Weitere Proteste auf Venedig Biennale: Es wird geächzt
Nachdem die Jury der diesjährigen Venedig Biennale zurückgetreten war, wurde kurzerhand ein Publikumspreis erfunden. Doch der wird nun ebenfalls boykottiert.
Die internationale Kunstbiennale von Venedig war schon lange vor ihrer Eröffnung vor einem Monat übertönt worden von der Politik. Und noch immer klingt das politische Rauschen um sie nicht ab. Derart, dass sich mittlerweile eine gewisse Politik-Fatigue einstellt. Denn die Kunst selbst nimmt man gar nicht mehr wahr.
Jetzt ist es wieder laut geworden in den Medien, seit am letzten Donnerstag die Onlineplattform e-flux einen offenen Brief der Biennale-Künstler:innen veröffentlicht hat. Er zählt mittlerweile gut 100 Unterschriften. Darin fordern die Künstler:innen, von der Bewertung für einen Publikumspreis ausgenommen zu werden und drohen mit rechtlichen Konsequenzen, wenn dies nicht geschieht.
Der Publikumspreis war ad hoc von der Biennale-Stiftung eingeführt worden, nachdem die diesjährige Jury für den Goldenen Löwen, der einzelne Kunstwerke und Länderpavillons als besonders herausragend prämiert, zurückgetreten war. Die Jury hatte die Länderbeiträge Israels und Russlands aus der Bewertung ausschließen wollen, da gegen die Regierungen beider Staaten gerade ein Verfahren beim Internationalen Gerichtshof läuft.
Dass die Jury damit als politischer Akteur auftrat, lief der Biennale-Stiftung zuwider. Die hatte nur unter dem Vorwand politisch neutral zu sein überhaupt erst die Teilnahme Russlands – und, wenn man es konsequent weiterdenkt, vieler anderer der 88 teilnehmenden Staaten – legitimieren können. Die Unterzeichnenden des Briefes aber sehen die Integrität und Entscheidungsfreiheit der Jury verletzt. Und wollen aus „Solidarität“ nicht am Publikumspreis teilnehmen.
Schade um den Goldenen Löwen
Dass es keinen Goldenen Löwen einer Jury gibt, die ein ästhetisches Urteil fällt, ist ein wahrlicher Verlust für die Kunst. Das lenkt die Aufmerksamkeit noch viel mehr auf die politische und zudem sehr selektive Empörung. Schon zur Eröffnung waren viele Pavillons geschlossen, hatten Künstler:innen ihre Arbeiten mit Protestplakaten und Palästinaflaggen überhängt. Die italienischen Kulturarbeiter:innen – die häufig unsichtbaren Kunstdienstleister:innen an Ticketschaltern und Aufsicht – hatten sich mit der „Art Not Genocide Alliance“ zusammengetan, die einen Boykott des israelischen Pavillons forderte. „Nein zum Genozid, zur Remilitarisierung, zu Kulturkürzungen und zur Prekarisierung“ stand auf einem der Protestplakate. Als ob die Probleme der Welt auf so einfache Formeln zu reduzieren wären.
Dabei kann die Kunst auch differenziert zu einem sprechen, wenn sie denn richtig angeschaut wird. Dann ließe sich auch die Politik hinter ihr demaskieren: Wie stark der russische „We don't give a shit“-Pavillon die Perfidie Putins weiterträgt und ganz gegensätzlich der Künstler Belu-Simion Fainaru im israelischen Pavillon mit schwerer Symbolik auch einem gespaltenen Verhältnis zu seinem Land Ausdruck verleiht. Und wie der aus Gaza kommende Mohammed Joha in der Hauptausstellung derart viele kolorierte Stoffbahnen zu abstrakten Gemälden aufeinanderschichtet, dass sie unter der Schwere des Materials nur so ächzen.
Man könnte sich fragen, warum Taiwan mit Rücksicht auf das mächtige China nur als Nebenbeitrag auftaucht, dafür aber mit der grotesken KI-Marionette des Künstlers Li Yi-Fan sich ästhetisch ganz ungewöhnlich mit Identität und Kultur in Zeiten des digitalen Klons auseinandersetzt. Und es könnte einem auffallen, dass die angekündigte Installation der Künstlerin Äsel Kadyrkhanova über den Stalin-Terror der 1930er Jahre in dem Pavillon Kasachstans gar nicht mehr auftaucht.
Wenn man richtig und unvoreingenommen guckt, könnte sich einlösen, dass die „Kunst stärker ist als der Streit“, wie auch Elke Buhr jetzt für die neue Ausgabe der Kunstzeitschrift Monopol schrieb. Auch Buhr scheint da schon vollkommen entnervt zu sein von dem politischen Getöse rund um die Biennale.
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