Videobeweis beim Fußball: War der Ball in Wembley 1966 doch drin?
Der Videobeweis schafft die Illusion, Gerechtigkeit herzustellen. Das verkennt völlig, wie sehr Fußball von Zufällen und Ungerechtigkeiten abhängt.
D amals, in der guten alten Zeit – nach dem Nationalsozialismus, vor der Aufnahme der DDR –, standen wir ja regelmäßig im Finale der Fußball-WM. 1954, 1966, 1974, 1982, 1986, 1990. Das gehörte sich so. Dreimal gewannen wir in der Zeit, immer verdient, selbstredend. Einmal wurden wir betrogen durch das berüchtigte Wembley-Tor, Geoff Hursts 3:2 für England in der Verlängerung des 66er-Finales.
Der Ball sprang von der Unterkante der Latte auf die Torlinie und wieder heraus. Das sah außer (angeblich) Heinrich Lübke nun wirklich jeder Deutsche ganz genau. Aber neulich sprach ich mit dem Soziologen Hartmut Rosa darüber. Er überlegte und meinte dann: „Ich würde tatsächlich argumentieren: Der Ball war drin.“
Rosa ist für mich einer der wichtigsten Gegenwartsdenker, seine Resonanztheorie hat mein Leben positiv verändert, insofern rastete ich nicht sofort aus, sondern fragte: Äh, wie jetzt?
„Konstellativ ist der Ball nicht drin gewesen“, sagte Rosa, „aber situativ war er drin.“
Wenn es brennt, gibt es Vorschriften
Was meint er damit?
Rosa hat gerade ein grandioses Buch herausgebracht, „Situation und Konstellation“ heißt es. Darin beschreibt er die verloren gegangenen Handlungsspielräume des Menschen durch Bürokratisierung, Verrechtlichung, Digitalisierung, algorithmische Steuerungen und mehr. Statt in einer Situation eigenverantwortlich handeln zu können, findet man sich in einer Konstellation, in der man bestenfalls noch Vorgegebenes ausführen kann.
Zum Beispiel kann ein Bibliothekar um 12.01 Uhr kein Buch mehr ausleihen, selbst wenn er das gern tun würde, wenn seine Software um 12.00 Uhr zugemacht hat. Wenn es brennt, gibt es klare Vorschriften, was zu tun ist. Wer sie befolgt, statt situativ das Angemessene zu tun, wird hinterher strafrechtlich nicht belangt, selbst wenn dadurch Menschen sterben. War ja konstellativ richtig.
Nun hat die Verrechtlichung ja viele Gewinne gebracht, Gleichbehandlung, Minderheitenschutz, Sicherheit. Gleichzeitig sind wir an einem Punkt, an dem mit den Kollateralschäden umzugehen ist. Zum Beispiel stehen Leute auf Donald Trump, weil er sich einen Dreck um Regeln schert und Institutionen und Gesetze verachtet. Das ist eine Reaktion auf ein Gefühl der Ohnmacht und darauf, dass man nichts mehr tun und sagen könne, und für Rosa ein Grund für den Aufstieg des Rechtspopulismus.
Was nun den Fußball angeht, so hat der Videobeweis den Schiedsrichter zu einem Fuzzi degradiert, der nur noch ausführen kann, was ihm ein „Videoassistent“ ins Ohr ruft, der am Bildschirm mit technischer Hilfe strittige Szenen beurteilt. Grund dafür ist die Illusion, so endlich Gerechtigkeit herzustellen.
Das verkennt völlig, wie sehr Fußball (und Leben) von Zufällen und Ungerechtigkeiten abhängt, die alle nicht geregelt werden können. Und es tötet das, was Hartmut Rosa „situative Gerechtigkeit“ nennt. Sein Lieblingsbeispiel: Der Freiburger Lieblingsfußballer Nils Petersen wird in seinem Abschiedsspiel eingewechselt, schießt ein Tor und dann noch eins, was Stadion und Stadt in einen kollektiven Glückstaumel stürzt. Doch dann annulliert der VAR den zweiten Treffer. Konstellativ zu Recht. Aber: Das Spiel war eh entschieden, dies wäre für fast alle SC-Freiburg-Fans (Rosa ist einer) ein Moment für das emotionale Geschichtsbuch gewesen. Das Falsche ist Teil einer Situation und wäre hier das Richtige gewesen.
So kann man das auch mit 1966 sehen: Die armen Engländer haben vorher nie etwas gewonnen (nachher auch nicht), das Finale ist in ihrem allerheiligsten Wembley, also ist es vom Schiedsrichter eine konstellativ falsche, aber situativ angemessene Entscheidung, das dritte Tor zu geben. Sie zehren heute noch davon.
Gut, dass es damals keine VAR-Konstellation gab. Für England. Für uns natürlich nicht.
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