Vorbereitung auf den Schneesturm: Brot war ausverkauft
Am Vortag der befürchteten Schneekatastrophe kauften viele Menschen die Regale leer. Der Staat empfiehlt Vorratskauf auch. Für Arme ist das schwierig.
Donnerstagabend gegen 18 Uhr – die Medien warnten vor Schneetief „Elli“ mit bis zu 15 Zentimetern Neuschnee, und der Bürgermeister appellierte an die Menschen, am Folgetag möglichst daheim zu bleiben – sind beim Bäcker an der Scharbeutzer Straße in Hamburg-Rahlstedt alle Körbe leer. „Brot gibt es nicht“, sagt die Verkäuferin im weißen Kittel. Kein Problem, gleich um die Ecke liegt der Eingang des Edeka. Und der hat immer Brot, abgepackt im Regal. Immer?
Nein. Diesmal nicht. Nicht nur die Gemüsekörbe sind leergeflöht, auch das fünfstöckige Brotregal ist leer. Es gibt noch ein paar Päckchen Schwarzbrot am Rand, aber kein Feinbrot, keine Aufbackbrötchen, keinen Toast. Im Rewe in Hamburg-Niendorf am Abend ein ähnliches Bild. Das sechsstöckige Brotregal ist leer. Auf den nackten Holzlatten liegt nichts. Wer ein Mehlprodukt kaufen will, kann vielleicht noch eine Tüte Zimtschnecken aus dem Nebenregal einpacken. In anderen Supermärkten wie Aldi sollen auch frische Produkte gefehlt haben. Davon berichten Kunden im Netz.
Gab es hier Lieferengpässe? Oder gab es Panikkäufe? „Vermeiden Sie unnötige Wege und aufschiebbare Termine“, hatte Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) per Videobotschaft gemahnt. Klar, dass man dann vorher noch einkaufen geht. Tipps für die Lebensmittelbevorratung gibt der Senat selber nicht. „Wir können aber grundsätzlich den Flyer des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sehr empfehlen, der alltagsnah viele gute Hinweise gibt“, sagt Sprecher Dennis Heinert. Die Seite sei auch auf Hamburg.de verlinkt. „Empfohlen wird das dauerhafte Anlegen von Vorräten für idealerweise zehn Tage, aber auch Vorräte für drei Tage helfen schon sehr.“
Sodann verweist er auf einen Kalkulator dafür, was man braucht. Ein Zwei-Personen-Haushalt sollte für zehn Tage zum Beispiel 6,6 Kilo Brot, Getreideprodukte und Kartoffeln, 8 Kilo Gemüse in Konserven und frische Zwiebeln, 5 Kilo Obstkonserven, Nüsse und Trockenfrüchte, 40 Liter Getränke, 5 Kilo H-Milch und Hartkäse, 2,4 Kilo Fleisch- und Fischkonserven und 0,66 Kilo Öl und Fette vorrätig halten.
Einschränkungen bei Obst und Gemüse?
„Essen und Trinken bevorraten“ könne „in vielen Situationen hilfreich sein“, heißt es in dem besagten Flyer. Unter anderem bei einem plötzlichen Stromausfall oder eben „extremen Wetterlagen“.
Die taz fragte bei Lebensmittelketten nach, wie sie die Lage sehen. Rewe-Nord erklärte, man habe „präventiv“ Zusatzkapazitäten aufgebaut und habe deshalb keine Probleme, weder beim Personal für die Schichten noch bei der Belieferung der Lager mit Waren. „Vereinzelte Ausfälle können schnell kompensiert werden“, sagt Unternehmenssprecherin Rebecca Lehners. Dass es eine gesteigerte Bevorratung der Haushalte gäbe, könne die Handelsgruppe „nicht feststellen“.
Dagegen sagt Edeka-Nord-Sprecherin Gina Liebe: „Wir stellen seit Anfang der Woche fest, dass viele Kunden ihre Einkäufe vorgezogen haben.“ Die Versorgungslage sei zwar gut, aber wegen der Witterung könne es zu Einschränkungen bei Obst und Gemüse und „Streichungen bei einzelnen Frische-Artikeln“ kommen. „Vereinzelt“ könne es wegen des Wetters auch zur verzögerten Belieferung der Märkte kommen.
Auch die Aldi-Nord KG, die wir nach Märkten in den Hamburger Stadtteilen Altona und Rahlstedt fragten, erklärte: „Wir haben in den von Ihnen angesprochenen Aldi-Märken festgestellt, dass die Kundinnen und Kunden dem Rat gefolgt sind, sich auf die Wetterlage vorzubereiten.“ Einzelne Warengruppen seien deshalb „stärker gefragt als üblich“, so Sprecher Thiemo Epping. „Wir haben aber schnell reagiert und konnten kurzfristig neue Ware zuteilen.“
Die Hamburger Linke-Politikerin Olga Fritzsche sieht in dieser Bevorratung ein grundsätzliches Problem. „Es werden wieder wie während Corona auch Klopapier und Nudeln auf Vorrat gekauft“, sagt sie. „Aber wenn die Leute jetzt hamstern, haben die Menschen das Nachsehen, die sich das nicht leisten können. Die sitzen dann zu Hause und haben nichts.“ Die Sozialpolitikerin fordert, dass es zumindest für Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, für die vom Katastrophenschutz empfohlenen Vorräte einen „Zuschuss“ geben müsse.
Am Freitagmittag waren übrigens zumindest in Hamburgs Osten von den 15 Zentimetern Schnee erst 3 gefallen. Ein Kommentator im Radio erklärte, man habe hier keine Schneekatastrophe, sondern schlicht Winter. Und das Brotregal beim Edeka in Rahlstedt war wieder randvoll.
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