piwik no script img

Wegen des IrankriegsKolumbiens Umweltministerin begrüßt Niedergang der Fossilen

In Kolumbien treffen sich Regierungen, um schnell aus Öl und Gas auszusteigen. Unterstützung bekommen sie von einer bekannten Energieagentur.

Die kolumbianische Ministerin Irene Vélez Torres hofft auf neue internationale Bündnisse für erneuerbare Energien Foto: Fernando Vergara/ap

Aus Santa Marta

Mark Hertsgaard

Der globale Klimaschutz erhielt am Freitag einen unerwarteten Schub: Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), erklärte, der Krieg in Iran habe den Markt für fossile Brennstoffe irreparabel zerstört.

„Der Schaden ist angerichtet“, sagte Fatih Birol dem britischen Guardian. Die durch den Krieg verursachten Unterbrechungen der Öl- und Gasversorgung und daraus resultierende Preisspitzen bei Energie, Düngemitteln und anderen lebenswichtigen Gütern würden die Länder für immer von fossilen Brennstoffen abbringen. Und sie zu erneuerbaren Energien und anderen sichereren und erschwinglicheren Energiequellen hinführen.

Diese Krise wird dauerhafte Folgen für die globalen Energiemärkte haben

Fatih Birol, IEA-Chef

„Der Krug ist zerbrochen – es wird sehr schwierig sein, die Scherben wieder zusammenzusetzen“, sagte Birol. „Diese Krise wird dauerhafte Folgen für die globalen Energiemärkte haben.“ Die Voraussagen der IEA werden von Energieunternehmen und Investoren weltweit herangezogen, um langfristig zu planen.

Bild: Covering Climate Now
Mark Hertsgaard

ist Geschäftsführer von „Covering Climate Now“ und Umweltkorrespondent der Zeitschrift „The Nation“.

Die US-Regierung wird sich über Birol ärgern

„Ich bin sehr froh, dass Birol das sagt“, sagte die kolumbianische Umweltministerin Irene Vélez Torres. In der kolumbianischen Stadt Santa Marta treffen sich am Dienstag und Mittwoch Ver­tre­te­r*in­nen von über 60 Regierungen, darunter auch der deutschen, um einen globalen Plan zur Abkehr von Öl, Gas und Kohle zu entwickeln – den Haupttreibern des immer gefährlicher werdenden Klimawandels.

„Das stimmt mich optimistischer dahingehend, was unsere Konferenz erreichen kann“, fügte Vélez hinzu. „Scheinbar erkennen viele, dass fossile Brennstoffe keine Energiesicherheit bieten können. Sie sind knapp und diese Knappheit kann sogar herbeigeführt werden. Unsere Energiesouveränität und unser Überleben verlangen den Umstieg auf andere Energiequellen.“

Obwohl Birol schon mehrfach erklärt hatte, dass die stark sinkenden Preise für erneuerbare Energien den „Anfang vom Ende des Zeitalters der fossilen Brennstoffe“ einläuten, hat er den absehbaren Niedergang von Öl, Gas und Kohle selten so unverblümt dargestellt.

Weiter verärgern wird das wahrscheinlich die Regierung von US-Präsident Donald Trump. US-Energieminister Chris Wright forderte im Februar, dass die IEA einen jährlichen Bericht einstellt, der darlegt, wie Länder klimaneutral werden können. Ansonsten würden die USA, die rund 14 Prozent zum Jahresbudget der IEA beitragen, die Organisation verlassen.

Vélez: „Die Konferenz hört auf die Wissenschaft“

Die von Kolumbien und den Niederladen organisierte Konferenz in Santa Marta bringt Regierungen vieler der größten Volkswirtschaften der Welt sowie Hunderte Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen, Wirt­schafts­ver­tre­te­r*in­nen und Gesandte indigener Völker zusammen. Die Pläne für die Konferenz gewannen nach dem jüngsten UN-Klimagipfel im November neue Dringlichkeit, als sich die Re­gie­rungs­ver­tre­te­r*in­nen wegen des herrschenden Konsensprinzips nicht auf die Ausarbeitung von Plänen für den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas einigen konnten.

Im Gegensatz zu den UN-Klimagipfeln höre die Konferenz in Santa Marta „auf die Wissenschaft“ statt auf „Desinformation und Lobbyarbeit“, behauptete Vélez. In Santa Marta warnte Johan Rockström vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, dass die Erwärmung des Planeten bereits „Kipppunkte überschreitet, die die menschliche Gesellschaft noch zu unseren Lebzeiten untergraben werden“.

Rockström und Carlos Nobre, leitender Wissenschaftler am Nationalen Institut für Amazonasforschung in Brasilien, haben ein Gremium von Wis­sen­schaft­le­r*in­nen zusammengestellt; das soll Regierungen beraten, welche Maßnahmen am besten geeignet sind, um aus Kohle, Öl und Gas auszusteigen. „Eine kritische Masse von 30 Ländern ist bereits dabei, ihre Volkswirtschaften zu dekarbonisieren. Das zeigt, dass es machbar ist“, sagte Rockström. „Wir sind nicht hier, um neue Klimawissenschaft zu etablieren, sondern um eine bessere und schnellere Politik von Regierungen, Unternehmen und anderen Interessengruppen zu ermöglichen.“

Die Konferenz in Santa Marta, die am 29. April endet, sei nur ein erster Schritt, sagte Vélez. Auf einer Folgekonferenz sollen Pläne ausgearbeitet werden, wie Länder, Regionen und Wirtschaftssektoren fossile Brennstoffe hinter sich lassen können. Und zwar ohne Arbeitnehmer, Unternehmen und Regierungen zu schädigen, die derzeit für Arbeitsplätze, Gewinne und Steuereinnahmen auf fossile Brennstoffe angewiesen sind.

Die Ergebnisse der Konferenz in Santa Marta werden auch in die Beratungen des nächsten UN-Klimagipfels einfließen, der im November in der Türkei stattfindet. Doch nach Jahren des „Drucks und der Vetos“ von Ölstaaten, „die sich dagegen wehrten, dass wir über den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen sprechen“, sagte Vélez, „haben wir hier nun ein Bündnis, das bereit ist, zu handeln“.

Dieser Artikel wurde im Rahmen der Kooperation zwischen dem Projekt „Covering Climate Now“ und der taz veröffentlicht. Aus dem Englischen übersetzt von Jonas Waack.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare