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Warum Kampfsport wichtig istLinke, wehrt euch

Rechtsextreme Straftaten nehmen deutlich zu. Als An­ti­fa­schis­t:in­nen sollten wir lernen, uns zu verteidigen. Es geht um Selbstschutz.

Verteidigungsbereit sein für mögliche Angriffe Foto: imago

A llein letztes Jahr wurden täglich 12 Menschen Opfer rechter Gewalt. Laut dem Verfassungsschutzbericht übersteigen die rechtsextremistischen Straftaten die linksextremen um knapp das Sechsfache, Neonazis werden gewaltbereiter, CSDs in mehreren Städten werden von Rechten angegriffen. Als Linke können wir nicht die Augen davor verschließen, wie rau die Zeiten sind und wie viel härter sie aller Voraussicht nach noch werden.

Frei nach der Politrock-Band Ton Steine Scherben „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ ist es menschlich, sich gegen das zu wehren, was einen verletzen will. Denn bevor die Baseballschlägerjahre zurückkehren und sich der Faschismus wieder offen auf die Straße traut, braucht es zwingend eine linke, antifaschistische Gegenbewegung. Nein, das ist kein Plädoyer für die bürgerkriegsähnlichen Zustände in der sterbenden Weimarer Republik. Straßenschlachten gehören der Vergangenheit an, Selbstverteidigung hingegen nicht.

Es geht um grundlegende Dinge, die alle An­ti­fa­schis­t:in­nen wissen sollten: Wie lässt sich eine Situation verbal deeskalieren und wie behält man auch in hitzigen Momenten die Ruhe? Und sollte das nicht ausreichen: Wie ballt man eine Faust? Wie schlägt und tritt man richtig und vor allem wohin? Wie hält man einen Angreifer auf Distanz?

Kampfsport nicht den Rechten überlassen

Dafür ist ein professionelles Training absolut notwendig. Dabei muss niemand einem bestimmten Körpertyp entsprechen, ein festgelegtes Gewicht haben oder stemmen oder zig Kilometer am Stück laufen. Jeder sollte nach seinen Fähigkeiten trainieren und für das, was er erreichen will.

Dass Rechte den Kampfsport, besonders Boxen, Muay Thai und MMA, seit Jahrzehnten für ihre Zwecke nutzen, ist bekannt. Natürlich ist der Sport als solcher nicht rechts, genauso wenig wie jedes Gym offen für rechte Ideologie ist. Doch als An­ti­fa­schis­t:in­nen sollten wir das Wissen rund um Training und Kampfsport nicht dem gewaltbereiten rechten Spektrum überlassen. In Berlin und anderen Großstädten gibt es selbst organisierte linke Kampfsportgruppen, auf dem Land sieht es oft anders aus.

Und bevor jetzt jemand rechts der SPD diesen Text aus dem Kontext reißen möchte: Niemand plädiert für linke Gewalt. Im Gegenteil, es geht um Selbstschutz. Es geht darum, sich selbst und andere vor rechter Gewalt zu schützen, wenn Institutionen und Staat versagen. Sich selbst verteidigen zu können, ist der beste Schutz vor rechter Gewalt. Niemand sollte zum Opfer werden und sich diskriminieren lassen. Doch dafür ist ein bestimmtes Maß an Training nötig.

Um es mit den linken Rappern Kalaszniko und Admiral Klatsch zu sagen: „An den Tagen, wo du nicht trainierst, macht es ein Fascho.“

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Martin Seng
Autor
Hat Politik- und Literaturwissenschaft in der ältesten Stadt Deutschlands studiert. Journalistische Zwischenstationen bei Der Spiegel, dem WDR, SWR und weiteren. Schreibt für diejenigen, die es interesseiert, darunter die Frankfurter Allgemeine Zeitung & Sonntagszeitung, Die Zeit und natürlich die tolle taz. Beschäftigt sich mit Politik und Propaganda in den Medien und im Sport, das Neuland namens Internet und Extremismus. Liebt Hemingway und Arendt, bewundert Tarr und Miura, kritisiert Musk und Peterson. Wurde mal von Maximilian Krah verbal diffamiert. Schreibt (wie vermutlich alle Journalist:innen) an einem Buch.
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7 Kommentare

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  • Saalschutz war schon immer wichtig.

  • Selbstverteidigung ist von besonderer Bedeutung.

  • Selbst wenn man einen schwarzen Gürtel in Karate hat und Krav Maga beherrscht - sobald man mit mehreren Schlägern konfrontiert ist, hat man keine Chance. Auch wenn uns Film und Fernsehen etwas anderes glauben lassen will.

  • Tja, in den 70zigern, während des Häuserkampfes in Frankfurt, haben viele von uns Kampfsporttraining gemacht. Vor allem Karate, taekwondo und Boxen. Heute würde ich Krav Maga empfehlen. Und - die Piexon Guardian Angel 3 Pfefferspray Pistol.

  • Moment, Moment, so viel Bellizismus?



    Die Durchmilitarisierung der Gesellschaft schreitet wohl immer weiter voran...! Ich empöre mich aufs äußerste. Außerdem: Falls jemandem was passiert kann ich doch auch wegrennen und mir vorstellen wie ich das Problem ausdiskutiere. Die Mützenich-Taktik sozusagen.

  • Es ist keine Option in Momenten, in denen rechte Gewalt zu eskalieren droht, die Fäuste zu heben, nur weil man mal ein paar Stunden in irgendeinem Gym ein bisschen geboxt, Tai Kondo oder sonst was gemacht hat!!!

    Der Schläger-Fascho wartet nur drauf! Und schlägt sofort so zu, (am besten mit den ensprechend Untensilien an/in der Hand) dass schon der erste Schlag lebensgefährlich ist. Diese Typen warten nur auf die erste Geste zum Kampf oder am besten auf den ersten diletantisch ausgeführten Schlag. Sie leben viele Jahre in Gewaltfantasien als Teil ihrer faschistischen Ideologie und trainieren auf diese Situationen hin. In einem zivilisierten Staat, den doch wohl alle Linken wollen, liegt das Gewaltmonopol bei der Polizei! ... Wenn diese in ihrer Performance zu wünschen übrig lässt, muss da angesetzt werden.

  • Auf das Gesetz kann man sich zumindest nicht verlassen, bis man bereits verletzt da liegt.

    Leider fällt mir Körperkontakt mit Fremden für ein solches Training zu schwer, aber mulmig wird mir schon. Es wäre auch schön, nachts mal wieder entspannt einen Spaziergang machen zu können, ohne Angst zu haben, dass man einem Angreifer nichts entgegensetzen könnte. Auch außerhalb des rechten Spektrums, vermutlich.