Wahlkampf in Großbritannien: Wählt Andy, damit wir Linken nicht untergehen
In Makerfield setzt Labour-Politiker Andy Burnham zum Sprung ins britische Parlament an. Er will den angeschlagenen Premier Keir Starmer beerben.
„Ich werde Burnham wählen“, sagt der 76 Jahre alte Rentner Ray Hickey, der mit seinem Hund eine Geschäftsstraße entlangschlendert. Wohl noch nie waren so viele Journalist:innen in der nordwestenglischen Kleinstadt Ashton-in-Makerfield irgendwo zwischen Manchester und Liverpool unterwegs wie in diesen Wochen.
Am 18. Juni entscheidet sich hier das Schicksal von Labour-Premierminister Keir Starmer: Gewinnt Labour-Kandidat Andy Burnham, derzeit Oberbürgermeister von Manchester, diesen Wahlkreis und zieht damit ins Parlament ein, will er eine Neuwahl der Parteiführung herausfordern. Starmer will sich jedem Wunsch widersetzen, ihn abzusägen.
Um Burnham einen Sitz im Parlament zu bescheren, war eine Woche nach der Labour-Niederlage bei den englischen Kommunalwahlen am 7. Mai der bisherige Labour-Abgeordnete für Makerfield, Josh Simon, zurückgetreten, was eine Nachwahl erforderlich machte. Makerfield war jahrzehntelang Labour-Hochburg. Bei den Parlamentswahlen 2024 siegte Simons mit nur noch 45,2 Prozent der Stimmen gegen 31,8 Prozent des rechten Reform-UK-Kandidaten Robert Kenyon. Und damals war Labour viel populärer als heute. Kein Labour-Sitz scheint jetzt mehr sicher: Bei einer Nachwahl im nahen Wahlkreis Gorton and Denton im Februar gewannen überraschend die Grünen.
Keir Starmer ist in Makerfield nicht hoch angesehen. Ein ehrlicher Mann, aber ohne Charisma und methodisch wie der Rechtsanwalt, der er von Berufs wegen ist – so beschreiben Befragte auf der Straße den Premierminister. Andy Burnham hingegen ist in dieser Region heimisch und wuchs in einer Arbeiterfamilie auf. 16 Jahre lang saß er für den benachbarten Wahlkreis Leigh im Unterhaus, bevor er 2017 an die Spitze des städtischen Großraums Manchester wechselte.
„Vote Andy For Us“, steht in Großbuchstaben auf dem Labour-Wahlkampfmaterial – „Wählt Andy für uns“–, mit einem großen Cartoonprofil Burnhams. Für Rentner Hickey ist genau das der Punkt, auch wenn er sowieso immer Labour wählt. „Ich mag Burnham, er kann Dinge umsetzen, die der Allgemeinheit zugutekommen. Ich kenne ihn, meine Tochter ging mit seiner Tochter gemeinsam in dieselbe Schule und ich unterhielt mich mit ihm“, erläutert Hickey.
Ein Rennen zwischen Labour und Reform UK
Die Wahl wird eine Entscheidung zwischen Labour mit Andy Burnham und Reform UK mit Robert Kenyon, der zum zweiten Mal antritt. Auch er kommt aus der Gegend, er ist Installateur. Die Grünen spielen anders als in Gorton and Denton keine Rolle als Konkurrenz von Labour, sie mussten ihren anfänglichen Kandidaten Chris Kennedy sogar fallenlassen, weil er Verschwörungstheorien über den Brandanschlag auf vier Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes in London im März geteilt hatte. Lediglich für Reform UK gibt es Konkurrenz in Form der rechtsextremen Abspaltung „Restore Britain“.
Der Wahlkreis Makerfield besteht aus ehemaligen Dörfern, der Kleinstadt Ashton und Außenbezirken der Großstadt Wigan. Dazwischen erstrecken sich Grünflächen, oft Pferdekoppeln. Die wahlpolitische Zuordnung zu Manchester entspricht nicht der historischen Tatsache, dass diese Gegend einst Teil der Grafschaft Lancashire war, es dominierte der Kohleabbau bis zur Schließung der letzten Grube 1992. 95 Prozent der Bevölkerung sind weiß-britisch, die Arbeitslosigkeit ist niedriger und der Anteil von Eigenheimbesitzern höher als im nationalen Durchschnitt. Labour war hier seit über 100 Jahren immer stärkste Partei, doch am 7. Mai bei den Kommunalwahlen triumphierte Reform UK in der ganzen Gegend. 2016 stimmten in Makerfield 65 Prozent für den Brexit.
Burnhams Bilanz als Oberbürgermeister von Manchester wird von vielen gelobt: Er hat den privatisierten öffentlichen Busnahverkehr wieder in städtische Hände überführt und damit schneller, billiger und verlässlicher gemacht. Daneben loben Menschen in Makerfield auch seinen Einsatz für Obdachlose und die Tatsache, dass er während der Covid-19-Pandemie dem damaligen konservativen Premierminister Boris Johnson ein Hilfspaket für Manchester für einen erweiterten Lockdown abringen konnte.
Als „King of the North“ lässt sich der Labour-Politiker gerne feiern, und er spricht auch schon lange über notwendige politische Veränderungen in Großbritannien. Burnhams zukünftiges Vereinigtes Königreich soll ein föderales Grundgesetz haben wie Deutschland, mit dem Wiederaufbau der ehemaligen DDR als Vorbild für abgehängte ehemalige Industrieregionen. Die Erbschaftssteuer, die viele Eigenheimbesitzer mit geringen Rücklagen hart trifft, will er abschaffen und die Gemeindesteuern reformieren sowie eine Pflegesteuer einführen. Eigentlich sähe er Großbritannien auch lieber wieder in der EU, aber er hat jetzt versprochen, dieses heikle Thema erst mal nicht anzureißen.
Von Burnhams Hauptgegner Robert Kenyon hörte man hingegen bisher vor allem, dass sein X-Konto 2024 gelöscht wurde, dass er sexuell anstößige Kommentare über eine linke Fernsehmoderatorin gemacht hat und auf seinem ehemaligen Facebook-Konto mit einem rechtsextremen Holocaustleugner befreundet war, wie die Gruppe Hope not Hate berichtet. Seine Partei behauptet, Kenyon sei einfach nur ganz normal und habe erst später als politischer Kandidat auf seine sozialen Medien geachtet. Reform UK beschreibt den Wahlkampf in Makerfield als einen Kampf von David gegen Goliath, ein kleiner Handwerker gegen einen ambitionierten Politprofi. Auch Reform UK machte Versprechen für die große Politik. Parteichef Nigel Farage eilte eigens nach Makerfield, um Steuerfreiheit für Überstunden im Falle einer Reform-UK-Regierungsübernahme zu verkünden.
„Als ich noch jung war, war alles besser“, sagt der 25-Jährige
Der 25-jährige Baggerführer Miles Riper hat sich vielleicht sogar an Restore Britain verkauft. Als Gründe nennt er zunächst die hohen Lebenshaltungskosten. Dann gibt er sich wie ein alter Mann, der sich die alten Zeiten zurückwünscht. „Als ich noch jung war, war alles besser, da konnten Jugendliche noch problemlos im Park abhängen“, sagt der 25-Jährige aus einer Soldatenfamilie. Heute ginge das nicht mehr, sagt er und kritisiert die hohen Einwanderungszahlen.
Die 81-jährige ehemalige Krankenpflegerin Pauline Stafford hat andere Ansichten zu Reform UK. „Sie sind keineswegs alle rassistisch, aber es gibt unter ihnen Elemente, die es sind“, glaubt sie. Deswegen wählt sie Labour. In der Hauptgeschäftsstraße von Ashton verteilen zwei Aktivisten der Kampagne Stand Up to Racism Flugblätter mit Bildern von Farage und Trump und dem Titel „Fünf Gründe, gegen Farage in Makerfield zu stimmen.“ Rassistische Aussagen von Farage werden zitiert und eine Studie, wonach seine Wähler mehrheitlich Nichtbriten abschieben wollten. „Sollte Burnham hier nicht gewinnen, sind die Tore zur Hölle geöffnet. Hier steht sehr viel auf dem Spiel“, warnt der 64-jährige ehemalige Sozialarbeiter David Lowe beim Verteilen.
Alle von der taz befragten Reform-UK-Wähler:innen versichern hingegen ausdrücklich, nicht rassistisch zu sein. „Ich bin Patriot und habe Schwarze Kumpel. Ich will, dass Großbritannien wieder großartig wird“, sagt einer. Die 83-jährige Kathleen Devanney, die auf einen Bus wartet, will Reform UK eine Chance geben. „Keiner von den anderen hat viel verändert.“ Menschen aus Kriegsgebieten müsse man helfen, aber in England gäbe es genug Menschen, denen auch geholfen werden müsse. Doch Devanney argumentiert differenziert. „Wissen Sie, ich respektiere Burnham, für das, was er in Manchester geleistet hat. Wenn er sich später als Premierminister wählen lassen möchte, werde ich ihn unterstützen, solange er uns nicht zurück in die EU bringen möchte.“
Für Labour dürfte alles daran hängen, ob es gelingt, enttäuschte Labourwähler:innen zurückzugewinnen. Der 18. Juni ist auch eine Richtungsentscheidung für Großbritannien. Traditionell siegen in der Region Manchester, die eine Wiege der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts war, die linken Kräfte, nicht die Reaktionäre. Der Slogan „Vote Andy For Us“ bedeutet also mehr, als man denken mag. Er ist eine SOS-Meldung an das Gewissen der Region und ihre Geschichte.
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