Welt-Moskito-Tag am 20. August: Was tun, damit Deutschland nicht zum Malariagebiet wird?
Durch die Erderhitzung breiten sich hierzulande invasive Moskitoarten aus. Unterwegs mit Forschenden, die das verhindern wollen.
Foto: Gustavo Amador/epa/dpa
Über den Landungsbrücken in Hamburg steht Renke Lühken vor einem Busch und deutet auf ein brummendes Gerät mit einem Netz obenauf. „Das ist unsere Moskitofalle“, sagt er. Es sind 29 Grad Celsius, die Sonne scheint und wer genau hinsieht, entdeckt in dem Netz tatsächlich noch umherfliegende Mücken. Sie werden von dem Kohlendioxid, das das Gerät ausstößt, angelockt, mit einem Luftsog in die Falle gesogen und täglich von Forscher*innen wie Lühken eingesammelt.
Der Ökologe erforscht seit 2008 Moskitos in Deutschland; seit 2015 im Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Dort ist er vor allem für das Monitoring zuständig – also die Beobachtung, welche Moskitos wo in Deutschland wie verbreitet sind. Das ist wichtig, weil Moskitos auch in Europa durch den Klimawandel vermehrt Krankheitserreger auf Menschen und Tiere übertragen. Durch das Wissen über die Anzahl und den Aufenthaltsort der Moskitos lässt sich auch die Anpassung und Eindämmung verbessern.
Deshalb stellt das Team von Lühken über ganz Deutschland verteilt 20 Moskitofallen wie die am Bernhard-Nocht-Institut auf. Die meisten werden von Ehrenamtlichen betreut, die die Fallen in ihren Gärten stehen haben. Am besten neben ihrer Regentonne. Denn das ist die Lieblingsbrutstelle der allgemein bekannten Hausmücke. Lühken und sein Team erforschen von den 60 in Deutschland verbreiteten Moskitoarten vor allem die, die nah am Menschen leben – und ihm damit am ehesten gefährlich werden können.
Anfang des Jahres verteilen die Forscher*innen sie in den Gärten und sammeln sie im Herbst wieder ein. Bis dahin sammeln die Ehrenamtlichen selbst die Exemplare in den Netzen oben an der Falle, datieren und frieren sie bei sich ein. „Die liegen dann bis Herbst neben der Pizza“, sagt Lühken trocken.
Ein fast ausgestorbenes Forschungsfeld
In Hamburg entwickeln Lühken und sein Team gleichzeitig ein Frühwarnsystem, mit dem sie durch die Bestimmung weiblicher Moskitos voraussagen können, wie viele Larven und Moskitos zwei Wochen später folgen werden. Hier ist die Falle schon mit einer KI ausgestattet, die die Moskitos zählt und sie langfristig auch bestimmen soll. Bisher funktioniert die Bestimmung aber nur ganz traditionell durch Entomolog*innen, also Insektenkundler*innen.
„Das ist zwar als Feld geschrumpft und wurde durch Molekularbiologie ersetzt“, sagt Lühken. „Aber vieles kann man durch die Molekularbiologie noch nicht bestimmen oder es ist zu teuer.“ Die Bestimmung ist wichtig, denn invasive Arten wie die japanische und koreanische Buschmücke und vor allem die Tigermücke, die die Tropenviren Dengue, Zika und Chikungunya übertragen kann, breiten sich durch Reisende und längere Hitzeperioden immer weiter in Deutschland aus.
Bevor die Tigermücke das erste Mal in Deutschland entdeckt wurde, war die Entomologie allerdings schon fast ausgestorben: Malaria war zuletzt in den 50ern in Deutschland verbreitet und die Krankheit, wegen der auch der Weltmoskitotag am 20. August ins Leben gerufen worden war, spielte hierzulande plötzlich keine Rolle mehr – genauso wenig wie die Moskitos und ihre Bestimmer*innen.
Erst als 2007 vermehrt Rinder durch Gnitzen mit dem Blauzungenvirus verseucht und die Tigermücke erstmals in Deutschland entdeckt wurde, ist die Entomologie und das Monitoring von Mücken in Deutschland wieder aufgetaucht.
Mittlerweile ist die Tigermücke vor allem in Südwestdeutschland und Berlin heimisch geworden. „Das ist eine Kombination aus Klimawandel und Globalisierung“, erklärt Lühken. Der Warentransport bringt die Tigermücke mit nach Europa und immer längere Hitzeperioden geben der Mücke genug Zeit, um sich zu etablieren.
Innerhalb Europas breitet sich die Tigermücke vor allem durch den Autoverkehr aus. Für Lühken ist es deshalb nur noch eine Frage der Zeit, bis sie überall in Deutschland heimisch ist. Seit Beginn des Monitorings mit den Mückenfallen 2009 haben sich in Deutschland vor allem die Nachweise invasiver Stechmückenarten vermehrt.
Im Gegensatz zur heimischen Hausmücke ist die Tigermücke tagaktiv und kann schon ohne die Gefahr von Tropenkrankheiten zu einer echten Plage werden. Dagegen vorgehen kann man nur mit Insektiziden, wie es teils in Griechenland und Süddeutschland gemacht wird. Solche, die etwa in Regentonnen die Larven abtöten, können sehr spezifisch gegen Mücken wirken, aber dafür müsste man in jeden Garten gehen und alle Bewohner*innen um Erlaubnis bitten, ein solches Insektizid in die Regentonne zu geben.
Sobald die Mücken herumfliegen, kommt man nur noch mit sehr breit angelegten Insektiziden gegen sie an, die auch die Umwelt belasten. Und beide Maßnahmen kosten Geld. „Heidelberg hat für die Bekämpfung der Tigermücke bereits mehrere Hunderttausend Euro ausgegeben. Viele Kommunen verfügen jedoch über deutlich weniger finanzielle Mittel“, sagt Lühkens Kollege Jonas Schmidt-Chanasit, der als Virologe die von Moskitos übertragenen Viren erforscht. Da würde es mehr helfen, einfach einen Deckel auf die Regentonne zu setzen.
PCR-Tests für Mücken
Auch die Moskitos aus den Fallen werden auf Krankheiten geprüft. Nachdem ihre Art bestimmt wurde, werden sie geschreddert und ihre DNA mit PCR-Tests auf Viren untersucht. Während Dengue, Zika und Chikungunya vor allem durch die Tigermücke verbreitet werden, kann auch die deutsche Hausmücke das West-Nil-Fieber und den Usutuvirus, der vor allem Vögel trifft, übertragen. Weil sich das West-Nil-Fieber bereits durch die Hausmücke in Ostdeutschland ausgebreitet hat und ein Restrisiko bei der Übertragung durch Blut besteht, müssen alle Blutspenden in Risikogebieten auf den West-Nil-Virus überprüft werden. Das kommt wiederum auch dem Monitoring zugute: So können asymptomatische Verläufe und damit die Ausbreitung des Virus in Deutschland besser nachverfolgt werden.
All diese Krankheiten können beim Menschen auch durch herkömmliche PCR-Tests diagnostiziert werden. Doch dafür müssen die Ärzt*innen sie erst mal in Betracht ziehen: Ihre Symptome ähneln etwa mit Fieber und Muskelschmerzen häufig Krankheiten, die wir auch in Deutschland haben. Vielmals ziehen Ärzt*innen und Betroffene Tropenkrankheiten deshalb nur bei Reisenden in Betracht. Um das zu ändern, informiert das Bernhard-Nocht-Institut immer wieder über die Ausbreitung von Tropenkrankheiten in Deutschland. „Damit jeder Hausarzt zumindest schon mal von den Viren gehört hat und weiß, wo er weitere Informationen erhalten kann“, sagt Schmidt-Chanasit.
Auch wenn viele Infektionen mild verlaufen und meist nur die Symptome, nicht aber die Ursache behandelt werden können, ist eine Diagnose wichtig: erstens, um andere behandelbare Erkrankungen auszuschließen – wie etwa Gelenkschmerzen durch Rheuma – und zweitens, um die Ausbreitung zu beobachten und Risikopatient*innen gezielt schützen zu können, so Schmidt-Chanasit.
Vorbereitung für die Zukunft
Die Verbreitung von Tropenkrankheiten in Deutschland wird sich angesichts des voranschreitenden Klimawandels nicht vollständig verhindern lassen, darin sind sich Lühken und Schmidt-Chanasit einig. Ihre Forschung richtet sich deshalb auf die Zukunft. Indem sie die Ausbreitung beobachten, können sie, wo nötig, auch Interventionen durch Abdeckungen für Regentonnen oder Insektizide empfehlen.
Gleichzeitig bleibe die Frage, wie man naturverträglich präventiv handeln könne, sagt Lühken. Und: „Wir sollten keine große Panik verbreiten.“ Eine Pandemie wie Corona sei nicht zu erwarten und Fallzahlen wie in Afrika oder Südostasien würden durch bessere Gesundheitssysteme und die aktuellen Winterbedingungen, in denen es bisher in Europa keine stechenden Mücken gibt, verhindert.
Trotzdem könne er das psychologische Unwohlsein verstehen: „Plötzlich fühlt man sich in der Natur nicht mehr sicher – auch ich bin vorsichtiger mit Zecken“, sagt Lühken. Auf individueller Ebene gilt es, sich gut vor Stechmücken und Zecken zu schützen. Für Schmidt-Chanasit ist vor allem die Impfung gegen FSME wichtig. Reisende in die Tropen sollten zudem dort und zwei Wochen danach in Deutschland insbesondere Mückenstiche vermeiden, um keine schlummernden Viren an hiesige Moskitos zu übertragen.
Auf gesellschaftlicher Ebene sei das Wichtigste immer noch der Klimaschutz. „Wenn man sich entscheiden müsste, wo man Ressourcen einsetzt, dann vor allem darin, dass es nicht wärmer wird“, sagt Lühken. Die Ausbreitung von Insekten sei nur eine der vielen negativen Auswirkungen des Klimawandels. Und Schmidt-Chanasit sagt: „Das größte gesundheitliche Risiko des Klimawandels bleiben die unzähligen direkten Todesfälle durch die Hitze.“
Dieser Text ist Teil eines Rechercheprojekts zu Klimawandel und Gesundheit, das von der taz panterstiftung unterstützt wird.
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