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Wiederwahl von Jens SpahnKein Erdbeben, aber ein sanftes Grummeln

Anna Lehmann

Kommentar von

Anna Lehmann

Der Fraktionschef der Union Jens Spahn ist mit 86 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden, einen Gegenkandidaten hatte er nicht.

Neuer alter Fraktionschef der Union: Jens Spahn Foto: Michael Kappeler/dpa

W arum sollte irgendjemanden das Wahlergebnis eines Fraktionsvorsitzenden interessieren? Dass Jens Spahn mit 86,5 Prozent erneut zum Chef der Unionsfraktion gewählt wurde, merken sich doch eh nur Nerds oder Hauptstadtjournalist:innen. Stimmt einerseits. Andererseits ist dieses Wahlergebnis auch Seismograf für den Zustand der Union, der tragenden Regierungsfraktion und damit für die Stabilität dieser Regierung. Die Nadel zeigt kein Erdbeben, was gut ist. Aber ein sanftes Grummeln in den Reihen der Union registriert sie schon.

Von 196 abgegebenen Stimmen entfielen 167 Ja-Stimmen auf Spahn. 26 Abgeordnete haben mit Nein gestimmt und 3 haben sich enthalten. Bezogen auf die Gesamtzahl der 208 Unionsabgeordneten haben also ganze 80 Prozent Spahn bestätigt, obwohl es keine Alternative zu ihm gab. Immer noch ein fast sozialistisches Ergebnis. Aber es heißt umgekehrt: Jede/r Fünfte hat Spahn nicht gewählt.

Gründe gäbe es zuhauf: vom missglückten ersten Anlauf der Kanzlerwahl vor einem Jahr über die hastig abgesagte Rich­te­r:in­nen­wahl kurz vor der Sommerpause bis zum drohenden Sturz der Regierung Merz durch die Rentenrebellen im Dezember vergangenen Jahres. Pannen, die einem Fraktionschef nicht passieren dürfen, der den Laden im Griff hat. War bei Spahn erkennbar nicht so.

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Aber der war ja in den ersten Monaten auch eher Teilzeit-Fraktionschef und musste sich parallel gegen den Vorwurf der selbstherrlichen und maßlosen Überbeschaffung von Masken für fast 6 Milliarden Euro als Gesundheitsminister zu Beginn der Coronapandemie verteidigen. Bis heute klagen Händler, die noch viel mehr liefern wollten, auf Schadenersatz.

Aber dass Spahn mehrere Milliarden Euro an Steuergeldern verpulvert hat und gleichzeitig harte Kürzungen für Bür­ger­geld­emp­fän­ge­r:in­nen fordert („An Miete und Heizzuschüsse müssen wir ran“), ist für viele Unionsabgeordnete vermutlich kein Widerspruch. Und auch kein Grund, ihn nicht zu wählen. Ohnehin ist das Verfahren gegen Spahn eingestellt, für den Schaden haften die Steuerzahler:innen, also Schwamm drüber.

Es liegt auch nicht an Spahns Arbeit. Der hat sich, so ist zu lesen, nach den Wirren des Anfangs reingekniet, den Rebellen Pizza kredenzt, mit den Neu-Abgeordneten, den „25ern“, Bootcamps veranstaltet und sei überhaupt stets erreichbar. Nein, das Wahlergebnis ist eher Ausdruck eines generellen Unwohlseins in der Union.

Als Spahn vor einem Jahr zum ersten Mal gewählt wurde, stimmten noch 91,3 Prozent der Fraktion für ihn, Aufbruchstimmung lag in der Luft. Nun liegt man in Umfragen hinter der AfD und der Unmut über den Kanzler und die ausbleibenden Rundumreformen geht auch am Fraktionschef nicht vorüber.

Das Ergebnis ist noch kein Warnschuss, aber ein Anstupser über Bande. Spahn ist erst mal gewählt, den nächsten Nasenstüber dürfte Kanzler und CDU-Parteichef Friedrich Merz persönlich abbekommen. Und der kann dann auch schnell zu einer Frage des Vertrauens werden.

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Anna Lehmann
Leiterin Parlamentsbüro
Schwerpunkte SPD und Kanzleramt sowie Innenpolitik und Bildung. Leitete bis Februar 2022 gemeinschaftlich das Inlandsressort der taz und kümmerte sich um die Linkspartei. "Zur Elite bitte hier entlang: Kaderschmieden und Eliteschulen von heute" erschien 2016.
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13 Kommentare

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  • Ich weiß nicht, wie sich manche an ihren Posten festhalten können.

    Spahn, Bas und Miersch kann ich mittlerweile kaum noch ertragen. Mit ihrer Art und ihren Äußerungen oft Wasser auf die Mühlen der AFD.

  • Ich habe mir die gestrige "Maischberger"-Sendung angeschaut, in der unter anderem Heidi Reichinnek und Spahn aufeinandertrafen. Spahn war dermaßen unerträglich, dass sogar Frau Maischberger mehrfach seufzen musste. Ich hoffe nur, dass Spahn niemals in die Nähe einer Kanzlermacht rückt; es wäre fatal für unser Land.

  • Spahn ist das Beste was die CDU noch aufzubieten hat.

    Und weil noch nicht mal ein Gegenkandidat oder eine Gegenkandidatin aufzutreiben war gilt noch nicht mal mehr der Satz "ternium non datur".

    Obgleich ... "ex falso quodlibet" wird sich nun einmal mehr die Ehre geben ...

    • @Bolzkopf:

      Ja wie? Ternium non datur?



      Gips schon! Woll



      🤖 Ternium-Aktie jetzt sogar bis 23 Uhr handeln bei finanzen.net ZERO, dem Kosten­sieger der Stiftung Warentest 12/25 – “



      Paß doch ganz herrlich zu dem 😷 Milliarden Versenker politisches Ausnahmetalent!

      kurz - Frauman kann sich alles Schöntrinken🍷🍕con 🍕🍷

      Na Mahlzeit

  • So macht man die Demokratie kaputt. Geld in Millardenhöhe verschwendet, die Fraktion nicht im Griff, nichts auf die Reihe gebracht und trotzdem kein Rücktritt, sondern Wiedergewählt. Wir sollen uns mehr anstrengen und mehr leisten, bei der CDU geht's auch ohne Leistung ... und Qualifikation.

  • Spahn, der den Charme einer Teflonpfanne hat, müsste sich Volkstümlichkeit erarbeiten, für die Helmut Kohl so geschmäht und unterschätzt wurde, die aber Grundpfeiler seines Erfolges war.

    Erfindet sich Spahn in diesr Hinsicht nicht neu, wenn das Rennen um den nächsten Kanzlerkandidaten in der CDU/CSU startet, hat er keine Chance Kanzler zu werden.



    Volkstümlichkeit mit Millionenvilla und best friends in der Wirtschaft geht schon gar nicht.



    Auch Söder scheint erst jetzt zu begreifen, dass Volkstümlichkeit in der Politik ein extrem rares Pfund ist, welches nicht auf Tik-Tok simuliert werden kann.



    Volkstümlichkeit im Besten Sinne verkörpert heute Wienfried Kretschmann. Auch Özdemir muss noch lernen, wirken seine Schlenker ins volksnahe bemüht und nicht authentisch.

    Volkstümlichkeit wie soll sich diese auch in der Berliner Blase entwickeln, wo sich jeder Abgeordnete vom Fahrdienst des Bundestages chauffieren lässt, um zum nächsten Lobbytreffen ins nächst beste Restaurant zu gelangen?



    Die grüne Spitzenkandidation will den Wahlkampf in Thüringen mit dem E-Roller bestreiten ,um volksnähe zu demonstrieren.



    Volksnähe das kann heute noch nicht einmal der neue VW Golf!

  • Spahn verursacht einen Milliarden Schaden ( Maskenaffäre), das beste daran ist es hat keine Konsequenzen, was für ein Euphemismus für einen verursachten Steuerschaden in Milliardenhöhe, Maskenaffäre! Jetzt wird er wiedergewählt und klebt an seinen Stuhl, ähnlich wie Scheuer. Unsere Republik hat nichts besseres verdient, ich wundere mich das Bürger jetzt unzufrieden sind mit der Bundesregierung bei solchen Gestalten, ich kann nur sagen selbst schuld. Solange hier Menschen Parteien wählen und damit deren inkompetente Vertreter an die Spitze unseres Staates, während selbst die Verursacher in den Parteien, sogar noch die Leiter hoch fallen, kann ich nur völlig entsetzt und angewidert schreiben, ihr habt es nicht besser verdient.

  • "Der Kanzler sei bereit gewesen, der SPD in Sachen Reichensteuer entgegenzukommen, hatten mehrere Medien danach berichtet. Spahn aber habe einen Kompromiss blockiert."

    "Vor gut einem Jahr hat Spahn den Abgeordneten via Bild empfohlen, mit der AfD als Oppositionspartei so umzugehen „wie mit jeder anderen Oppositionspartei auch“, zumindest was die parlamentarischen Verfahren angeht.



    Von Jens Spahn kann man sich vorstellen, dass er bereit wäre, die Christdemokratie in etwas zu transformieren, was nicht mehr Christdemokratie ist“, so hat es der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher der taz schon gesagt, als Spahn noch Oppositionspolitiker war. Und dass Spahn eben für die Zeit nach Merz plane."

    Man schluckt ein bisschen.



    Spahn als Bundeskanzler.



    Und das ist noch höflich ausgedrückt.

    Spahn und Höcke - eine tolle Zeit könnten die haben. So mit Wein und Champagner und die nächsten dunklen Vorhaben analysieren. Oder es läuft nur hinaus, auf einen billigen Machtkampf. Beides ein Albtraum.



    Und Merz?



    Der ist jetzt schon älter und erträgt diese abscheuliche ständige Kritik nicht mehr.



    Na ja, er hat ja immerhin schon mal den Weg freigeschaufelt.

    • @Andreas Flaig:

      Oh, Spahn ist da nichts besonderes. Merz selbst würde sich gern auf Kuschelkurs zur AFD begeben. Das C im Parteinamen, ist ein Schwindel der nur noch durch die Kirchen selbst überboten wird.

  • An Jens Spahn, CDU klebt die Maskenaffäre. Der Mann ist nicht mehr glaubwürdig, 98% der Deutschen denken wohl ähnlich. Der überehrgeizige und skrupellose Spahn wird im wesentlichen von der Lobby der Wirtschaft, Finanzindustrie und konservativen Hardlinern der CDU gestützt. Das reicht anscheinend aus. Bei Ministerin Reiche läuft es doch auch so. Kanzler Merz hat mit der Berufung von Merz und Spahn einen Kardinalfehler begangen.

    • @KLaus Hartmann:

      …anschließe mich

      (da ich selbst mal wieder im Netti⛓️⛓️🗄️ 🕳️;)(

      • @Lowandorder:

        @Lowandorder



        ...anschließe mich , sollten wir mal ne'n Lieter Öl 🏺🫒 zum schmieren übersenden ? Ach ne' die Frachter hängen ja doch alle fest, wegen Iran undso...

  • Man kann sich natürlich bemühen, aus JEDEM Ergebnis irgendwas negatives herauszulesen, fällt mir hier aber ehrlich gesagt schwer. Zum Vergleich: Britta Haßelmann wurde ebenfalls bestätigt, das Wahlergebnis ging von 98 auf 90% herunter. Ich kann mich an keinen Artikel erinnern, der daraus ein "sanftes Grummeln“ o.ä. gemacht hat, warum auch? Das sind alles vernünftige Ergebnisse, insbesondere wenn die betreffende Partei sich in Regierungsverantwortung befindet. Man muss Jens Spahn nicht mögen (ich persönlich halte zumindest viele Punkte seiner politischen Agenda für falsch), zu glauben das dies ein erster kleiner Warnschuss oder ähnliches sein könnte ist aber m.M.n. Blödsinn. Da hatten andere Fraktionsvorsitzende schon ganz andere Ergebnisse (oder es wurde anders interpretiert): Klingbeil zum Beispiel hatte ähnlich viele Stimmen, dies wurde von der TAZ dann als „ehrliches Ergebnis“ beschrieben. Sören Pellmann bekam 72%, DAS, würde ich sagen, ist dann tatsächlich ein „Anstupser über Bande“. Konsequenzen hat Sören Pellmann aus dem Ergebnis übrigens keine gezogen...