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Vorsondierungen in der Hauptstadt Keine Brandmauer durch Berlin

Gastkommentar von

Andreas Petrik

Mit Rot-Grün-Rot könnte die Linkspartei zur Avantgarde ihrer eigenen Entrevolutionierung werden. Und sollte dabei sogar trotzdem radikal bleiben.

A ls die Grünen 1983 in den Bundestag einzogen, entgingen sie knapp einem Krawattengate. Der damalige CSU-Innenminister Friedrich Zimmermann wollte verhindern, dass „diese Typen“ (die Frauen auch?) ohne Schlips im Parlament saßen; Franz Josef Strauß sah eine „trojanische Sowjetkavallerie“. Ganz grundlos war die Sorge nicht: In der jungen Partei saßen ehemalige Kader maoistischer K-Gruppen, die zuvor die bürgerliche Demokratie überwinden wollten.

Falsch war aber, vom extremistischen Ballast auf die ganze Partei zu schließen. Auch die jüngeren Grünen kennen den Mechanismus. Aus einem notwendigen, im Detail kritisierbaren Gebäudeenergiegesetz machte Springer „Habecks Heiz-Hammer“ – bis viele glaubten, die Grünen würden funktionierende Heizungen austauschen und Deutschland „deindustrialisieren“. Untergangsszenarien verkaufen sich gut.

Andreas Petrik

ist Professor für Politikdidaktik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Mitglied der Grünen und trägt keine Krawatte. Er forscht zu demokratischer Identitätsbildung durch handlungsorientierte Methoden. Sein Spielfeld sind Schulen, Lehrerbildung, Verbände und politische Bildungsträger.

Nun ist die Berliner Linke der neue Bürgerschreck – und auch das nicht ganz ohne Grund. Ihre Russland- und Sicherheitspolitik erscheint bestenfalls naiv, manche Forderungen zum Abbau von Polizei und Verfassungsschutz kontraproduktiv, Teile ihrer Israelpolitik unerträglich einseitig. Dazu kommen antisemitische Milieus, problematische Kontakte und Elif Eralps frühere Mitgliedschaft in der Roten Hilfe.

Doch naiv, kontraproduktiv und einseitig heißt noch nicht antidemokratisch. Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält Vergesellschaftung im Berliner Fall für einen „schwerwiegenden Fehler“; Artikel 15 GG jedoch lässt sie ausdrücklich zu. Der Verfassungsschutz beobachtet nicht die Gesamtpartei, sondern extremistische Teilstrukturen auf Länderebene.

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Pseudoradikal wird es dort, wo an die Stelle konkreter demokratischer Umverteilungsmaßnahmen revolutionäre Selbstgewissheit tritt. Die eigene Seite heißt dann „Widerstand“ und genießt moralischen Kredit, die andere „Herrschaft“ und wird damit pauschal delegitimiert. Polizei wird zum Gegner, militärische Wehrhaftigkeit zur „Aufrüstung“, Israel zum ausschließlichen Täter.

Linke Kritik ist nur dann glaubwürdig, wenn sie ihre Maßstäbe universalisiert: Wer den Kapitalismus innerhalb von Demokratien zu Recht an Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit misst, darf zugleich die Gewaltherrschaft der Hamas nicht als „Widerstand“ verharmlosen. Ähnliches gilt für die Rote Hilfe: Rechtsschutz gegen Polizeiwillkür ist nötig. Problematisch wird es, wenn aus Rechtshilfe für linke Straftäter politische Solidarität mit ihnen wird.

Rechtfertigt das die Schmutzkampagne gegen die Linke? Wirtschaftsministerin Reiche vermengt Vergesellschaftung, Antisemitismus und organisierte Kriminalität, Alexander Dobrindt macht Eralp in einer Talkshow zur Antisemitin, Springer sieht SPD und Grüne den „demokratischen Sektor“ verlassen. Das rechtspopulistische Onlineportal Nius sieht eine „Judenhass-Partei“ ins Rote Rathaus ziehen; Bild-Kolumnist Harald Martenstein bemüht gar hilflos die erotische Attraktivität autoritärer „Gangstertypen“. Aus Verfehlungen Einzelner wird Generalverdacht, aus Kritik Verdammung – und aus einer demokratischen Partei, die als Gesamtpartei nicht fehlerhafter ist als andere, der Untergang des Abendlands.

Der Hufeisenblick verbiegt die Wirklichkeit, bis links und rechts sich scheinbar berühren

Insbesondere die CDU sitzt im Glashaus: Der aus anderen Gründen als Fraktionschef und danach auch von seinem Sitz im Haushaltsausschuss zurückgetretene Jens Spahn verkehrte mehrfach in Peter Thiels „Dialog“-Netzwerk, die Union übernimmt AfD-Deutungsmuster zur Migration – trotzdem erklärt niemand die CDU zur antidemokratischen Partei.

Der Hufeisenblick verbiegt die Wirklichkeit, bis links und rechts sich scheinbar berühren. Allein das neue Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte dokumentiert die Verfassungswidrigkeit der AfD mit mehr als 2.500 Belegen. Ein vergleichbarer Befund zur Gesamtpartei Linke liegt nicht vor. In ihren Programmen findet sich keine einzige antidemokratische Forderung.

Auch die Regierungspraxis widerspricht dem Schreckbild: Wo die Linke mitregierte, agierte sie pragmatisch und kompromissorientiert – unter Ramelow in Thüringen bis zur parteiinternen Klage, seine Politik sei „höchstens sozialdemokratisch“. Wo dagegen Rechts­ex­tre­mis­t*in­nen Regierungsgewalt erlangten, erfolgte demokratischer Rückbau – wie Orbán in Ungarn, die PiS in Polen und Trump in den USA gezeigt haben.

Wie ich hier am 13. August argumentiert habe, verläuft die linke Brandmauer nicht zwischen demokratischen Parteien, sondern gegen Antisemitismus, politische Gewalt, Bündnisse mit Islamisten und Putin-Apologie.

Michel Friedman warnt Grüne und SPD vor einer Koalition mit einer Linken, die antisemitische Links­ex­tre­mis­t*in­nen und Is­la­mis­t*in­nen dulde. Zugleich nennt er soziale Ungerechtigkeit „so brutal wie noch nie“ und warnt vor ihren Folgen für die Demokratie. Beides gehört zusammen. Genau deswegen brauchen wir Rot-Grün-Rot in Berlin – mit einer Linken, die Friedmans Sorge zu ihrer eigenen macht.

SPD und Grüne profitieren von einer Linken, die die soziale Frage radikaler stellt als sie selbst und migrantischen Milieus ein politisches Zuhause gibt. Die Linke wiederum könnte durch die Koalition politisch erwachsener werden. Dazu muss sie nicht ihre antikapitalistische Radikalität aufgeben, wohl aber ihr Revolutionsgebaren und ihre doppelten Maßstäbe.

Regierungsverantwortung zwingt dazu, Forderungen an ihren Mitteln und Folgen zu messen. Den Grünen ist diese Transformation längst gelungen. Sie haben ihren antidemokratischen Ballast abgestoßen, sind dennoch die Partei des fundamentalen ökologischen Umbaus geblieben – und werden gerade deswegen so gehasst. Zumal sie, wenn es darauf ankommt (Corona, Ukraine), verlässlich staatstragend handeln.

So könnte die Linkspartei im Verbund mit Grün-Rot zur Avantgarde ihrer eigenen Entrevolutionierung werden: radikal in der sozialen Frage, kompromisslos gegenüber Antisemit*innen, Is­la­mis­t*in­nen und Be­für­wor­te­r*in­nen politischer Gewalt, mithin staatstragend, wenn es darauf ankommt. Zur Rettung ihrer Radikalität vor der eigenen Revolutionsromantik. Nicht Krawatte anlegen. Revolutionsgebaren ablegen.

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6 Kommentare

  • Sybille Bergi

    Die Linke hat in Berlin bewusst mit dem Gaza Konflikt Wahlkampf gemacht, weil ihr klar ist, dass sie mit ihren klassischen Themen (sexuelle und gesellschatliche Vielfalt) keine migrantischen Milieus abholt. Das ist populistisch und unehrlich.

  • Karla Columna

    Bei der Linken ist es ja eher so, dass sie schon mal staatstragende Partei in Berlin war, so staatstragend, dass sie Sachen mitgetragen hat (Privatisierung von Wohnungen zb), die sie vielleicht besser nicht hätte mittragen sollen. Nun hat sie ein Revival erlebt, das hauptsächlich auf populistischen Versprechen (Vergesellschaftung löst alle Mietenprobleme, der Nahostkonflikt wird in Neukölln gelöst…) beruht. Die Grünen haben es nicht geschafft, ihre Themen nach vorne zu bringen und sich wichtigen Problemen wie der Mietenproblematik mit guten Lösungen anzunehmen. Der SPD täte es wiederum ganz gut, mal in die Opposition zu gehen und zu überlegen, ob es nicht doch besser ist, fähige Leute wie Hikel zu promoten, statt immer mehr nach links zu rücken wo ja nun auch schon die Linke da ist. Nein, ich wünsche mir nicht eine rot-grün schwarze Regierung, ich denke nur, diese Links grün rote Koalition wird nicht lange halten.

  • Vigoleis

    Der Knackepunkt des Textes (neben vielen kritikwürdigen Aussagen wie etwa die zu einer "linken Brandmauer" in Bezug auf die aktuelle Berliner Linke) ist: "Die Linke könnte durch die Koalition erwachsener werden." Diesem Prozess möchte ich als unmittelbar betroffener Bürger wenn irgendmöglich nicht beiwohnen, wenn die pubertierende Linken am Ende des Prozesses inmitten eines gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Trümmerfeldes feststellt, dass z.B. Polizei, Feuerwehr, Verfassungsschutz oder der Schutz persönlichen Eigentums, oder anders gesagt: bestimmte Ordungsfaktoren, doch nicht völlig verzichtbar sind.

  • Hubertus von Mainberg

    Wer immer noch vor Enteignungen warnt, während gleichzeitig so viel Profit mit Wohnraum gemacht wird, hat den Schuss nicht gehört.



    Grundbedürfnisse gehören in die öffentliche Hand. Wer sich eine Yacht leisten kann, weil ihm Tausende arme Menschen dies finanzieren, gehört nicht entschädigt, sondern ins Gefängnis.

  • Christiane Link

    Endlich mal ein Kommentar,der alles auf die Füße stellt. Wie wollen wir Veränderung und mehr soziale Gerechtigkeit erreichen wenn wir die Politik den alten Bewahrern überlassen.Es braucht keine Revolution aber Leute die den gemeinschaftlichen 6nd sozialen Gedanken nicht aus den Augen verlieren.K8mpromisse sind(leider)



    Unver meidlich aber nötig wenn es e ndlichen mal vorwärts gehen soll.

  • Astrid Sehnefeld

    Aus der Beschreibung unter dem Bild: "Nach dem Wahlsieg ist sie (Die Linke) mit einer Schmutzkampagne konfrontiert"



    Also wenn man sich mit Größen der Unterwelt auf du und du anspricht und gegenseitig bei WhatsApp chattet oder mit Personen Umgang pflegt, die den Untergang Israels fordern und so nebenbei beste Verbindungen zur Hamas haben, dann ist das keine Schmutzkampagne sondern schon ein virulentes Problem in der Partei.



    Man kann nicht die Vetternwirtschaft und Russlandnähe in der AfD als Problem darstellen, aber selbst Clanbeziehungen und Kontakte zu Personen nahe des islamistischen Terrors pflegen.



    Das ist unglaubwürdig.



    Gerade wenn man sonst so auf Moral und Ethik pocht.



    Springer und NIUS schlachten das Thema zweifelsohne genüsslich aus, aber die Reaktion der Linken, das Thema erst aussitzen zu wollen und sich jetzt als Opfer einer Schmierenkampagne zu gerieren, ist vom Niveau her keinen Deut besser.



    Man hatte die Chance sauber zu reagieren und klare Linien zu ziehen. Das hätte Springer und NIUS viel Wind aus den Segeln genommen und abseits der AfD-Wählerschaft für Respekt gesorgt.



    Es wäre auch ein Türöffner für R2G in Berlin gewesen.



    Chance vertan.