Vorurteile im Ehrenamt: „Häufig fehlt das Bewusstsein für die eigenen Privilegien“
Um Machtverhältnisse abzubauen, müssen wir uns kritisch mit unseren Vorurteilen auseinandersetzen. Mit dem „Anti-Bias-Ansatz“ hilft Rita Panesar dabei.
taz: Frau Panesar, was bedeutet „Bias“?
Rita Panesar: Bias kommt aus dem Englischen und heißt so viel wie Vorurteil und Schieflage. Der Begriff bezieht sich nicht nur auf individuelle Wahrnehmungsverschiebungen, sondern es geht auch um die Vorurteilsstrukturen, die wir in Institutionen finden, in Sprechweisen, in Logiken, Entscheidungspraktiken, Witzkulturen – auch da haben sich Vorurteile eingenistet. Es geht um Schieflagen in der Gesellschaft, um Benachteiligung und Privilegien.
taz: Und mit dem Anti-Bias-Ansatz wollen Sie Schieflagen ins Gleichgewicht bringen?
Panesar: Genau. Der Ansatz kommt aus der US-amerikanischen Elementarpädagogik. Dort hat man festgestellt, dass Kinder schon im Alter von zwei bis drei Jahren unbewusst Vorstellungen über die Ungleichwertigkeit von Menschen erlernen. Der Anti-Bias-Ansatz wurde entwickelt, um diese Vorstellungen zu verlernen, strukturelle Barrieren abzubauen und Gleichwürdigkeit im Miteinander einzuüben. Der Ansatz wurde dann in Südafrika weiterentwickelt, weil man festgestellt hat, dass die Apartheid zwar qua Gesetz abgeschafft ist, aber in den Köpfen weiterexistiert.
taz: Es geht also darum, internalisierten Rassismus zu verlernen?
Jahrgang 1970, ist promovierte Historikerin und Religionswissenschaftlerin. Seit 2009 unterstützt sie in der „Anti-Bias-Praxis“ (anti-bias-praxis.de) Unternehmen, öffentliche Institutionen sowie Schulen in diversitätsbewussten und diskriminierungskritischen Öffnungsprozessen.
Panesar: Der Anti-Bias-Ansatz bezieht sich auch auf Sexismus, Ableismus, Queerfeindlichkeit, Klassismus – es ist ein intersektionaler Ansatz. Das macht ihn so besonders, weil er die Chance bietet, dass Menschen miteinander in Kontakt treten und sich in all ihren Verstrickungen und Betroffenheiten gemeinsam gegen Ungerechtigkeit und gegen diese schädlichen Vorstellungen der Ungleichwertigkeit von Menschen engagieren.
taz: Statt unterschiedliche Betroffenheiten gegeneinander auszuspielen.
Panesar: Genau, wie zum Beispiel im antimuslimischen Rassismus und im alten Feminismus. Dabei rufen alle Diskriminierungsformen Gefühle von Trauer, Verletzung, Scham hervor, sie schwächen sowohl individuell als auch gesellschaftlich. Es ergibt sehr viel Sinn, sich zu verbünden, um sich gemeinsam gegen strukturelle Diskriminierung stark zu machen. Und es kann unglaublich hilfreich sein, in einem geschützten Raum miteinander in den Austausch zu gehen.
taz: Und welche Rolle spielt der Ansatz im Ehrenamt? Denn – jetzt mal polemisch formuliert – im Ehrenamt will man ja helfen.
Panesar: Es gibt auch schädliche „Hilfe“ – Paternalismus, wo man sich gut fühlt, dass man anderen hilft, jedoch sein Gegenüber schwächt, weil man es abhängig macht. Und dann gibt es Hilfe zu Selbsthilfe, die empowert. Auch im Ehrenamt geht es darum, das Machtverhältnis in eine Balance zu bringen, anstatt sich nur gut zu fühlen, weil man hilft. Im Ehrenamt gibt es viele engagierte Menschen, die Gerechtigkeit vorantreiben wollen. Da liegt der Teufel im Detail: Wie verhindere ich, irgendwelche Klischees aufzumachen? Das ist eben gar nicht so einfach, weil wir ja alle diese Vorurteile erlernt haben.
Kostenlose Online-Fortbildung für Engagierte in der Freiwilligenarbeit „Auf Augenhöhe mit Geflüchteten?“: 15. April 2026, 18 Uhr. Eine verbindliche Anmeldung zu dieser und weiteren Anti-Bias-Fortbildungen über www.freiwilligen-agentur-bremen.de.
taz: Der Workshop, den Sie geben, heißt „Auf Augenhöhe mit Geflüchteten?“.
Panesar: Genau, mit einem Fragezeichen. Viele Ehrenamtliche wünschen sich Augenhöhe. Aber häufig fehlt das Bewusstsein für die eigenen Privilegien: Wie viel einfacher es beispielsweise ist, sich mit Behörden auszutauschen, Wissen, Ressourcen oder Netzwerke zu nutzen.
taz: Anti-Bias-Arbeit setzt voraus, dass man überhaupt das Interesse hat, sich mit eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen. Damit werden rechte Menschen gar nicht erreicht.
Panesar: Trotzdem ist es sehr wichtig, auch innerhalb der Bubble zu arbeiten. Sich zu stärken, sich zu verbinden – gerade angesichts der aktuellen politischen Lage. Rassismus tritt oft verschleiert auf und äußert sich in Zwischentönen und Mikroaggressionen, im Vorenthalten von Anerkennung, Ressourcen und Teilhabe. Neben den Menschen, die ein geschlossen rechtsextremes Weltbild haben, gibt es viele Menschen, die unsicher und orientierungslos sind, die Zukunftssorgen haben – gerade diese Menschen wollen wir erreichen, um noch mal daran zu erinnern: Alle Menschen sind gleich viel wert.
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