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WM-Boykottdrohung im FrauensportNicht einmal Tagegeld

Österreichs Eishockeyspielerinnen erlangen mit radikalem Protest gegen den Verband Sichtbarkeit. Gut so, etliche Missstände werden kaum wahrgenommen.

E rstmals haben sich Österreichs Eishockeynationalspielerinnen für eine Weltmeisterschaft qualifizieren können. Und genau dieses Turnier, das im November in Dänemark ausgetragen wird, erwägen die Sportlerinnen nun wegen fehlender Wertschätzung ihres Verbandes zu boykottieren. Die Überlegung illustriert den hohen Verzweiflungsgrad.

„Genug ist genug“, hat Kapitänin Anna Meixner dieser Tage gesagt. Der Einladung zum Vorbereitungsturnier in die Slowakei vergangenes Wochenende sind einige Nationalspielerinnen nicht gefolgt, andere wie Meixner, die sich mit ihrem Protest besonders hervorgetan haben, wurden vom Verband gar nicht eingeladen. Insgesamt fehlten elf Auswahlspielerinnen bei dem wichtigen Testturnier.

Seit Jahren kämpfen die Eishockeyfrauen schon vergeblich um bessere Rahmenbedingungen und finanzielle Entschädigungen. Es gab bislang kein Tagegeld, nur eine Mahlzeit pro Tag, Übernachtungen in Etagenbetten, Aufwärmpullis nur in XXL-Männergröße und für die anderweitig Berufstätigen viel zu kurzfristige Einladungen zu Leistungstests oder Trainingslagern. Der Verband verteidigt sich damit, den Spielerinnen für das kommende Jahr schon Verbesserungen in Aussicht gestellt zu haben. Diesen sind die Angebote zu unkonkret.

Freilich kann man diese Geschichte als einen Extremfall relativieren. Zu bedenken ist aber auch: Ein breites Publikum hat erst davon mitbekommen, weil die Sportlerinnen sich zu einer extremen Reaktion entschlossen haben.

Hartnäckige Rückständigkeit

Die Einkommensverhältnisse zwischen Männern und Frauen im Sport zeugen im Vergleich mit anderen gesellschaftlichen Bereichen nach wie vor von hartnäckiger Rückständigkeit. Gerechtfertigt wird das gern mit der höheren Nachfrage der Konsumentinnen und Konsumenten für den Männersport. Der Markt regele eben die Preise. Selten wird dabei mitbedacht, dass Frauen über Jahrzehnte erschwerte Zugänge zum Sport hatten. Das ist ein struktureller Nachteil, der sich natürlich auch in der sportlichen Entwicklung der jeweiligen Sportarten bemerkbar gemacht hat.

Viele prekäre Geschichten werden auch deshalb kaum wahrgenommen, weil so aufmerksamkeitserregende Protestformen wie ein WM-Boykott nicht zur Wahl stehen. „Spiegel online“ berichtete kürzlich darüber, wie entsetzt Arbeitsrechtler über die Verhältnisse in der Handball-Bundesliga der Frauen sind. Einige Spielerinnen werden auf Minijob-Basis angestellt und verdienen wegen der höheren Arbeitszeit dabei nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn. Die Bundesregierung, beklagt ein Arbeitsrechtler, habe das Unterlaufen des Mindestlohns im Sport begünstigt, indem die Sportvereine von den Kontrollmechanismen verschont wurden.

Dies gilt natürlich auch für den Männersport. Im Frauensport sind davon allerdings in größerem Maße die Allerbesten betroffen. Empörungswellen werden von solchen Geschichten nicht gerade ausgelöst.

Fortschritte müssen selbst bei den Fußballerinnen, die im Vergleich zu ihren Kolleginnen in anderen Sportarten privilegiert sind, mühsam erkämpft werden. Seit etlichen Jahren wird immer wieder ein Mindestlohn für die 1. und 2. Fußball-Bundesliga der Frauen gefordert, damit die Vereine professioneller arbeiten können, ihr Training nicht immer abends ansetzen müssen. Umgesetzt wurde dies bis heute nicht. Es gibt lediglich Absichtserklärungen. In diesem konkreten Fall könnten radikalere Protestformen der Fußballerinnen ebenfalls sinnvoll sein.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Johannes Kopp taz-Sportredakteur

Jahrgang 1971, bis Ende März 2014 frei journalistisch tätig. Seither fest mit dem Leibesübungen-Ressort verbunden.
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1 Kommentar

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  • Herma Huhn

    Es mag ja unfair sein, dass manche Sportler von ihrem Beruf leben können und andere nicht. Aber wer verlangt denn, dass es eine international vorne mitspielende Nationalmannschaft im Eishockey gibt? Wenn ein Mindestlohn für Nationalspieler eingeführt wird, dann gibt es anschließend vielleicht keine Mannschaft mehr, weil das Geld dafür fehlt. Dann könnte auch niemand mehr sagen, ich brauche das Geld nicht, ich will trotzdem spielen.



    Sport ist ein Hobby, welches manche Glücklichen zu ihrem Beruf machen können. Andere halt nicht.



    Und wenn es keine Nationalmannschaft gibt, weil niemand es finanzieren will, dann ist das halt so.



    Ich sehe keinen Grund dafür, anderen ihr Hobby zu finanzieren, nur weil sie darin besser sind als ich. Sportförderung in der Breite und finanzielle Unterstützung von Jugendtrainern ist deutlich wichtiger. Bevor Nationalmannschaften unterstützt werden, bestehe ich auf einer Studie, die beweist, dass jeder Euro für internationale Wettbewerbe mindestens ein Euro zehn für den Breitensport generieren kann.