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Waffenexporte in JapanVertane Chance

Martin Fritz

Kommentar von

Martin Fritz

Japans Premierministerin erlaubt Waffenexporte und bricht mit einer nationalen Tradition. Eine Positionierung als Friedensmacht wäre klüger gewesen.

Japans Premierministerin Sanae Takaichi Foto: Kyodo/reuters

D ie konservative Premierministerin Sanae Takaichi bricht endgültig mit Japans Pazifismus der Nachkriegszeit und erfüllt damit das Vermächtnis ihres Mentors Shinzō Abe. Der ehemalige Premierminister trieb ab 2014 die Abkehr von der pazifistischen Außen- und Sicherheitspolitik seit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg voran. Er erweiterte die Einsatzmöglichkeiten der Selbstverteidigungsstreitkräfte und erlaubte den Export von nicht tödlicher Militärausrüstung ins Ausland.

Takaichi geht viel weiter, als Abe es jemals gewagt hat. Sie zog die laufende Verdoppelung der Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent der Wirtschaftsleistung um ein Jahr vor und hob nun das Exportverbot für „tödliche Waffen“ auf. Auch will sie mit ihrer Zweidrittelmehrheit im Unterhaus eine seit Langem diskutierte Verfassungsänderung anpacken, damit Japan seine Streitkräfte ohne Beschränkungen einsetzen kann. Die Regierungschefin würde Taiwan zusammen mit den USA gegen China verteidigen, wie sie unvorsichtigerweise im Parlament erklärte. Sicher, Takaichi hat gute Argumente für ihr Vorgehen: Chinas Hegemoniestreben, Nordkoreas Aufrüstung, der Schulterschluss von Russland mit China und Nordkorea. Aber mit ihrem schablonenhaften Freund-Feind-Denken vertut sie die historische Chance, Japan als Friedensmacht zu positionieren. Die Parteidiktatur der Kommunisten in Peking ist für die Länder Asiens ebenso wenig ein Vorbild wie der korrupte Brutalkapitalismus von Trump und seinem Team.

Statt sich auf die Seite der USA zu schlagen, könnte Japan mit dem Ansehen und dem Respekt, den es weltweit genießt, zwischen den großen Machtblöcken vermitteln. Der Japan-Experte Jesper Koll spricht von einer „Pax Nipponica“, die auf kultureller und wirtschaftlicher statt militärischer Kraft beruht. Japan braucht die USA für seine Verteidigung und China für seine Wirtschaft. Dieser Balanceakt würde in der Rolle des Mediators viel besser gelingen als mit dem jetzigen Kurs.

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Martin Fritz
Auslandskorrespondent Japan/Südkorea
Volontariat beim NDR. War Hörfunk-Korrespondent in Berlin während der deutschen Einheit. Danach fünf Jahre als Südasien-Korrespondent in Neu-Delhi. Berichtet seit 2001 aus Tokio über Japan und beide Koreas.
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6 Kommentare

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  • Die Römer haben das Problem dieses Kommentars in fünf Worte gefasst: Si vis pacem, para bellum.

  • Dass ausgerechnet die G7-Volkswirtschaft, die die militärisch aggressivsten Diktaturen der Welt allesamt geografisch quasi auf dem Schß sitzen hat, sich sicherheitspolitisch mehr auf eigene Füße stellen und weniger auf die Trump & Co. verlassen will, soll ein Unding sein?? Es sind nunmal China und Russland, die militärische Eroberungen anstreben. Es hilft überhaupt nichts, so zu tun, als wäre das nicht so. Taiwan BRAUCHT verlässliche Sicherheitsgarantien.



    Und, lieber Herr Fritz, Sie sprechen von "Friedensmacht". Dieses Wort hat nicht umsonst zwei Teile. Frieden ist ein hehres Zeil, aber es bedarf gegen Aggressoren, die vor Krieg als Mittel der Politik nicht zurückschrecken, einer auch auf DIESER Ebene ernstzunehmenden Macht. Frieden in Asien heißt primär, Kriege zu verhindern, die dort von ganz bestimmten Akteuren forciert werden (und das sind bei aller Erratik und Polterei NICHT die USA. Davon auszugehen, dass die schon aus Angst vor den nichtmilitärischen Folgen ihrer Aggression die Waffen ruhen lassen, muss man spätestens seit 2022 als grob fahrlässig bezeichnen. Die bösen alten Zeiten des internationalen Faustrechts sind - leider - eben doch nicht vorbei.

  • Das gilt noch viel mehr für die EU und insbesondere Deutschland!



    Hätte man anstatt "die Ukraine mit zu unterstützen" (mit Geld und Waffen), in den letzten 20 Jahren auf Entspannung mit Russland gesetzt, sähe es dort besser aus. Stattdessen hat man alles haben wollen, Ukraine und Krim in EU und NATO. Was nach hinten losgegangen ist, denn dass die aktuelle Situation eine Erfolgsgeschichte ist, werden wohl die wenigsten behaupten.

    • @XXX:

      Niemand wollte die Ukraine in der Nato, bis sich Russland die Krim unter den Nagel gerissen hat. Die Kooperations- und Entspannungsversuche mit Russland sind Legion. Die längsten Leichen dieser Bemühungen liegen in der Ostsee. Putin seine gewünschte - aber nicht "verdiente" - Rolle als mindestens osteuropäischer Hegemon zuzugestehen, der weiter die vormalige Einflusssphäre der Sowjetunion kontrolliert, wäre schlicht zuviel des Guten gewesen.

      Genau das scheinen die "Russlandversteher" nicht sehen zu wollen: Kein Land hat das Recht auf eine "Vorgarten" aus Staaten, deren Souveränität nur soweit geht, wie es dem jeweiligen Potentaten gefällt. Dass möglicherweise die USA und zunehmend auch China sich solche Vorgärten halten, ändert daran gar nichts. Russland ist wirtschaftlich nicht der Gigant, der es gern wäre, und dass es militärisch brutal um sich schlagen kann, ist kein Argument im zivilisierten Umgang der Nationen untereinander.

  • Auch will sie mit ihrer Zweidrittelmehrheit im Unterhaus eine seit Langem diskutierte Verfassungsänderung anpacken, damit Japan seine Streitkräfte ohne Beschränkungen einsetzen kann. Die Regierungschefin würde Taiwan zusammen mit den USA gegen China verteidigen, wie sie unvorsichtigerweise im Parlament erklärte."



    Die Vorhaben zur Ausdehnung v. Aktivitäten als Abkehr von der pazifistischen Ausrichtung haben nach alter Lesart angeblich besonders hohe Hürden d. Verfassung zu überwinden, eine mehrfache Absicherung aus guten Gründen sei eine Garantie vor Aggression.



    Aber schon 2014 b. deutschlandfunk.de



    "Allerdings ist Japan nicht unbewaffnet. Die sogenannten „Selbstverteidigungskräfte“ haben sich zu einer modernen, schlagkräftigen Armee mit 240.000 Soldaten entwickelt. Japan verfügt über Kampfflugzeuge, 3 Flugzeugträger, mehr als 40 Zerstörer und die angeblich besten konventionell angetrieben U-Boote der Welt. Doch bisher durfte diese Streitmacht – von ein paar internationalen Friedensmissionen abgesehen – nur zur Verteidigung des eigenen Landes eingesetzt werden. Künftig folgt Japan dem Konzept der „kollektiven Selbstverteidigung“, es darf Verbündeten zu Hilfe kommen. Um Skeptiker..."

  • Der diesjährige Neville-Chamberlain-Preis geht an: Martin Fritz!