Anschlag auf Münchner Firmen: Drei Anschläge, zwei Verdächtige, viele Fragen
Rüstungsunternehmen stehen verstärkt im Visier russischer und linker Attentäter. Im Münchner Osten flogen jetzt Brandsätze.
Foto: Peter Kneffel/dpa
Der Schaden ist gering, wie groß die Gefahr einer Brandkatastrophe allerdings war, ist unklar. In der Nacht auf Donnerstag waren nach Angaben des bayerischen Landeskriminalamts (LKA) mehrere Brandsätze auf eine Baustelle zwischen Ostbahnhof und Mittlerem Ring geworfen worden. Das LKA vermutet einen politisch motivierten Anschlag auf ein Rüstungsunternehmen und hat sich deshalb in die Ermittlungen eingeschaltet.
Die Baustelle soll zum Firmengelände von Rohde & Schwarz gehören, einem Technologiekonzern, der etwa mit einer ukrainischen Rüstungsfirma zusammenarbeitet. In unmittelbarer Nähe befindet sich auch die Zentrale des Helsing-Konzerns, der nicht zuletzt durch seine KI-gestützte Kamikaze-Drohne von sich reden macht. Einem Bericht des Bayerischen Rundfunks zufolge ist das LKA der Ansicht, dass der Anschlag „nicht oder nicht nur dem Unternehmen Rohde & Schwarz gegolten hat“.
Gegen Mitternacht hatte sich ein Zeuge bei der Polizei gemeldet. Er habe beobachtet, wie aus einem vorbeifahrenden Auto mehrere Brandsätze auf das Gelände geworfen worden seien. Mindestens einer davon verursachte den Ermittlern zufolge ein Feuer. Der Brand konnte allerdings schon von den Polizeibeamten gelöscht werden, bevor größerer Schaden entstand. Ein weiterer Brandsatz zündete nicht und wurde später von Spezialkräften entschärft. Dafür wurde die Gegend weiträumig abgesperrt.
Noch in der Nacht wurden an einer Tankstelle am nahen Innsbrucker Ring eine 28-Jährige und ein 38-Jähriger festgenommen. Beide sind bulgarische Staatsangehörige. Ob sie unmittelbar verdächtigt werden, den Brandanschlag begangen zu haben, ist jedoch unklar. Auch um was für Brandsätze es sich genau gehandelt hat, wurde bislang nicht bekannt. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung (SZ) waren es jedenfalls nicht nur vergleichsweise simple Molotow-Cocktails.
Im Jahr 2021 hatte es schon einmal einen Anschlag in der Nähe von Rohde & Schwarz gegeben. Bis heute unbekannte Täter hatten damals eine Stromanleitung in Brand gesetzt, die in einer Baugrube lag. Damals waren die Auswirkungen um einiges gravierender: Rund 20.000 Haushalte waren in der Folge ohne Strom. Später war auf der linksradikalen Plattform Indymedia ein Bekennerschreiben veröffentlicht worden, das laut SZ Bezug auf Rohde und Schwarz nahm: Es sei „erfreulicherweise“ gelungen, der Firma für 24 Stunden „den Saft abzudrehen“.
Deutsche Rüstungsunternehmen sind freilich nicht nur im Visier von Linksextremisten. Seit Beginn des Ukrainekrieges gelten sie auch als Ziel russischer Angriffe. Schließlich ist Deutschland der wichtigste Unterstützer der Ukraine. „Es besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass entsprechende Unternehmen das Ziel von Ausspähungs- und Sabotagehandlungen durch russische staatliche Stellen oder in deren Auftrag werden“, warnte das Bundesamt für Verfassungsschutz zuletzt. „Das gilt mit Blick auf die strategische Aufklärung, die verdeckte Beschaffung von militärischen Technologien und einschlägigem Know-how, aber auch gezielte Einflussnahme und Sabotagehandlungen.“
Aiwanger will sich der Realität stellen
Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) verurteilte den Anschlag indes scharf. „Wir müssen uns der Realität stellen, dass feige Angriffe auf deutsche Unternehmen und Infrastruktur zunehmen“, so Aiwanger, der auch stellvertretender Ministerpräsident ist.
Leider sei dies nicht der erste Fall, in dem ein Technologieunternehmen mit Nähe zur Sicherheits- und Verteidigungsindustrie ins Visier gerate. Von der Bundesregierung erwartet der Politiker mehr Rechtssicherheit für ausgewählte Unternehmen, etwa im Bereich der Drohnenabwehr im Falle von Angriffen auf ihre Einrichtungen.
Auch für Innenminister Joachim Herrmann (CSU) handelt es sich um einen Anschlag mit „politischem Hintergrund“. Der Vorfall zeige für ihn, dass nicht nur die Infrastruktur, sondern auch Rüstungsunternehmen einem verstärkten Anschlagsrisiko ausgesetzt seien.
„Diese Risiken müssen wir sehr ernst nehmen und darauf gefasst sein, dass sich so etwas jeden Tag an irgendeinem anderen Ort in Deutschland ebenso ereignen kann“, sagte Herrmann in Nürnberg. Das alles sei aber nichts völlig Neues, sondern entspreche auch Befürchtungen und Erwartungen der jüngeren Vergangenheit.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert