Anschläge in NRW und Brandenburg: Angriff auf das Stromnetz vor den Wahlen
Die Angriffe auf zwei Kraftwerke in Deutschland liefen wohl nach dem gleichen Muster ab. Das spricht gegen die „Vulkangruppe“ und für staatliche Auftraggeber.
Foto: Henning Kaiser/dpa
Während die Bundesregierung noch mit einer Reaktion auf den Drohnenangriff am Leipziger Flughafen beschäftigt war, kam es am Dienstag zu zwei weiteren Angriffen auf deutsche Infrastruktur. Die Anschläge trafen zwei Kraftwerke: eines im brandenburgischen Jänschwalde, eines Bergheim-Rheidt nahe Köln. Die Behörden gehen davon aus, dass es sich um gezielte Terrortaten handelt, anders als in Leipzig gibt es bislang aber keine klaren Schuldzuweisungen gen Russland.
In Jänschwalde im Südosten Brandenburgs setzten die unbekannten Angreifer am Dienstag früh offenbar rund 20 selbstgebaute Raketen ein. Nur eine davon hob wohl tatsächlich ab und flog in ein Umspannwerk, das zum Kraftwerk Jänschwalde gehört. Ein Block des Kraftwerks fiel aus, größere Schäden gab es aber nicht, die Stromversorgung der Region blieb stabil. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) sagte, man habe „verdammtes Glück gehabt“.
Fotos im Netz sollen eine der Raketen zeigen, sie erinnert an einen Feuerwerkskörper. Zu sehen ist auch ein langes Kabel, das die Rakete offenbar in die Stromleitung tragen sollte, um so einen Kurzschluss zu verursachen. Laut den Behörden seien für den Anschlagsversuch erhebliches technisches Know-how sowie mehrtägige Vorbereitungen am Tatort nötig gewesen.
Weiterer Angriff in NRW
Der Anschlag auf das Kraftwerk im nordrhein-westfälischen Bergheim-Rheidt nahe Köln wurde in der Nacht auf Mittwoch bekannt und lief offenbar ganz ähnlich ab wie in Brandenburg. Hier versuchten Unbekannte ebenfalls einen Kurzschluss in einem Umspannwerk herzustellen und hatten dabei wenig Erfolg. Erneut wurden Raketen verwendet, die auch zum Ausfall mehrerer Kraftwerkblöcke führten. Die Stromversorgung blieb aber unbeeinträchtigt.
Wie in Brandenburg gehen die Behörden auch in NRW von einer gezielten Aktion aus, ohne dass es bislang konkrete Hinweise darauf gebe, wer die Täter sind und welche Motive sie hatten. Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) sagte: „Wer da rangeht, greift unser Land an.“ Für mögliche Täter hält er linksradikale Gruppen oder ausländische Geheimdienste.
Für einen linksradikalen Hintergrund spricht bislang aber wenig. Zwar soll die sogenannte „Vulkangruppe“ in der Vergangenheit mehrmals Anschläge auf Infrastruktur wie Bahnstrecken und oder das Stromnetz begangen haben. Dabei veröffentlichten die mutmaßlichen Linksradikalen anschließend allerdings stets ein Bekennerschreiben – dies gibt es bisher weder zu Jänschwalde noch zu Bergheim-Rheidt. Außerdem waren die Aktionen der Vulkangruppe auf den Raum Berlin-Brandenburg beschränkt. Dass die Splittergruppe jetzt plötzlich hochkomplexe und mutmaßlich aufeinander abgestimmte Anschläge in mehreren Bundesländern ausführen kann, scheint eher unwahrscheinlich.
Wer dahinterstecken könnte
Stichhaltiger scheint die These, dass ein ausländischer Geheimdienst hinter den Attacken steckt und so versucht, das deutsche politische System und die Gesellschaft zu verunsichern. Der CDU-Innenexperte Alexander Throm zog am Mittwoch eine direkte Verbindung zwischen den Anschlägen und den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. „Es ist extrem auffällig, dass jetzt wieder eine Häufung dieser Anschläge und Vorkommnisse unmittelbar im Vorfeld von Wahlen stattfindet“, sagte Throm. Er sei überzeugt: „Es ist ganz klar das Ziel, die Bevölkerung zu verunsichern.“
Obwohl weder Throm noch andere Politiker*innen oder Sprecher der Sicherheitsbehörden bislang das Wort „Russland“ ausgesprochen haben, liegt der Verdacht doch nahe. Für Auftraggeber im Kreml spricht etwa die zeitliche Nähe zur Pressekonferenz, in der Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) Russland offiziell beschuldigten, hinter der Drohnenattacke von Leipzig Anfang August zu stecken. Erste Berichte, nach denen die Bundesregierung öffentlich Russland der Tat bezichtige, hatte es am Wochenende gegeben.
Unabhängig von der Täterschaft verdeutlichen die Angriffe von Dienstag einmal mehr, wie verwundbar die deutsche Infrastruktur ist. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) forderte die Politik am Mittwoch zum Handeln auf: „Es kann uns jederzeit an jedem Ort treffen, weil es trotz aller Vorkehrungen, die wir in den Unternehmen bereits leisten und intensivieren müssen, keine hundert Prozent Sicherheit gibt“, sagte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing. „Sicherheit ist originäre Aufgabe des Staates, und die aktive Abwehr von Anschlägen damit Aufgabe der Polizei und Geheimdienste, nicht der Unternehmen.“
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert