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WM-Fieber in DeutschlandGeht’s raus und freut’s euch!

Der DFB will eine möglichst politikfreie Fußball-WM. Bislang läuft alles prächtig in die gewünschte Richtung.

Oberrealo Rudi Völler: Mit dem Weltfrieden wird es vor dem Eröffnungsspiel eh nichts Foto: Frederico Gambarini/dpa

E s gibt sie wieder: die Wade der Nation. Manuel Neuer schleppt sich gerade mit ihr herum. Eigentlich macht er das schon stolze 40 Jahre, nur in den vergangenen Monaten eben mit vermehrten Ausfallerscheinungen. So knapp vor der WM, da wir doch gerade von Bundestrainer Julian Nagelsmann nach der Degradierung von Stammtorhüter Oliver Baumann gelernt haben: „Mit Manu sind wir besser als ohne Manu.“ Neuer, der das schon vorher wusste, beruhigte vermutlich deshalb bereits im April die deutschen Fans wegen der wiederkehrenden Problematik so anschaulich. Das sei nicht weiter schlimm, sagte er, das sei wie ein Schnupfen in der Wade.

Doch mit jedem weiteren Tag Wadenschnupfen steigt das WM-Fieber beim deutschen Publikum. Wie soll das nur gehen ohne Manu? Die Beunruhigung über den immer mehr ins Autoritäre abkippenden WM-Gastgeber USA, den unberechenbaren Präsidenten Donald Trump und mögliche gewalttätige Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE sind längst den nicht minder konkreten Sorgen gewichen, wie die DFB-Elf etwa das komplizierte Auftaktspiel gegen Curaçao für sich entscheiden könnte.

Mit oder ohne Neuer? Was ist, wenn Joshua Kimmich ausfallen sollte, für den es doch keinen echten Ersatz gibt? Und wäre es nicht besser, wenn Kai Havertz nicht noch dieses Champions-League-Finale hätte spielen müssen, weil er nun einen Teil der Vorbereitung verpasst?

Studie am Fanherz

Solche Ungewissheiten erhöhen das Stresslevel. Und wenn es erst einmal losgeht, wird es noch schlimmer. Forschende der Universität Bielefeld nehmen sich der vielleicht lange unterschätzten Problematik des WM-Fiebers an. Sie untersuchen in den nächsten Wochen mithilfe einer Smartwatch am Fußballfanarm, wie die Anhänger verschiedener Nationen körperlich auf bestimmte Spielereignisse reagieren. Erfasst werden Herzfrequenz, Stress, Bewegung und Schlaf.

Die Herzen der Fifa-Funktionäre schlagen gewiss jetzt schon höher, wenn sie wieder einmal dabei zusehen können, wie dieses Großereignis auch noch so große Probleme in den Schatten zu stellen vermag. Spätestens mit dem Anpfiff tickt die Welt scheinbar wieder synchron. Das Verlangen nach Ablenkung ist größer denn je. Unter diesen klimatisch günstigen Bedingungen wächst ein jedes Thema etwa rund um den DFB-Tross zu einer wundersamen Größe an. Lässt sich der Bundestrainer im maximalen Erfolgsfalle wirklich mit David Raum ein Tattoo stechen? Und was hat es genau mit dem Gamingkoffer des 18-jährigen Neulings Lennart Karl auf sich, den dieser bei der Anreise ins DFB-Lager vor sich herschob?

Eine Ausnahme von dieser WM-Ablenkungsregel war nur bei dem Turnier in Katar 2022 rund um das deutsche Team zu beobachten. Aber diesen selbst diagnostizierten Fehler, sich von politische Schwingungen berühren zu lassen, den will der DFB, wie er dieser Tage besonders betont, partout nicht noch einmal machen. Rudi Völler, ein Realo durch und durch, erklärte diese Woche: „Ich hätte auch gern lieber ein bisschen mehr Frieden überall. Das wird jetzt nicht zu lösen sein bis zum Eröffnungsspiel.“ Er appellierte, Politik und Fußball während der WM voneinander zu trennen.

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Als positive Zeichen, dass man auf dem besten Weg zur politikfreien WM ist, können neben dem Gamingkoffer die intensiven Debatten um jede Detailfrage bei der Kadernominierung von Julian Nagelsmann oder eben die kollektive Anteilnahme an Neuers Wadenschnupfen gewertet werden. „Wir tun gut daran, uns jetzt auf die WM zu freuen“, mahnte Völler. Franz Beckenbauer hätte es vermutlich ein wenig direkter formuliert: „Geht’s raus und freut’s euch!“ Johannes Kopp

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taz-Sportredakteur
Jahrgang 1971, bis Ende März 2014 frei journalistisch tätig. Seither fest mit dem Leibesübungen-Ressort verbunden.
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