnispartner*innen, die das auch wollen.“
Im Widerstand begegnen
Für Köhler folgt daraus auch eine bestimmte Vorstellung davon, wie Menschen innerhalb von We’llcome United miteinander arbeiten sollen. „Wir begegnen uns hier sehr persönlich im Widerstand gegen rassistische Gesetze und als Freund*innen und nicht in der Rollenverteilung als Unterstützende und Geflüchtete.“
Wie die Gruppe versucht, diesen Anspruch im politischen Alltag umzusetzen, zeigt sich auch im Plenum der Leipziger Ortsgruppe. Damit jede Person in der Sprache sprechen kann, in der sie sich am wohlsten fühlt, gibt es Übersetzer*innen. Am Ende des Plenums steht außerdem eine sogenannte Direct-Support-Runde. Dort wird gefragt, ob jemand aktuell Unterstützung braucht – etwa bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen oder bei der Suche nach einem Sprachkurs.
Muro Akbaba
Ähnliche Erfahrungen wie Muridi hat auch Muro Akbaba gemacht. Der 1987 in Darmstadt geborene Sohn türkischer Gastarbeiter*innen kam schon früh mit politischem Engagement in Berührung: zunächst im alevitischen Kulturverein seiner Eltern, später in der linken Szene. Dort ist er mit Unterbrechungen seit seiner Jugend aktiv, heute bezeichnet er sich als Vollzeitaktivist. Besonders wichtig ist ihm die Vernetzung unterschiedlicher politischer Gruppen. Über die Jahre hat er dadurch Einblick in viele aktivistische Zusammenhänge gewonnen.
In diesen Gruppen hat Akbaba häufig erlebt, was es bedeutet, die einzige Person mit Migrationsgeschichte zu sein. Auch in linken und antirassistischen Netzwerken sei es nicht selbstverständlich, sich mit rassistischen Strukturen in den eigenen Reihen auseinanderzusetzen. „Wir wurden alle in einem System sozialisiert, das von rassistischen Strukturen geprägt ist. Hiermit braucht es eine aktive und selbstkritische Auseinandersetzung“, sagt er.
Der Rassismus in den eigenen Reihen
Solche Reflexionsprozesse anzustoßen, sei allerdings nicht immer leicht. Gerade in politischen Gruppen, die sich selbst als antirassistisch oder antisexistisch verstehen, bestehe teilweise die Überzeugung, dass es Rassismus oder Sexismus in den eigenen Strukturen nicht geben könne. „Wenn ich dann Situationen anspreche, wurde mir nachgesagt, die Dinge zu persönlich zu nehmen. Es sind aber strukturelle Probleme und selbst wenn ich es persönlich nehmen würde, sollte dafür Raum sein.“
Diese Auseinandersetzungen zu führen, sei mühsam, berge aber auch großes Potenzial, sagt Akbaba. Bei We’llcome United erlebe er zumindest die Ambition, Menschen mit Migrationsgeschichte direkt mitwirken zu lassen und sie „nicht als Rohstoff für die eigene Sache zu behandeln“.
Trotzdem halten Muridi und Akbaba es zugleich für wichtig, dass es auch Räume gibt, wo Menschen mit Migrationsgeschichte unter sich sind. Für Akbaba geht es dabei vor allem darum, nicht erst um Teilhabe an bereits bestehenden Strukturen kämpfen zu müssen, sondern selbst über diese Strukturen bestimmen zu können. „Dabei geht es gar nicht um Migras gegen Weiße oder so“, sagt er, „sondern es geht darum, dass wir einen Raum haben, in dem wir zu 100 Prozent die Entscheidungsmacht haben und es geht darum, einen Safer Space zu schaffen.“
„Mein Aktivismus ist ein anderer“
Aus dieser Motivation heraus hat er im August 2025 die Gruppe Migra4Migra in Darmstadt mitgegründet. Die unterschiedlichen politischen Räume – selbstorganisierte und gemeinsame – seien für ihn dabei kein Widerspruch. Die Lebensrealitäten von Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte seien schlicht unterschiedlich. „Mein Aktivismus wird deshalb immer ein anderer sein!“
Wie schwierig es sein kann, unterschiedliche politische Perspektiven in einem gemeinsamen Bündnis zusammenzubringen, erlebt auch We’llcome United. Bei der Nachbesprechung der Anti-AfD-Proteste in Erfurt am folgenden Tag ist die Stimmung unter den Aktivist*innen überwiegend positiv. Gleichzeitig kritisiert die Gruppe in einem Statement gegenüber der taz, dass sie teilweise um ihren Raum kämpfen musste.
So wurde dem antirassistischen Block ein eigener Lautsprecherwagen auf der Demonstration versagt. Nach Angaben von We’llcome United befürchteten die Veranstalter*innen Redebeiträge mit Palästina-Bezug. Die Gruppe kritisiert, dass der antirassistische Block damit unter Generalverdacht gestellt und der Platz für unterschiedliche Perspektiven eingeschränkt worden sei. Die Situation in Gaza sei ein Thema, das gerade auch viele Menschen mit Migrationsgeschichte bewege. In einer Zusammenarbeit mit diesen Gruppen könne es deshalb nicht kategorisch ausgeklammert werden.
Auch, dass Parteien mitliefen bei der Blockade, sorgte bei einigen Aktivist*innen von We’llcome United für Unbehagen. Die Jusos führten eine der Demonstrationen mit Parteifahnen an, auf einer Kundgebung sprachen unter anderem Umweltminister Carsten Schneider von der SPD, der ehemalige Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linken und die ehemalige Vizepräsidentin des Bundestags, Katrin Göring-Eckardt von den Grünen.
„Es war für mich widersprüchlich, Parteien hier präsent zu sehen, die auf Bundesebene für eine politische Linie stehen, die zu meiner Abschiebung führen könnte“, sagt Mohamed Muridi. Für ihn zeigt sich darin erneut, dass der gemeinsame Protest gegen die AfD nicht bedeutet, dass alle Beteiligten dieselben politischen Interessen verfolgen oder Erfahrungen teilen.
Ermutigendes Signal
Trotz dieser Konflikte überwiegt für Muridi wie für die anderen Aktivist*innen von We’llcome United das Positive. Es sei ermutigend gewesen, so viele Menschen im Protest gegen die AfD zu erleben. Muridi erinnert sich vor allem an einen Moment: Als der antirassistische Block am Gothaer Platz an einer Blockade von Widersetzen vorbeizieht, bilden die Aktivist*innen in den gelben Westen ein Spalier. Der Block läuft hindurch, begleitet von lautem Applaus. „Hoch die internationale Solidarität“, rufen die Demonstrierenden.
Für Akbaba, der selbst nicht mit nach Erfurt gekommen ist, entscheidet sich die Bedeutung solcher Aktionen auch daran, was danach passiert. Es komme nicht von ungefähr, dass die AfD inzwischen in Umfragen die stärkste Kraft in Deutschland sei. „Deshalb müssen wir lokal in unserer Nachbarschaft aktiv werden.“ Akbaba meint damit zum Beispiel Bildungsarbeit mit Jugendlichen in den Schulen, Sprachcafés als niedrigschwellige Treffpunkte für Geflüchtete. Demos wie gegen die AfD in Erfurt seien wichtig. Nur könne man sich nicht, sagt er, auf ihnen ausruhen.
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